Ein diabolischer Sommer (Carlsen) | Comicleser

Ein diabolischer Sommer (Carlsen)

August 28, 2016

Ein diabolischer Sommer (Carlsen)

Sommer 1967 in Südfrankreich. Ein seltsamer, ein mysteriöser Sommer, der das Leben des jungen Antoine Lafarge für immer prägen und verändern wird. Alles beginnt nach einem Tennisspiel, das Antoine gegen Eric gewinnt, mit dem er sich später anfreunden wird. Die Väter der beiden Jungs geraten ob des Ausgangs des Matches aneinander. Später wird Erics Vater tot aufgefunden. Selbstmord, wie es heißt. Dazu wird noch klar: Erics ungeliebter Vater war ein Nazi. Bei einem Essen treffen Antoine und dessen Vater auf Herr de Noé, der offenbar für die französische Spionageabwehr arbeitet. Beide scheinen sich zu kennen. Im Haus von Herrn de Noé lernt Antoine die verführerische wie undurchsichtige Amerikanerin Joan kennen und verguckt sich in das ältere Mädchen. Damit werden Ereignisse in Gang gesetzt, die Antoine nicht versteht und an deren Ende das Verschwinden seines Vaters steht, den Antoine nie wieder sehen wird. Siebzehn Jahre später veröffentlicht Antoine ein Buch, in dem er diese Begebenheiten schildert. Bei einer Signierstunde trifft er Michèle wieder, die ihn damals so enttäuschte. Michèle berichtet ihm von neuen Details bezüglich seines Vaters. Dann erreicht Antoine ein unerwarteter Anruf. Er trifft sich mit dem Anrufer, einem bekannten russischen Tennisprofi, der ihm Überraschendes wie Schockierendes berichtet: er sei Antoines Halbbruder und ihr gemeinsamer Vater sei ein russischer Spion gewesen. Und im Gepäck habe er einen Brief des Vaters…

Der Band ist in zwei Hälften aufgeteilt, die in verschiedenen Zeiten spielen. Im ersten Teil, 1967, wird das Mysterium um Antoines Vater aufgebaut. Viele Dinge passieren, die der Junge nicht einordnen oder verstehen kann, Begebenheiten, die seltsam sind, auf die er sich aber keinen Reim machen kann. Er, der heranwachsende Jugendliche ist wie ein passiver Spielball in einem Geschehen, das über ihn bestimmt, das er nicht erfasst. Dabei erweisen Smolderen und Clérisse den Sechziger Jahren die Ehre: die Jugend liest Pilote und Bob Morane. LSD-Trips sind angesagt. Man tanzt eng umschlungen zu Procul Harums „A Whiter Shade of Pale“. Über Erik lernt Antoine die Figur des Diabolik kennen, welche in der Folge des ersten Teils eine wichtige Rolle spielen wird, in dem sie aus den zweidimensionalen Comicseiten entsteigt und zur echten, dreidimensionalen Bedrohung wird, dabei ebenso mysteriös wie im Comic. All das damals Erlebte, das schließlich in dem Verschwinden seines Vaters kumulierte, schreibt Antoine als Erwachsener 17 Jahre später in einem autobiografischen Roman nieder. Dann bringt die unerwartete Begegnung mit Michèle, seiner Flamme aus Jugendzeiten, ein erstes Licht auf die Geschehnisse von damals. Dieser zweite Teil der Story bringt dann die nicht mehr erhoffte Aufklärung für Antoine.

Ganz im psychedelischen, knallig bunten Stil der ausgehenden Sechziger Jahre präsentieren Thierry Smolderen und Alexandre Clérisse in „Ein diabolischer Sommer“ als Nachfolger des stilistische ähnlich gehaltenen „Das Imperium des Atoms“ (in dem die beiden den Fünfziger Jahre huldigten, ebenfalls bei Carlsen erschienen) eine clever strukturierte Geschichte. Praktisch wird der autobiografische Roman, den Antoine über die Ereignisse um seinen Vater illustriert, geschildert. Quasi als Buch im Buch. Dieser Roman wird als erweiterte Neuauflage angepriesen, der nun auch die neue, 17 Jahre spätere Entwicklung beinhaltet. Der Clou ist dabei die Verwendung der Figur des Diabolik, eines italienischen Fumetti-Helden, der 1962 erdacht wurde, der als maskierter Verbrecher-Mastermind ganz in der Tradition eines Fantômas steht und der sich bis heute in Italien einer großen Beliebtheit erfreut. Vor 15 Jahren veröffentlichte Ehapa einige Bände auf Deutsch und bereits 1968 drehte Kult-Regisseur Mario Bava eine Adaption als Kinofilm („Danger: Diabolik“). Überraschenderweise bleibt Diabolik ein Leitmotiv in der ersten Hälfte, das in der zweiten dann beinahe gänzlich verschwindet, weil die Handlung einen ganz anderen, überraschenden Weg einschlägt. Die Maske wird beinahe im Vorübergehen gelüftet, während sich das Geschehen komplett auf Antoines Vater, bzw. dessen Vergangenheit konzentriert und nach und nach sämtliche Puzzleteile aus dem ersten Band geschickt und logisch an die richtige Stelle gerückt werden. Und obwohl der Leser einiges ahnt, weiß die Aufklärung zu überraschen. Nur so viel: sogar die Ermordung Kennedys wird darin eine gewisse Rolle spielen… (bw)

Ein diabolischer Sommer
Text: Thierry Smolderen
Bilder: Alexandre Clérisse
168 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
24,99 Euro

ISBN: 978-3-551-72818-0

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