Green Arrow: Der Klang der Gewalt (Panini) | Comicleser

Green Arrow: Der Klang der Gewalt (Panini)

Juli 15, 2016

Green Arrow: Der Klang der Gewalt (Panini)

Wiederauferstehung, das ist gar kein Spaß. Das erlebt Oliver Queen am eigenen Leib, nachdem er einige Zeit unter den Toten verbracht und dann mit vereinten Kräften seiner alten und jungen Freunde aus dem Jenseits wieder in die schnöde Realität von Star City verfrachtet wurde. Die Stadt ist zu einem Morast des Verbrechens verkommen, aber das ist noch lange nicht das Schlimmste: Ollie hat Familienstress. Ja, er, der sich immer als liberaler Freidenker gefiel, der das Establishment genüsslich ablehnt, muss zugestehen, dass er eigentlich ein Möchtegern-Papi ist. Und deshalb lehnt er die Avancen der jungen Mia Dearden, die er aus der Prostitution gerettet hat, vehement ab. Die will nämlich partout als jugendlicher Sidekick trainiert und zum neuen Speedy werden, immerhin sei das doch fast schon üblich im Superheldengeschäft – aber die Zeiten haben sich eben geändert. Vorbei sind die lustigen Abenteuer mit durchgeknallten Popcorn-Schurken, Arrow-Car und Arrow-Signal – heute regieren Drogen, Psychopathen und das organisierte Verbrechen die Straßen. Mia sieht das einstweilen ein, und Ollie zieht mit seinem Sohn Connor, der während Ollies Abwesenheit in die Rolle des smaragdenen Bogenschützen geschlüpft war, durch die Straßen.

Das klappt auch ganz gut – aber der größte aller Schrecken, das sind allerdings nicht Verbrecherbosse oder sonstige Irre, sondern eine graziöse Dame. Ollie hat sich nämlich seit seiner Rückkehr noch kein Herz fassen können, seine Verflossene Dinah Lance, auch genannt Blitzschwalbe, zu kontaktieren – was, wenn sein Täubchen ihn abblitzen lässt? Irgendwann nimmt er dann allen Mut zusammen, besucht das Hauptquartier der Justice Society Of America, treibt dort mit dem Chef Hawkman Schabernack und schafft es tatsächlich, Dinah auf ein Date einzuladen. Das verläuft dann gänzlich unerwartet: anfangs herrscht kühle Distanz, aber als der Riddler die Party im Restaurant sprengt und von dem dynamischen Duo ordentlich den Hintern versohlt bekommt, gibt es kein Halten mehr: Ollie und Dinah landen im Bett und machen dort alles, was man da halt so machen kann außer zu Schlafen. Als Ollie sich einfach davonschleichen will, macht Hawkman einen auf dicke Hose, und Dinah stellt klar, dass kindisches Verhalten nicht angebracht ist. Nicht ganz optimal verlaufen, könnte man da sagen. Einstweilen braut sich allerdings tiefgreifenderes Ungemach zusammen: ein mysteriöser Finsterling, der sich Onomatopoeia nennt und seinem Namen durch Lautmalerien alle Ehre macht, bringt reihenweise Superhelden aus der zweiten Reihe um die Ecke – und wird durch einen Fernsehbericht über die Prügelei mit dem Riddler auch auf Green Arrow aufmerksam, den er dann in Form von Connor heimtückisch attackiert…

Die Hardcover-Edition

Die Hardcover-Edition

Die Ereignisse in diesem Band schließen nahtlos an die Quiver-Storyline an, in der der ultimative Fanboy Kevin Smith 2001 den einzig wahren grünen Bogenschützen von den Toten zurückholte. Ollie war ja 1995 bei der Rettung von Metropolis ums Leben gekommen, aber Smith belebte die Figur mit solcher Wucht wieder, dass die alte Comic-Weisheit galt: niemand bleibt tot. Außer Gwen Stacy. Waren es bei Quiver noch existentielle Fragen von Tod, Leben, Schuld und Sühne, die verhandelt wurden, wirft Smith nun den Blick auf die oftmals ebenso bedrohlichen Probleme persönlicher Beziehungen, Vatersein und Partnerschaft. Bekommt Ollie das Papa-Thema noch einigermaßen auf die Reihe – gegenüber Mia verhält er sich fast schon übermäßig verantwortungsvoll -, scheitert er glorios daran, seiner großen Liebe Dinah seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Erst der gemeinsame Gewaltausbruch macht alle Zurückhaltung zunichte – so war das auch bei den Watchmen Nightowl und Silk Spectre, die im Verbrecherkampf die Erotik quasi vorwegnahmen. Wie ein Teenie schleicht er sich dann aber ängstlich davon und wird vom Übervater Hawkman dafür ordentlich an den grünen Ohren gezogen – Highschool-Romanze ahoi! Erst der universelle Angriff des gewalttätigen Lautmalers bringt in seiner Grausamkeit und Gezieltheit existentielle Tragweite ins Geschehen, als Ollie um das Leben seines Sohnes fürchten muss.

Aber auch die Comic-Historie kommt beim Ultrafan Smith natürlich wieder nicht zu kurz: Ollie stellt fest, es sei ja verrückt gewesen, mit Kindern gemeinsam auf Verbrecherhatz zu gehen – Speedy, Kid Flash, Aqualad und wie sie alle hießen, das sei in den guten alten Zeiten vielleicht noch gegangen, „Aber diese Zeit war einfacher. Das Schlimmste, was einem passieren konnte, war irgendeine dieser Pseudo-Todesfallen. Heute ist die Welt da draußen böser. Früher fesselten sie uns nur auf eine Riesen-Schreibmaschine. Frag Bats, falls ihr euch mal wieder seht.“ In dieser Rückbesinnung auf die Silver-Age-Abenteuer, die sich aufgrund des Hayes-Codes und der Hetze gegen Comics in spaßigen Harmlosigkeiten ergingen – nachzulesen etwa in der Joker Anthologie – und der Kontrastierung mit der harschen Realität von Serienmördern und Kindesentführern spannt Smith ganz nebenbei einen breiten Bogen (einmal musste das sein! Danke) Comic-Geschichte, wobei er Anfang des Jahrtausends die ganze Armada brütender, finsterer Antihelden, die heute über Dächer und Kinoleinwände schwingen, noch gar nicht auf dem Radar haben konnte.

Waren es früher Trickpfeile, die Ollie verschoss, jagt er bei Smith einem Fiesling eine Pfeilspitze in die Schulter und dreht genüsslich daran herum, bis sein Kontrahent winselnd zusammenbricht. O tempora, o mores. Phil Hester inszeniert das Geschehen wie schon bei Quiver in bester Superheldenmanier, mit teilweise durchaus graphischer Gewalt und einer heißen Blitzschwalbe (Black Canary könnte man sie auch nennen), die keine Perücke mehr trägt, sondern ihre Haare blond färbt. Weshalb Ollie irrtümlicherweise ordentlich dran zieht, aber das gefällt ihr ganz gut so. Comics sind eben doch durchaus lebensnah. Der vorliegende Band, der wieder alternativ als Hardcover-Variante mit kleinerer Auflage (222 Stück) und größerem Preis (29 €) erhältlich ist, enthält die US-Ausgaben Green Arrow 11-15 von 2001 und schließt damit diese Neuauflage des Kevin Smith-Arrow-Runs ab. Fein! (hb)

Green Arrow: Der Klang der Gewalt
Text: Kevin Smith
Bilder: Phil Hester, Ande Parks
132 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
16,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-801-0

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