Reiche Ernte, Band 1 (Panini) | Comicleser

Reiche Ernte, Band 1 (Panini)

Oktober 17, 2019

Verträumt sollte es eigentlich sein, das kleine Städtchen, in dem Journalist Mike für einen Magazin-Artikel recherchiert. Zumindest. Stattdessen ist es weitgehend menschenleer. Und still – v.a. morgens ist kein Laut zu hören. Keine Vögel, keine Kirchenglocken. Und dazu plagen Mike seltsame Alpträume. Als der Journalist in einer alten Kirche ein verblüffend realistisches und detailgetreues Modell der Stadt entdeckt, das geradezu lebendig zu sein scheint, wird sein mulmiges Gefühl nicht besser. Auf der Suche nach dem Grab des Schöpfers des alten Stadtmodells begegnet er auf dem Friedhof unheimlichen, spielenden Kindern und muss bald erkennen, dass er geradewegs in sein Verderben läuft. Aber da ist es schon zu spät…

„Das Modell“ ist die erste und längste Story im neuen Panini-Album „Reiche Ernte“, das Adaptionen von Kurzgeschichten beinhaltet, die vom österreichischen Autor Matthias Bauer stammen. Die Episoden sind makaber, gruselig, unheimlich und folgerichtig auch ohne Happy End. Und sehr unterschiedlich – sowohl in Originalität als auch in Qualität. Manche, wie „Das Modell“ erinnern in ihrer morbiden Atmosphäre an große Genre-Vertreter, wie Lovecraft. Die Titelstory, die von einem seltsamen Priester in einem KZ kurz vor der Befreiung handelt, kommt mit einem apokalyptischen Twist daher. In „Falle“ ist ein junges Paar nach einem Erdrutsch in einem alten Bergwerksstollen eingeschlossen – folglich dominieren hier auch optisch Schwärze und Finsternis. „Schatten“, in dem ein Autor seine Schreibblockade und seine Ehefrau überwinden will, mutet dann wieder eher wie eine Story aus Basteis seligen Gespenster Geschichten an.

Das Salz in der Suppe aber sind die Zeichnungen, mit denen sich ein lange verschollener Künstler (zumindest was die Neunte Kunst betrifft) wieder zurückmeldet: Chris Scheuer erhielt bereits 1984 beim ersten Comic-Salon in Erlangen den allerersten Max & Moritz-Preis als bester deutschsprachiger Künstler, danach veröffentlichte er u.a. in Schwermetall und zeichnete nach Scripts des Comic-Routiniers Rodolphe (u.a. Centaurus, TER) diverse Kurzgeschichten um die verträumte und betörende Schönheit Marie Jade, die als Album auch in Frankreich erschienen (ein Scheuer-Druck mit der Dame ziert noch immer mein Büro). Dann kam bei Carlsen noch „Sir Ballantime“ leider nicht über das erste Album hinaus und dann wurde es Mitte der Neunziger langsam wieder ruhig um den Grazer Zeichner, der auch Nick Nickel-Werbecomics für Audi/Volkswagen zeichnete.

Zwischendurch tauchte er zwar noch einmal in Erlangen am Stand von Eckart Schott auf, dann war lange Zeit Sense in Sachen Comics und Chris Scheuer. Bis Panini nun unerwartet und plötzlich „Reiche Ernte“ ankündigte, einen Dreiteiler mit Adaptionen von Schauergeschichten von Matthias Bauer. Scheuers Zeichenstil ist nach wie vor unverkennbar, auch wenn in den Bildern die Eleganz der „alten Zeiten“ etwas verblasst zu sein scheint. Dennoch sind die Panels schön plakativ gestaltet, mit einem mutigen tiefschwarzem Strich, großen Lettering und einer Scheuer-typischen Eleganz. Leider kommen die Farben – bei dem Genre kein Wunder – nur sporadisch zum Einsatz. Gerade bei „Sir Ballantime“ sorgte die Farbgebung seinerzeit für einen zusätzlichen Augenschmaus.

Aber egal, nach Matthias Schultheiss vor einigen Jahren meldet sich nun ein weiterer deutschsprachiger Comic-Veteran zurück. Und Schultheiss bekam heuer beim Comicfestival in München den Preis für sein Lebenswerk verliehen. Wer weiß, vielleicht hat Scheuer mit „Reiche Ernte“ wieder Blut in Sachen Comics geleckt und bleibt uns nun wieder auf längere Zeit erhalten. Zu wünschen wäre es ihm und uns allemal. (bw)

Reiche Ernte, Band 1
Text: Matthias Bauer
Bilder: Chris Scheuer
72 Seiten in Farbe & Schwarz-Weiß, Hardcover
Panini Verlag
17 Euro

ISBN: 978-3-7416-1445-3

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