Unruhige Geister und stille Gefährten (Carlsen) | Comicleser

Unruhige Geister und stille Gefährten (Carlsen)

Oktober 31, 2019
Unruhige Geister und stille Gefährten (Carlsen Verlag)

Kurzgeschichten von Jiro Taniguchi, dem berühmten japanischen Comickünstler, der außerhalb Japans erst in Frankreich und dann auch in der europäischen Comicszene Fuß fasste und dort hoch geschätzt wurde und wird. Die Werke Taniguchis, der im Februar 2017 starb, erscheinen bei uns im Carlsen Verlag und bei Schreiber & Leser. Nachdem Carlsen im letzten Jahr mit „Im Jahrtausendwald“ sein letztes groß angelegtes und unvollendet gebliebenes Projekt veröffentlichte, bringt der Verlag nun eine Sammlung von Erzählungen heraus, die bisher auf Deutsch nicht zu lesen waren und die als gemeinsamen Nenner allesamt phantastische Motive beinhalten, welche mal mehr und mal weniger ausgeprägt sind.

Gleich zu Beginn wird ein Junge in einem seltsamen Taucheranzug an das Ufer einer kleinen Insel gespült, auf der ein imposanter Leuchtturm steht. Der Junge, offenbar ohne Gedächtnis und stumm, wird von der Familie des Leuchtturmwärters als verschollener Sohn aufgenommen. Eine warmherzige Geschichte, die sich am Ende als lupenreine Science Fiction Story entpuppt („Aus einer anderen Welt“). Nach einem Essay, in dem Taniguchi über seine Beziehung zu Frankreich sinniert (inkl. der Sprachbarriere), begleiten wir den irisch-amerikanischen Schriftsteller Lafcadio Hearn (1850-1904), der im 19. Jahrhundert nach Japan auswanderte, bei Spaziergängen durch seine Wahlheimat Edo (Tokio). Hearn war auf einem Auge blind, und mit diesem blinden Auge „sieht“ er diverse geisterhafte Visionen aus der Vergangenheit: Ein Samurai, der einem vermeintlichen Gespenst begegnet, oder eine Frau die einen Fremden zu ihrem Grab führt („An einem unbekannten Ort“, Teil 1+2).

Jetzt folgt ein Einblick in das kleine Notizbuch, das Taniguchi immer bei sich trug, um Momentaufnahmen festzuhalten. Spontane Ideen, Portraits und Skizzen in verschiedenen Stilarten, als Inspiration und Studien für kommende Projekte und Geschichten. In „Der magische Berg“ begleiten wir dann den jungen Ken’ichi, der 1967 bei seinen Großeltern wohnt (die schwerkranke Mutter ist im Krankenhaus) und der entdeckt, dass er mit einem Salamander reden kann. Das Tier, so stellt sich heraus, ist der Sohn des Schutzgottes des Berges, der von einer Burgruine dominiert wird. Die Geschichte erinnert mit diversen Motiven an „Im Jahrtausendwald“: ein Junge mit einer kranken Mutter, diverse fantastische Wesen und die Fähigkeit, mit der Natur kommunizieren zu können. Wieder eine angenehme, trotz aller Phantastik unspektakulär und elegant in Szene gesetzte Story mit einem gönnenden Happy End.

Mit „Die Begleiterin“ folgt nun das letzte Werk Taniguchis, das parallel zu „Im Jahrtausendwald“ entstand und das ebenfalls unvollendet blieb: In einer fast surrealen Umgebung begegnet ein Mann einer unheimlichen, aber faszinierenden Frau, der er auf einem Damm im Schilf am tosenden Meer folgt. Er fühlt sich zu ihr hingezogen, weiß aber nicht warum. Die Story, eine Adaption einer Kurzgeschichte des Autors Hyakken Uchida, zeichnete Taniguchi mit heller Tusche, Bleistift und Deckfarbe. Ein etwas anderer Stil, der die fantastische Atmosphäre begünstigt. Ähnlich wie bei Hergés letztem Werk „Tim und die Alphakunst“ entschloss man sich, auch die unfertigen, nur als Skizze vorliegenden Seiten abzudrucken, sodass zumindest das erste Kapitel der Erzählung vorliegt.

Bis zuletzt war Taniguchi demnach aktiv, voller Tatendrang und Zukunftspläne. Der Band, der trotz oder gerade wegen des phantastischen Einschlags die Charakteristiken von Taniguchi Werken aufzeigt (bedächtige Erzählweise; besinnliche, entschleunigende Episoden mit poetischen Touch, wie Spaziergänge; die Verbundenheit mit der Natur – also nichts für Action-Gemüter, daher auch die Verortung des Verlags in den Graphic Novel Bereich), ist für alle Fans und Freunde des Künstlers eine schöne, wie auch wehmütige Ergänzung zu den erhältlichen Werken und macht deutlich, wie vielseitig, besonnen und überlegt Taniguchi zu Werke ging, und was uns durch seinen Tod für immer vorenthalten bleibt. (bw)

Unruhige Geister und stille Gefährten
Text & Bilder: Jiro Taniguchi
192 Seiten in Schwarz-Weiß, Hardcover
Carlsen Verlag
22 Euro

ISBN: 978-3-551-77880-2

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