
George McWhirter Fotheringay ist Angestellter bei einem Notar, bekennender Rationalist und vor allem die „personifizierte Mittelmäßigkeit“. Als er im Pub beweisen will, dass der Glaube an Wunder reiner Unfug ist, geschieht das Gegenteil: eine Petroleumlampe dreht sich und brennt weiter. Anfangs noch zögerlich, findet Fotheringay Freude an seiner Gabe – aber da er „kein außergewöhnlicher Mann“ ist, fallen ihm nur triviale Dinge wie Streichhölzer, Zigaretten, Blumensträuße und die Möglichkeit ein, der Berg Urkunden im Büro könne sich doch auch selbst erledigen (was prompt so geschieht). Als er allerdings mit dem Dorfpolizisten Constable Winch aneinandergerät, eskaliert die Lage: Fotheringay ruft aus „Fahr zur Hölle!“, was der verdutzte Bobby sofort tut und sich neben dem Leibhaftigen wiederfindet.
Leidlich schockiert, sucht Fotheringay in Folge Rat bei einem angeblichen Medium, einem Arzt und einem Psychoanalytiker, die ihm zwar allesamt die exakt gleiche Rechnung stellen, ihm allerdings keinesfalls weiterhelfen können, weil man sich entweder selbst ertappt fühlt oder nur Schulmedizin anraten kann. Richtig scheint Fortheringay erst bei Pastor Maydig zu sein, der allerdings in erster Linie seine Chance wittert, im Zuge dieses Sensationsfunds selbst in der Kirchenhierarchie aufzusteigen. Als Mayding die Idee hat, Fotheringay solle die Zeit anhalten, indem er die Erddrehung stoppt, kommt es zur Katastrophe…
In seiner 1898 erstmals erschienen Kurzgeschichte „The Man Who Could Work Miracles“ legte der bekennende Rationalist Wells eine satirische Fingerübung vor, in der er die These ausbreitet: der Glaube an jegliche Metaphysik, hier eingekleidet in Wunder, ist absurd, und wenn es sie gäbe, dann würden sie unerbittlich zur Zerstörung dessen führen, der sie wirken kann (was den durchaus gläubigen G. K. Chesterton als Engstirnigkeit erboste, was im hier als Anhang enthaltenen Essay „Die Rückkehr des Don Quijote und Probleme der Realität“ deutlich wird). In der Gestalt des mediokren Fotheringay kombiniert Wells Züge des Zauberlehrlings, der sich die Instrumente seines Herren naiverweise zu Nutze machen will, dem über seine Verhältnisse boxenden Prometheus, aber auch seiner eigenen Schöpfung: auch der Wissenschaftler Griffin erlangt durch seine Unsichtbarkeit kurzzeitig scheinbar grenzenlose Macht, mit der er letztlich nicht umgehen kann.
Die Pseudowissenschaft der „scientific romances“ von Wells blitzt auch in der genauen Beschreibung der Erdgeschwindigkeit auf (15 km pro Sekunde), deren abruptes Anhalten alles auf der Erde befindliche zerstört – wobei Maydigs völlig unwissenschaftliche Idee, die Zeit anzuhalten, indem man die Erde anhält, sogar im wundervollen Superman-Film 1978 wieder auftaucht. In seiner gelungenen Umsetzung fügt José-Luis Munuera der Vorlage einige Elemente hinzu (so etwa finden die Besuche bei Medium, Arzt und Psychiater bei Wells nicht statt), baut einige hübsche Ideen ein (in San Francisco, wohin Fotheringay den Polizisten auch verfrachtet, stehen an einer Straßenecke zwei Gestalten, die sehr eindeutig an Stan Laurel und Oliver Hardy angelehnt sind) und durchbricht des Öfteren die Vierte Wand („Und das gilt auch für Sie, liebe Leser“; „Abgesehen vom Verlust der wundersamen Fähigkeiten ist diese Szene völlig identisch mit der dritten Seite dieser Erzählung.“).
Auch optisch gestaltet Munuera das Geschehen stimmig, in Doppelseiten ohne Dialog wird die Stimmung einfangen, und in der Höllenszene sieht sich Winch einem Teufel gegenüber, der so mancher Faust-Verfilmung zu Hause sein könnte. Apropos Film, Wells selbst verfasste das Drehbuch der ersten Kinofassung der Erzählung mit, die 1936 als eine Alexander Korda-Produktion in England entstand und die Vorlage reichlich frei interpretierte. Somit ebenfalls sicherlich einen Blick wert – wobei natürlich der einzig wahre Miracle Man von Alan Moore stammt. (hb)
Der Mann, der Wunder vollbringen konnte
Text & Bilder: José-Luis Munuera, nach H.G. Wells
72 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
19,80 Euro
ISBN: 978-3-68950-139-6