15. Internationaler Comic-Salon Erlangen | Comicleser

15. Internationaler Comic-Salon Erlangen

June 21, 2012

Schlange stehen am Haupteingang

Manchmal lohnen sich das Auspacken und die Rückkehr in die Geheimidentität als bürgerlicher Mensch eigentlich gar nicht.  Da hat man kaum Säckel, Kostüm und Schuhwerk von konzertanten Hochgenüssen im Frankenland gesäubert und einen kurzen Abriss zu Rock im Park geliefert, da darf man das ganze Geraffel schon wieder herausräumen, das Bat-Anti-Hai-Spray dazupacken und in die genau gleiche Richtung abfliegen – paar Kilometer weiter zwar, aber doch um die Ecke.

Schließlich haben wir eine runde Jahreszahl, was heißt: es ist Comic-Salon! Unter der spaßigen Flagge csxv.12 feierte das zweijährliche Stelldichein der durchgeknallten Leser und Sammler der Bildstreifenbände seine 15. Inkarnation. Austragungsort war wie immer in Erlangen (Rock City). Obwohl die Comicindustrie ja trotz aller bildungsbürgerlicher Vorstöße (Stichwort Graphic Novel) vor sich hin darbt und unter Leserschwund leidet, hatten sich am Ende des Gemenges dann doch wieder 25.000 Leute durch die Heinrich-Lades-Halle und die umliegenden Ausstellungsorte geknödelt.

Beginnen wir mit dem offiziellen und somit sagen wir mal weniger spektakulären Teil: neben der Hauptmesse mit 150 Ausstellern durften die Schlachtenbummler bei über 24 Ausstellungen mehr als 100 Events, Diskussionen und Vorträgen beiwohnen. Das Künstleraufgebot war breitgefächert, aus aller Herren Länder hatte das Erlanger Kulturbüro Zeichner herangekarrt, um z.B. die diesjährige Hauptausstellung “Illustration der Geschichte – Comics aus der arabischen Welt” auch personell ordnungsgemäß bestücken zu können. Spannend auch die Ausstellung zu Ehren unseres freundlichen Wandkrabblers: 50 Jahre Spiderman nahm man zum Anlass, um in einer beeindruckenden Sammlung zahlreiche Originalausgaben, Entwurfszeichnungen und auch Kuriositäten wie die lustigen Kinofilme der 70er Jahre ans Licht zu bringen. Fein. Die Manga-Fraktion war u.a. durch Tokypop bedacht, und als kleiner Misston hatte Zack/Mosaik die Teilnahme abgesagt, da der angestammte Messeplatz an den Ehapa-Verlag gegangen war und dessen Standort teilweise vom Stifterl-Hersteller Faber Castell eingenommen wurde. Der Max-und-Moritz-Preis ging dieses Jahr an Lorenzo Mattotti für sein Lebenswerk, der sicherlich eines der Hauptzugpferde darstellte. Isabell Kreitz konnte sich in der gekonnt-spaßig von der “dicken Tante” Hella von Sinnen moderierten Gala über eine Auszeichnung als beste deutsche Comiczeichnerin freuen, der ebenfalls aus Deutschland stammende Flix räumte für den besten Comic ab.

Der Stand des Splitter Verlags

So, und über diese Brücke hangeln wir uns jetzt mal vom braven offiziellen Feuilleton zu dem, um was es doch eigentlich geht, um den nur wenig kaschierten wie immer mit höchstem Einsatz ausgefochtenen Kampf um Signaturen und persönlich zugeeignete Originalzeichnungen. Selbstverständlich war im Vorfeld bereits alles sorgfältig recherchiert, ausgespäht, sortiert und gelistet worden, farblich markiert, mit möglichen Überschneidungen, Strategien und Taktiken versehen. Wir sind ja schließlich nicht zum Spaß hier, oder? Also auf geht’s, ein Landbier to go genommen und auf in die Freude, und ich darf vorwegnehmen dass der Salong kaum so ergiebig war wie in diesem Jahr. Von unserem ersten Fang Patrick Hénaff, der zum Start sein Piratenepos Das Erbe des Captain Crown illustrierte, gelang fast alles. Dass bei einem Superstar wie George Pratt das vermaledeite Losglück entschied, hinderte uns keinesfalls am Erringen einer Dédicace – womit sich dann auch das Herumstreifen in der Ausstellung (gezeigt wurde das ambitionierte Black.Light Project) erübrigte, in der der gute Mann gerüchtehalber sich auch sehen lassen sollte. Unverzagt wurde das Spiel wie gehabt durchgezogen, rechtzeitiges Anstehen ohne zu wanken und zu weichen (irgendwie hat das schon was von Rock im Park), Nachbarschaftshilfe leisten wenn Überschneidungen unvermeidlich sind, dem aufgrund Unkenntnis des Systems völlig niedergeschlagenen älteren Herren hinter sich schnell zu einer Unterschrift von Mattotti verholfen. Mit dem auch nur per Losglück zu erhaschenden Alex Alice (wieder ein Volltreffer…) ließ es sich hervorragend über die Nibelungenfilme von Fritz Lang plaudern, am zweiten Tag stellte sich heraus, dass der gute Mann für sein nächstes Projekt (wir dürfen nichts verraten…) in München recherchiert. Na aber jetzt alles ausgepackt, aha Ludwig der II, na dann musst du nach Neuschwanstein und Linderhof, gugg mal hier, und zum Schluss erklärte sich der Unermüdliche sogar noch zu vier Zeichnungen über die verlosten hinaus bereit. Guter Mann! Benoit Sokal zeigte sich sympathisch und von seinen zwei Seiten, einen Tag mit dem Fantasy-Epos Kraa bei Splitter, anderntags dann mit dem Entendetektiv Canardo bei Schreiber & Leser. Brada signierte und zeichnete seinen Waldemar, André Houot und Gattin Jocelyne Charrance kredenzten gezeichnete und fertig wasserkolorierte Zeichnungen aus dem Rattenfänger von Hameln, der dann auch leibhaftig über das Festival hopste. Speziell und selbstverständlich ganz alleine für mich war Manuele Fior vor Ort und zeichnete mir neben dem Herrn Dorsday, den er vor zwei Jahren gewählt hatte, nun auf der gegenüberliegen Seite auch noch das Fräulein Else und plauderte äußerst kenntnisreich über die Novellen eines gewissen Herrn Schnitzler. Da musste er natürlich selbstredend auch die entsprechende Rezension in der illustren Postille comicleser.de zur Kenntnis nehmen…

