Chrononauts, Band 2 (Panini) | Comicleser

Chrononauts, Band 2 (Panini)

September 30, 2020
Chrononauts, Band 2: Zukunftsschock (Panini Comics)

Zeitnot hat für die beiden Science-Rocker Corbin Quinn und Danny Reilly eine gänzlich andere Bedeutung: die Herrschaften verstehen es zwar famos, mit ihren Chrono-Anzügen in die Vergangenheit zu reisen, aber die Versuche, in die Zukunft vorzustoßen, schlagen regelmäßig fehl. So etwa landet man per Flug mit der Time Hawk (in schicker Elektro-Gitarren-Form) anstatt in der Welt von morgen im Rom des Jahres 1506, wo man sich flugs eine Behelfs-Zeitmaschine baut und so den Rücksprung schafft – natürlich nicht, ohne sich ein Selfie mit einem verdutzten Leonardo da Vinci gesichert zu haben. Während Danny den Gedanken nicht loswerden kann, in der Vergangenheit den Unfalltod seiner Mutter zu verhindern – was natürlich höchst verboten ist, nachdem dies den Verlauf der Geschichte inklusive Erfindung der Zeitreisen empfindlich stören könnte -, bekommt er des Nachts hohen Besuch: niemand anders als der alte Uni-Professor Cross tritt ihm da aus einem Zeittunnel entgegen und eröffnet ihm eine spektakuläre Wahrheit. Cross hat schon vor zehn Jahren Das Geheimnis der Zeitreise entschlüsselt und sich in Richtung Zukunft aus dem Staub gemacht – genauer gesagt ins 23. Jahrhundert.

Dort hat Cross mit seiner Firma Crosscorp eine Art Utopia geschaffen, in dem das Leben fast zu schön ist, um wahr zu sein.  Das kommt natürlich nicht von ungefähr, wie Cross den beiden Zeitreise-Rockern erklärt: durch geschickte Eingriffe in den Zeitstrom eliminiert man unliebsame Entwicklungen, bevor sie überhaupt eintreten können. Ausgangspunkt für Cross‘ Manipulationen ist das Jahr 2008, in dem in der regulären Zeitschleife Paris von einem Attentat komplett ausgelöscht wird, was Cross zu verhindert weiß. Cross holt zur weiteren Überzeugungsarbeit auch Dannys Großeltern in die Zukunft, wo Nanobots problemlos Opa Reillys Alzheimer heilen. Fast schon sind unsere Jungs restlos begeistert, als ihnen Cross einen prekären Auftrag anbietet: wenn man nichts unternimmt, wird sich im 25. Jahrhundert ein faschistisches Regime etablieren. Um das abzubiegen, sollen die beiden im Jahr 2019 die rechtsradikale Vloggerin Sophie, zu dem Zeitpunkt gerade einmal 10 Jahre alt und am Beginn ihrer Hetzkarriere, eliminieren. Als Corbin und Danny sich weigern, werden sie kurzerhand von Cross‘ Assistentin erschossen – die sich daraufhin auf den Weg in die Vergangenheit macht, um auch die früheren Inkarnationen der beiden aufrechten Streiter aus dem Weg zu räumen…

Mag sein, dass Mark Millar mittlerweile mehr im Streaming-Metier unterwegs ist und exklusive Inhalte für einschlägige Kanäle (in Worten Netflix) liefert: auch sein Comic-Opus macht nach wie vor höllische Laune, so auch diese Fortsetzung des fulminanten Zeitreise-Epos um die beiden unkonventionellen Chrononauten, die im ersten Abenteuer in der Vergangenheit für allerlei Aufruhr sorgten. Namentlich bedient sich Millar hier beim soziologischen Werk „Futureshock“ von 1970, in dem Alvin Toffler und Adelaide Farrell allerdings weniger über Zeitreisen, als vielmehr über die drohende Überforderung der Gesellschaft durch eine zu hohe Anzahl von Veränderungen nachdachten. Schockierend ist in Millars wilder Zeitenjagd eher die Idee, dass sich der wissenschaftliche Vorsprung in Sachen Know-How zum Schlüssel entpuppt, die Welt nach klarem Gusto zu gestalten.

Professor Cross, dessen Firma nicht umsonst verdächtig ähnlich klingt wie das Konglomerat eines gewissen Norman Osborn, schwingt sich kurzerhand zum Herrn über das Schicksal auf: so etwa bringt er mit seiner Assistentin Ende der 60er Marilyn Monroe um die Ecke, um ein Amtsenthebungsverfahren gegen JFK zu verhindern, durch das die Kuba-Krise komplett eskalieren würde. Das klingt auf dem Papier alles schön und gut, das 23. Jahrhundert ist in der Tat eine schillernde Futureworld, die nach den Worten unserer Chrononauten deutlich mehr nach Buck Rogers aussieht als eine finstere Dystopie von Ridley Scott (Millar ist eben immer für ein bisschen Meta-Ebene gut). Aber rechtfertigt dies wirklich den Griff in die Geschichte nach Gutdünken, bis hin zur Ermordung eines 10jährigen Mädchens, das vielleicht doch auch anderweitig sozialisierbar wäre? Das verneint Mark Millar durchaus und stellt den freien Willen klar nach vorne – nur um in Form des Schicksals von Dannys tödlich verunglückter Mutter, für die sich doch ein Hintertürchen findet. Insgesamt wieder ein fröhlicher, schmissiger Zeitreigen, teilweise amüsant, teilweise nachdenklich und in Teilen auch sehr gefühlvoll. Bestens somit.  (hb)

Chrononauts, Band 2:  Zukunftsschock
Text: Mark Millar
Bilder: Eric Canete
132 Seiten in Farbe
Panini Comics
17 Euro ISBN: 978-3-7416-1753-9

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