Der Rote Korsar, Band 7 (Egmont) | Comicleser

Der Rote Korsar, Band 7 (Egmont)

September 9, 2016

Der Rote Korsar, Band 7 (Egmont)Afrika, im Golf von Guinea. Hier kreuzt der „Schwarze Falke“, das Schiff des Roten Korsaren, auf der Suche nach fetter Beute, sprich: englischen Schiffen. Bei einem Landgang, in dessen Zuge Proviant aufgenommen werden soll, wird eine Gruppe unter Führung Ricks, des Sohns des Korsaren, von Eingeborenen aus dem Stamm der Bangas gefangen genommen, die ganz schlecht auf Weiße zu sprechen sind. Für die droht der Kochtopf, denn vor drei Jahren wurden zahlreiche Bangas, darunter auch Mongo, der Sohn des Häuptlings Mokoteke, von Sklavenhändlern verschleppt und irgendwo in der Karibik verkauft. Mit Hilfe Babas gehen Rick und sein Vater einen gefährlichen Handel mit Mokoteke ein: Bis auf Rick bleibt der Rest der Gruppe in Afrika als Geiseln der Bangas, solange der Rote Korsar die Banga-Sklaven, die vermutlich auf Jamaika sind, aufspüren und nach Hause zurückbringen muss. Dafür bleiben ihm nur sechs Monate Zeit.

Doch zuerst plagen den Korsaren ganz andere Probleme. Es fehlt an Gold, um die Banga-Sklaven freizukaufen. Und Gold muss schnell her, denn die Zeit ist knapp. So reift ein gewagter, wie tollkühner Plan: die spanische Goldflotte ankert auf dem Weg in die Heimat auf den Kanaren. Dorthin – in mitten des Feindes – schleicht sich der „Schwarze Falke“, getarnt als deutsches Handelsschiff. Mit diversen cleveren wie dreisten Täuschungen und Listen gelingt es, das Schiff der Flotte zu identifizieren, das mit Gold beladen ist. Schließlich kann das Schiff isoliert und geentert werden, da der Rest der Goldflotte vorher sabotiert wurde und nicht in den Kampf eingreifen kann. Jetzt auf nach Jamaika. Reichlich mit Gold beladen ankert der „Schwarze Falke“ heimlich, während der Rote Pirat und Rick einen ehemaligen Spion aufsuchen, dessen Taverne der Ausgangpunkt für die Sklavensuche werden soll. Doch die erweist sich als unnötig. Denn Mongo, den Sohn Mokotekes, kennt hier auf der Insel inzwischen jeder. Mongo zettelte eine Sklaven-Revolte an. Zahlreiche weisse Grundbesitzer und Sklavenhalter wurden niedergemetzelt, während sich deren Sklaven Mongo anschlossen. Jetzt führt der einen Guerillakrieg gegen die Engländer und – Überraschung – will gar nicht mehr zurück in seine afrikanische Heimat…

Nach dem Ausstieg Victor Hubinons („Buck Danny“) und der Übernahme der Serie durch den Veteran Jijé („Spirou“, „Tanguy und Laverdure“) und Lorg (d.i. Jijés Sohn) erfuhr der franko-belgische Comic-Klassiker hier – wir schreiben das Jahr 1983 – eine weitere Zäsur: mit Patrice Pellerin übernahm ein bisher gänzlich unbekannter Zeichner die prestigeträchtige Reihe, die nach wie vor von Jean-Michel Charlier („Leutnant Blueberry“) geschrieben wurde. Was zu einem Kuriosum führte: da Christian Gaty zeitgleich ein Album, das der inzwischen verstorbene Jijé begann, fertig zeichnete, arbeiteten gleich zwei Zeichner mit verschiedenen Alben an einer Serie. Jijés und Gatys Alben werden in einem späteren Band dieser Gesamtausgabe veröffentlicht. Hier, mit Band 7 widmen wir uns zuerst und komplett dem Korsaren aus der Feder von Patrice Pellerin, denn nach den beiden hier enthaltenen Abenteuern („Die goldene Flotte“, „Revolte auf Jamaika“) war für ihn bereits Schluss. Noch ein Kuriosum: eine geplante dritte Geschichte und deren erste Comicseiten führte direkt zu Pellerins eigener Seefahrer-Reihe „Der Schrei des Falken“, die auf Deutsch bei Comicplus verlegt wird.

Und täglich grüßt das Murmeltier...

Und täglich grüßt das Murmeltier…

Das Sekundärmaterial dieses Bandes ist dann auch äußerst ausführlich, da einiges zu erklären ist. Pellerins Werdegang wird geschildert (inkl. Interview), wie auch die aktuelle Situation der Serie, die der alternde Charlier (er starb 1989) noch fest im Griff hat. Für ein Debutwerk wirkt Pellerins Strich überaus reif, ist im ersten Album angesiedelt irgendwo zwischen den Zeichenstilen von Franz, Jijé und Giraud (als er das Epos um das Südstaatengold zeichnete). Realistisch, opulent, detailreich. Aber bereits im zweiten Album kristallisiert sich ein eigener Stil, v.a. sichtbar an der Erscheinung Ricks, heraus, der in einer Kombination aus reduzierter Eleganz und nuancierteren Farbgebung mehr und mehr an die Werke André Juillards erinnert. Charlier verliert auch qualitativ – trotz „dualem System“ – nicht den Überblick über seinen Korsaren. In typischer Manier vereint er zwei im Grunde völlig unterschiedliche Geschichten unter einem Dach, indem er das Leitmotiv der in Afrika zu rettenden Kameraden voranstellt und die Alben so inhaltlich verbindet. Ähnlich ging er auch bei Buck Danny oder Blueberry vor. Auch bringt er die dunkle Seite des Roten Korsaren zum Vorschein, etwa als dieser impulsiv wie rücksichtslos denkend wieder zum Piraten wird oder als er Gefangene über Bord wirft, um sein Schiff zu erleichtern und so die feindlichen Engländer aufzuhalten. Gegenpol ist sein besonnener Sohn Rick, der in der ersten Episode in Ketten gelegt wird, damit er nicht in Versuchung kommt, den skrupellosen Plan seines Vaters zu vereiteln oder zu durchkreuzen.

Neben dem bereits erwähnten umfangreichen Sekundärpart enthält der Band als Bonus eine zweiseitige, schlüpfrige Serien-Parodie Pellerins, die in den berühmten Running Gag mündet, der aus Asterix bekannt ist: die Piraten treffen auf uns wohl bekannte Gallier und ziehen dabei massiv den Kürzeren. Inklusive Lateinischer Weisheit von Dreifuss. Außerdem dabei: die ersten Seiten des aufgrund des Todes von Charlier nicht realisierten dritten Korsaren-Abenteuers, die gleichzeitig (nur mit geringfügigen Änderungen) die ersten Seiten von Pellerins eigener Serie, „Der Schrei des Falken“, wurden. So besticht der Band nicht nur durch eine klassische Abenteuer-Geschichte für alle Altersgruppen, sondern ist auch als würdige Dokumentation der jüngeren franko-belgischen Comicgeschichte zu sehen, in der sich ein Generationswechsel ankündigt, bzw. dieser bereits stattfindet. Mehr kann man von einer Gesamtausgabe nicht verlangen. (bw)

Der Rote Korsar Gesamtausgabe, Band 7: Schachmatt den Sklavenhändlern
Text: Jean-Michel Charlier
Bilder: Patrice Pellerin
160 Seiten in Farbe, Hardcover
Egmont Comic Collection
29,99 Euro

ISBN: 978-3-7704-3917-1

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