Abominable (Erko) | Comicleser

Abominable (Erko)

August 25, 2016

Abominable (Erko)

Keine richtige Neuveröffentlichung. Zumindest zum größten Teil. Damit eher eine erweiterte Neuauflage. Die Kurzgeschichten-Sammlung des Belgiers Hermann (Huppen) erschien bereits 1989 unter dem Titel „Schattenwelten“ im Carlsen Verlag im Rahmen der Reihe „Die großen Abenteuer Comics“. Übrigens in illustrer Gesellschaft mit Alben von Eddy Paape, Matthias Schultheiss, Vance oder Dany. Die Neuauflage (erschien 2014 in Frankreich bei Glénat) kommt nun im standesgemäßen Hardcover daher und ist um eine Kurzgeschichte erweitert, welche dann auch den (schon seit langem) aktuellen künstlerischen Stil des diesjährigen Preisträgers von Angoulême repräsentiert – Stichwort Couleur Directe. Denn das ist der Reiz dieser Sammlung: die Stories stammen aus den verschiedenen Schaffensperioden Hermanns und spiegeln so quasi als Mini-Anthologie seine künstlerische und zeichnerische Entwicklung wider.

Und: wie es der Titel bereits andeutet (abominable = abscheulich, aber auch entsetzlich oder grässlich) sind die Erzählungen allesamt abseitiger Natur. Das geht von einer blutigen, expliziten Rache-Orgie („Das Massaker“, bei Carlsen hieß die Geschichte „Lieben Sie es roh oder gebraten?“. Ernsthaft.) über puren Horror („Die Flucht“, bei Carlsen „Der Alptraum“), wo eine Frau von Monstern verfolgt wird, über die Endzeit-Dystopie „Der Käfig“ und cleveren Gothic Horror („Rache“) bis zu „Geschichte eines Engels“, in der eine reiche Dame ein Kind aus den Slums rettet, um mit ihm eigene, fiese Pläne zu verfolgen. Das ist dann auch die neue Story in dem Band, die ganz aktuell im Couleur Directe Stil verfasst und gezeichnet ist, den Hermann wie kein Zweiter und mit erstaunlicher Schnelligkeit und Brillanz beherrscht.

Die alte Ausgabe (dank an comicguide.de)

Die alte Ausgabe (Dank an comicguide.de)

„Das Massaker“, das früheste Werk, entstand in der Phase als Hermann noch mit Tuschepinsel arbeitete: ein einsamer Rächer metzelt eine Truppe, die offenbar zum Spaß tötet (und dabei an die Taten der Manson Family erinnert) nieder. Gnadenlos (von beiden Seiten), kerzengerade und schnörkellos, was Story und Action betrifft. „Die Flucht“ erscheint wie eine kleine, fiese Fingerübung Hermanns, aus der es kein Entrinnen gibt und stellt zeichnerisch den Übergang von seinem frühen Stil zu seiner Arbeit mit dem Rapidographen dar. Der ist dann in „Der Käfig“ vollzogen: irgendwann, vielleicht nach der Apokalypse, ziehen sich „Überlebende“ (?) in ein befestigtes Haus zurück. Jede Nacht muss einer davon in einem Käfig vor dem Haus Wache halten und die Attacken unbekannter Angreifer melden. Aus dem Motiv hätte gut und gerne auch ein Jeremiah-Album entstehen können. Das Highlight folgt dann mit „Rache“: ein zwielichtiger, wortkarger Typ, der in einer Kutsche Touristen fährt, wird von seiner kriminellen Vergangenheit als Dieb und Räuber eingeholt. Böse Geister, die sich rächen wollen, suchen ihn und seinen Kumpel heim. Feine, kurze Linien bilden Umrisse von Personen, Booten und Brücken und erzeugen gemeinsam mit der düsteren Farbgebung eine unwahrscheinlich dichte Atmosphäre. Nebelschwaden wabern Unheil dräuend wie im London eines Jack the Rippers. Dank Rapidograph, den Hermann inzwischen traumhaft beherrscht.

Gemeinsam mit der das Album beschließenden, direkt kolorierten, neuen Episode entsteht so eine themenbezogene Werkschau Hermanns durch die Jahre und Jahrzehnte. Was gleich bleibt, sind die zentralen Motive, die später so oft inhaltlich das Werk Hermanns prägten, als er auch für die Story verantwortlich war (auch gemeinsam mit seinem Sohn Yves H.) und nicht mehr nach Szenarios von Greg (Comanche, Andy Morgan) zeichnete: Rache und Misstrauen, was in der Folge der Handlung nicht selten in ausufernden Gewalttaten kumuliert. Wer mal den künstlerischen Werdegang Hermanns in einer konzentrierten Form kennenlernen will, der ist hier goldrichtig. (bw)

Abominable
Text: Hermann, Christian Godard
Bilder: Hermann
56 Seiten in Farbe, Hardcover
Erko Verlag
14,95 Euro

ISBN: 978-90-89821-08-9

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