Low, Band 3 (Splitter) | Comicleser

Low, Band 3 (Splitter)

March 10, 2017

Familienglück sieht anders aus als im Hause Caine: der Vater Johls von Piraten umgebracht, die Mutter Stel gegen jede Hoffnung auf dem verzweifelten Weg an die sagenumwobene Erdoberfläche – und alles nur, um dort eine Sonde zu finden, die vielleicht die Koordinaten eines Planeten mitgebracht hat, auf den sich die letzte Schar der Menschheit flüchten könnte, die ansonsten in den riesigen Kuppeln auf dem Meeresgrund unweigerlich erstickt. Der Bruder Marik gestorben beim Versuch, den Schwestern die Flucht zu ermöglichen. Aber immerhin hat es Della Caine tatsächlich geschafft, ihre verschollene Schwester Tajo aus den Klauen des Piraten Roln zu befreien, der einst ihren Vater tötete. Bewaffnet mit einem der letzten, per DNA-Erkennung nur von Angehörigen der gleichen Familie steuerbaren Kampfanzüge, machen die beiden sich auf, ihrer Mutter zu helfen. Aber dafür brauchen sie Nahrung, Energie und Luft – und die gibt es nur in ihrer alten Heimat, der Salus-Kuppel, in die sie deshalb zurückkehren.

Sie staunen nicht schlecht, als ihnen in ihrer verlassenen Wohnung plötzlich Lena über den Weg läuft. Die Ex-Frau ihres verstorbenen Bruders behauptet sie zu sein, und weil sie nicht nur überzeugend erzählt, sondern auch über ein funktionierendes Subx – ein U-Boot – verfügt, nehmen Della und Tajo die Unbekannte mit auf ihre Reise in Richtung nach oben. Es dauert allerdings nicht lange, bis sie erkennen müssen, dass Lena ganz und gar nicht die ist, für die sie sich ausgibt… Szenenwechsel: Stel Caine gelingt es gemeinsam mit dem geläuterten Ex-Piraten Zem tatsächlich, die Erdoberfläche zu erreichen und die Spur der aus dem All zurückgekehrten Sonde aufzunehmen. Die verlassen geglaubte ehemalige Heimat der Menschen ist allerdings in keiner Weise öd und leer: insektenartige Wesen haben ein grausames Regime übernommen und opfern andere Kreaturen rücksichtslos dem Überleben ihres Schwarms. Zerrüttet von der Strahlung, kämpft sich Stel dennoch immer weiter vor – bis ihre Hoffnung, die sie immer vorangetrieben hat, aufs bitterste enttäuscht wird…

Rick Remender verschiebt in diesen Bänden seiner dystopischen Serie (der dritte Band der deutschen Ausgabe bringt die US-Hefte 11-15) den Blick weg von Sozialkritik sowie der Beobachtungen zur Conditio Humana (unmenschliche Umstände erzeugen Unmenschlichkeit) hin zum dem Thema, das auch im parallel erscheinenden „Black Science“ zunehmend Raum einnimmt: den Versuch einer disfunktionalen Familie, irgendwie wieder zusammenzufinden, auch wenn die Umstände schlechter nicht stehen könnten (und nicht mehr viele am Leben sind). Das geschieht ebenso wie in „Black Science“ entlang der zentralen Handlungsidee (hier die Suche nach der Sonde, ist dort der unkontrolliert zeitspringende Pfeiler), wobei Remender offenbar Spaß an der episodischen Erzählweise gefunden hat: anstelle der ausschweifend-psychedelischen Handlungsführung steht auch bei „Low“ nun die Hatz von einem Cliffhanger zum nächsten, was durch einen regelmäßigen Perspektivenwechsel noch gesteigert wird: pro Episode bzw. pro Einzelheft erleben wir die Geschicke der Schwestern Della und Tajo im Wechsel mit der Odyssee ihrer Mutter an der Oberfläche.

Panel aus Band 3: Beispiel für die Farbgebung

Den philosophischen Überbau, den er anfänglich einbringt (Stel ist eine Anhängerin der Quantumologie, nach der die Realität durch unsere Einstellung erst entsteht und durch positives Denken geformt werden kann), unterläuft Remender dabei radikal: Stels hartnäckige Hoffnung wird schon allein dadurch bitter enttäuscht, dass sich auf der Oberfläche eben auch eine grausame neue Ordnung etabliert hat. Ihre Töchter sind längst vollkommen voneinander entfremdet, und die angebliche neue Angehörige tut ihren Teil, das Familienidyll zu sprengen. Da scheint Remender doch irgendwie wieder von seiner zutiefst negativen Weltsicht eingeholt zu werden, obwohl er doch in Stel ganz bewusst einen Kontrapunkt zu seinen vielen Antihelden setzen wollte. Unverändert bleibt dabei die opulente optische Inszenierung durch Greg Tocchini, der auch in diesen Episoden seine gekonnte Mischung aus franko-belgischem Stil mit extravaganten Panel-Explosionen und emotionaler Farbgebung zelebriert (die Szenen im Subx sind in Notstrom-Rot getaucht, während die Oberfläche im gleißend-versengenden Gelb der Sonne erstrahlt). Eine spannungsgeladene, rasende Fahrt, bei der wir uns angesichts der pechschwarzen Stimmung langsam fragen, wie das alles noch enden soll. Wir sind gespannt und warten auf den Sammelband Nr. 4. (hb)

Low, Band 3: Ufer des sterbenden Lichts
Text: Rick Remender
Bilder: Greg Tocchini
136 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
22,80 Euro

ISBN: 978-3-95839-483-4

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