Old Pa Anderson (Erko) | Comicleser

Old Pa Anderson (Erko)

Februar 14, 2016

Old Pa Anderson (Erko)

1952, im Süden der USA, irgendwo im Staat Mississippi. Die Zeit von Rassentrennung, Diskriminierung, Willkür. Die großen Tage der Bürgerrechtsbewegung sind noch fern. In einem kleinen Kaff lebt Old Pa Anderson mit seiner Frau Old Ma. In ihrem Viertel, natürlich streng getrennt von dem der Weißen. Und streng getrennt vom Wohlstand. Beide sind traumatisiert, seit vor Jahren ihre Enkeltochter Lizzie, die sie aufzogen, verschwand. Spurlos. Bis heute. Als Old Ma an einem Herzinfarkt plötzlich stirbt, erfährt Old Pa von einem Bekannten unerwartet Details ihres Verschwindens. Nicht nur das, bald bringt er ohne große Schwierigkeiten in Erfahrung, wer damals in dem Wagen saß, in den Lizzie gewaltsam gezerrt wurde: drei Weiße. Natürlich. Darunter sogar ein Polizist. Old Pa, der nichts mehr zu verlieren hat, begibt sich auf einen blutigen Rachefeldzug, der bald in eine wilde Hatz ausartet. Er jagt die Mörder, die Weißen jagen ihn…

Das neue Album Hermanns, des frischgebackenen Preisträgers von Angoulême (über den Modus und das Werden der diesjährigen Preisverleihung wollen wir dezent den Mantel des Schweigens ausbreiten), erscheint wie schon Band 34 seines Dauerbrenners ‚Jeremiah‘ im neuen Erko Verlag, der von Ervin Rustemagic, seinem langjährigen Agenten (Sarajewo Tango!), geleitet wird. Während Hermann seinen Jeremiah im Alleingang schreibt und zeichnet, werden seine Einzelbände meist von Yves H. geschrieben und getextet. Das ist Yves Huppen, Hermanns Sohn, der seit Jahren als Einziger ‚Fremdautor‘ für Hermann tätig ist.

Der inszeniert hier eine gradlinige, schnörkellose Rachegeschichte, eine Moritat ohne Moral, in der es – erwartungsgemäß und ohne zu viel zu verraten – nur Verlierer gibt. Old Pa tritt als verlorener Rächer auf, der sich gegen die Gesellschaft stellt, die erlaubte, dass seine Enkelin ermordet und ihre Mörder bisher undgestraft ihr kleinbürgerliches Leben weiterführen. Dazu muss er das Gesetz selbst in die Hand nehmen, das ihn, würde er rechtmäßig die Autoritäten bemühen, weder schützen noch ihm beistehen würde. Galt es in der damaligen rechtsfreien Zone, die Rassentrennung und Hass für die Schwarzen bedeutete, noch möglichst unauffällig zu sein, um nicht die Aufmerksamkeit der Weisen auf sich zu ziehen, überschreitet Old Pa diese Grenze nun, als ein Mann, der nur noch auf Rache sinnt, dessen Leben durch seine Verluste bedeutungslos geworden ist.

Dass Hermann zeichnerisch in sämtlichen Epochen und Ländern gleichermaßen virtuos beheimatet ist, hat er in den Jahrzehnten seines Schaffens eindrucksvoll bewiesen. Berühmt wurde er mit ‚Andy Morgan‘ und ‚Comanche‘. Später folgten ‚Jeremiah‘ (für das deutsche Zack) und ‚Die Türme von Bos-Maury‘. Dazu kommen etliche Einzeltitel. Hermann arbeitet dabei noch immer mit einer hohen Taktfrequenz. Umso erstaunlicher, denn seine Zeichnungen, die er seit geraumer Zeit im Couleur Directe Verfahren anfertigt – die Farben sind von Beginn an Teil des Bildes, das noch komplett händisch, also old style, ohne Computer entsteht – vermitteln den Eindruck, er würde ewig an einem Album sitzen. Dabei erweist sich Hermann nicht nur als Meister des Details sondern auch als Zeichner, der mit seiner Farbtechnik atmosphärisch beeindruckende Grundstimmungen kreiert. Seien es Sonnenuntergänge, Abendstimmungen, ausgeleuchtete Räume oder einfach nur blauer Himmel – seine Panels strotzen nur so von Atmosphäre. Den Vogel schießt er hier einmal mehr in den Nachtszenen ab, die beinahe monochrom gehalten sind und innerhalb dessen trotzdem mit ihren Farbverläufen und Abstufungen schwer beeindrucken. Und das immer wieder auf Neue. (bw)

Old Pa Anderson
Text: Yves H.
Bilder: Hermann
56 Seiten in Farbe, Hardcover
Erko Verlag
14,95 Euro

ISBN: 978-90-89821-00-3

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