Zeichner bei Ehapa: Jocelyne Charrance, André Houot, die Heymans, Roger Langridge

Großen Zulauf erhielten auch die Brüder Bas und Mau Heymans, die mit ihren filigranen Zeichnungen von Donald Duck und Freunden denjenigen zum Hochgenuss gereichten, die eine solche erwischen konnten – aber da sich vor allem Mau durchaus Zeit ließ, waren das nicht allzu viele, so dass sich die breite Masse einen nicht unbeträchtlichen Teil der vier Tage am Ehapa-Stand tummelte. Eine witzige Einlage boten die doch eher, ähem, sich künstlerisch gerierenden Kollegen (Pferdeschwanz, teilweise zwei Sonnenbrillen, Schweißband, offenes Schuhwerk…) als zum Anlass der Geburtstagsfeier für Donald Duck eine überdimensionierte Torte gereicht wurde: offenkundig als Multitalent begabt, spielten sie mit Klarinette und Ziehharmonika ein Ständchen. Fein.

In dieser, der eher franko-belgischen Welt, in der es nicht Comics, sondern Bandes Dessinées heißt und das alles ganz selbstverständlich zum Kulturkanon zählt, fand sich der übliche harte Kern der komplett Durchgedrehten, sozial Defizitären und hygienisch Grenzwertigen, für die das alles nur an der ganz dünnen Oberfläche ein netter Spaß ist, die aber beinhart ihre Agenda verfolgen und listig nach Hinweisen lechzen, Schlangenplätze hüten und immer auf der Ausschau nach fetter Beute cruisen. Alles war dabei, von selbsternannten fränkischen Mundschenken über Präsentatoren von vollmobilen Wohnzimmerschrankwänden in dezenter Farbe (getarnt als Rollkoffer) bis hin zu mittlerweile pressluftgeformten, sanft psychopathischen Urgesteinen. Aber wenn sich das Ganze in der Vergangenheit bei höchster Anspannung immer wieder in verbale Attacken und tumulthafte Zustände eskalierte, blieben solche Eklats dieses Mal aus – selbst der an Härten gewohnte Splitter-Standchef musste überrascht konstatieren, dass man kleinere Reibereien dieses Mal ja ganz entspannt löse.

Marie Sann signiert beim Splitter Verlag

Splitter und Panini zogen ihr jeweiliges Zufallsverfahren – Los oder Würfeln – transparent und konsequent durch, und auch wenn über Sinnhaftigkeit dieser Vorgehensweise trefflich gestritten werden kann – wie das funktioniert, kapiert ja eh wieder nur der Eingeweihte, und somit stehen am Stand eben dann doch die gerne mal so genannten “immer gleichen”: jeder wusste, woran er war, wer Glück hatte, hatte eben Glück. Bei Panini, die vor allem den kompletten Relaunch des DC-Universums unters Volk jubelten, stellte sich vor allem am Samstag denn auch ein gänzlich anderes Publikum ein, nicht wenige schwarz gewandete, jüngere Gestalten (oh mein Gott! Hören die etwa Rockmusik? Das ist ja gefährlich! Wie die schon aussehen!), die sich vor allem an die Stars der US-Szene Guillem March und Rags Morales ranschmissen. Tja Freunde, nutzt halt nix, wenn die beiden älteren Herren vor euch halt nun mal in Folge je einen Pasch würfeln und somit Nummer 1 und Nummer 2 haben… was Meister March dann bei mir in eine wirklich gelungene Poison Ivy umsetzte. Sehr entspannt.

Ach ja, bei der Comicbörse am Samstag ließ sich dann noch die Sammlung trefflich komplettieren, dort tummelten sich dann auch die verirrten Gestalten, die sich Plastiktüten umbinden und denken, das sei ein Manga-Kostüm, aber meine Herren eine “echte” Poison Ivy war dabei die hatte was…

Das Rahmenprogramm stimmte im übrigen selbstverfreilicht auch wieder – Einweggrills sind wirklich nur für talentierte Hände gemacht, sonst droht akute Verkokelungsgefahr von Gegenständen, Landbier war reichlich importiert und bewährte sich aufs Vorzüglichste, und mit ein wenig Bautzner gehörte uns wieder die Welt. In der Gesamtausgabe. Und die beiden Banker, die mit uns auf dem Parkplatz ihre Frühstückspause verbrachten, werden sich wohl noch eine Weile an uns erinnern. 2013: München. Darf ich bereits heute fragen, wie Sie heißen? Immer noch Nina? Danke. (hb)

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