Low, Band 2 (Splitter) | Comicleser

Low, Band 2 (Splitter)

Mai 24, 2016

Low, Band 2 (Splitter)

Buchstäblich immer dünner wird die Luft für die wenigen Überlebenden, die sich auf den Grund der Ozeane zurückgezogen haben, weil die Sonne die Oberfläche verbrannt hat. Mit zur Neige gehenden Vorräten und immer giftigerer, ewig recyceltem Sauerstoff vegetiert man dahin, aber die Salusierin Stel Caine glaubt fest an die Chance der Rettung, so entlegen sie auch sein mag. Als eine der vor Jahrhunderten auf die Suche gesendeten Sonden tatsächlich zurückkehrt, mach sie sich auf, um dieses Relikt aus besseren Zeiten zu bergen, da sich hier die Koordinaten für eine neue Heimat für die Menschheit finden könnten. Aber sie hat die Rechnung ohne den rabiaten Rols gemacht: der grausame Pirat überfällt das Subx, mit dem die ganze Familie Caine nach oben unterwegs ist, tötet ihren Sohn Marik, entführt die beiden Töchter Della und Tajo und hinterlässt das schwer havarierte Schiff dem scheinbar sicheren Tod…

Szenenwechsel, zehn Jahre später. Die Chefin des Gedankenministeriums führt ein Doppelleben. In der voldanischen Kuppel herrscht unter dem Zar Dvonyen ein grausames Regime: jeder noch so kleine Hoffnungsfunke auf Rettung gilt als gefährlich, denn Hoffnung bringt Mut, Phantasie und damit Aufruhr. Das Gedankenministerium hat die Aufgabe, diese Tendenzen im Keim zu ersticken. Als Gerüchte über die Rückkehr einer Sonde aufkommen, brodelt es im Untergrund: die heimlich arbeitenden, verfolgten Künstler drucken weiter Pamphlete und Gemälde von einem Leben an der Oberfläche, was bei Todesstrafe verboten ist. Bei einer Razzia fällt der Gedankenpolizei Beweismaterial in die Hände, das sie direkt zu einem der Maler führt – und das ist niemand anders als die Geliebte der Ministerin, die sehr gut weiß, was ihre Freundin anstellt. Die Ministerin zieht eine grausame Konsequenz und erschießt ihre Lebensgefährtin, bevor die Polizei eintrifft.

Wieder Szenenwechsel: Seth ist nicht tot, sondern hat durch die Mithilfe des abtrünnigen Piraten Zem Gotir, der von seinem ehemaligen Boss Roln verstoßen wurde, überlebt. Gemeinsam mit Gotir und der mutierten Mertali sucht sie verzweifelt nach Treibstoff und Nahrung, um doch noch an die Oberfläche zu gelangen. Ihre Töchter hält sie für unrettbar, den Tod ihres Sohnes hat sie nie verwunden. Als sie rabiaten Sirenenwesen mit vampirhaften Neigungen in die Flossen fällt, scheint alles verloren – aber in einem furiosen Kampf gelingt ihr mit Hilfe von Mertali die Flucht… Wieder neuer Blickwinkel: in einem Flashback erfahren wir, wie der Pirat Roln die beiden Töchter von Seth dem Zar Dvonyen als Bezahlung für Sauerstoff und Treibstoff überlassen hat. Dvonyen unterzieht Della einer Gehirnwäsche, so dass sie zehn Jahre später für das Regime arbeitet – als eben die Vertreterin des Gedankenministeriums, die wir schon weidlich erleben durften. Als allerdings die Jagd auf sie selbst beginnt, kommt es zu einer dramatischen Wendung: als alles verloren scheint und die Polizei sie in eine Falle gelockt hat, greift plötzlich die verloren geglaubte Schwester Tajo ein und entfesselt in ihrem Kampfanzug, den sie als einer der letzten Salusier bedienen kann, ein wahres Inferno. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, um ihre Mutter zu suchen, die sich nach einem apokalyptischen Gefecht auf den kurz bevorstehenden Durchbruch zu Oberfläche vorbereitet…

Low, Band 2 (Seite)

Blutige Action: Farbe als Stilmittel in Low

Anti-Utopie! Waterworld in Böse (und gut!) Piratendrama! Familienträgodie! Horrorschocker! Was kann man nicht alles herbeizitieren, um diese fulminante Serie von Rick Remender und Greg Rocchini zu beschreiben. Ganz im Zuge düsterster Negativ-SF der 70er vom Schlage Soylent Green, entwickeln sie das Grundszenario einer langsam erstickenden Zivilisation, wobei die Dekadenz der Salusier, die wir im ersten Band bestaunen konnten, in der hier im Mittelpunkt stehenden Kuppel einem direkt aus George Orwell entlehnten Totalitarismus weicht: wie im London von Orwells Winston Smith sind schon unerwünschte Gedanken strafbar, die marodierenden Truppen des Ministeriums gebärden sich dabei als kaum kaschierte faschistische Horden, die Kunst und Kultur gnadenlos auszumerzen versuchen. Und neben der straighten Action, die der Kampf von Seth gegen den sicher scheinenden Tod bietet, steht auch noch ein existentialistisches Plädoyer für die Hoffnung, die jeder Mensch in sich selbst finden muss – nicht blindes Vertrauen, dass alles irgendwann einmal besser wird, sondern die Gabe, immer auch die guten Seiten zu sehen und sich jeden Tag aufs Neue am eigenen Leben zu erfreuen, trotz aller unvermeidlicher Schattenseiten.

Diese Sinnstiftung in einer düsteren Welt, die wir eigentlich von rollkragenpulloverten, Gauloises kauenden Franzosen in den 50ern kennen, bringt eine nachdenkliche Tiefe ins Geschehen. Der eigentliche Star ist allerdings die zeichnerische Gestaltung, mit der Herr Tocchini immer wieder für explosive, krachige Panels sorgt, die einem bisweilen nur noch Staunen lassen. Großformatig, dynamisch, mit expressiver Farbgebung und eindringlichem Schwung kommen die Bilder daher und vermitteln die Emotionen der Figuren kongenial. Auch wenn der Erzählfluss durch die wechselnden Perspektiven und Zeitebenen anfangs ein wenig herausfordert, lässt einen auch der zweite Band der Serie nicht los und erzeugt einen atemlosen (sorry, der musste sein) Cliffhanger: was wird Seth an der Oberfläche finden? Bringt die uralte Sonde wirklich Hoffnung, oder nur neue Enttäuschung? Wir sind mehr als nur gespannt. Der vorliegende Hardcover-Band im Bookformat enthält die US-Hefte 7-10 von 2015, die gesammelt unter dem Titel „Low 2: Before The Dawn Burns Us“ erschienen sind. (hb)

Low, Band 2: Bevor uns die Morgendämmerung verbrennt
Text: Rick Remender
Bilder: Greg Tocchini
112 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
19,80 Euro

ISBN: 978-3-95839-099-7

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