Die Strassenkinder von Montmartre (Splitter) | Comicleser

Die Strassenkinder von Montmartre (Splitter)

April 20, 2016

Die Strassenkinder von Montmartre (Splitter)

Moulin Rouge und natürlich die Basilika Sacré-Coeur gehören zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Montmartre in Paris, was die täglichen Touristenströme belegen. Doch das war nicht immer so. Der Montmartre, die höchste Erhebung der Stadt, war bis vor etwas mehr als 100 Jahren eine eher ländliche – und ärmliche Gegend. Die berühmte, weithin sichtbare Basilika gab es noch nicht, bzw. war noch im Bau. Doch schon damals – wir schreiben das Jahr 1905 – hatte das Quartier ein eigenes Flair. Viele Künstler, naturgemäß immer knapp bei Kasse, siedelten sich dort an. Dichter, Maler, Zeichner. Denn zum einen war das Leben hier billiger und zum anderen war man trotzdem nahe am pulsierenden Zentrum der Stadt. Dennoch lebten viele an der Grenze zur Armut – die illegale Barackensiedlung Maquis zeugte davon. So gab es viele Straßenkinder. Streuner, die froh waren, von zuhause, von ihren ewig schlecht gelaunten Vätern und jammernden Müttern, die sie durchfüttern mussten, weg zu sein. Bei Ihresgleichen fühlten sie sich besser, lebten in den Tag hinein und konnten ihre Kindheit ausleben.

Die Jungen Paulo, Pik-As, Strippe, Däumling und Manon, das einzige Mädchen, gehören zu diesen Straßenkindern. In einem ausrangierten Oldtimer (würden wir heute sagen) haben sie ihr „Hauptquartier“, in einem kleinen Teich nebenan versuchen sie sich vergeblich an der Froschaufzucht, um etwas Geld zu verdienen (Froschschenkel!). Doch ihr Revier ist in Gefahr. Denn der Unternehmer Noblard möchte die Gegend bebauen und aus ihr ein nobles Viertel machen. Noblards Sohn Jean schlägt auch aus der Reihe. Sein Ziel ist es Maler zu werden, sehr zum Missfallen seines Vaters, der ihn äußerst grob und verächtlich behandelt. Nach einer witzigen Episode, in der ein Plumpsklo eine Rolle spielt, strandet Jean bei den Straßenkindern. Ihr anfängliches Misstrauen ihm gegenüber verfliegt, als Jean sich durchaus fachkundig in Sachen Frösche erweist. Und erst recht, als er den Haustürschlüssel herausrückt. Aber das Einzige, was man bei den Noblards zu klauen vermag, ist eine Urne mit der Asche von Jeans ziemlich unbeliebter Großmutter. Doch die Urne enthält noch etwas, das für den alten Noblard von äußerster Wichtigkeit ist…

Die Handlung präsentiert sich auf zwei Ebenen. Auf den ersten Blick sehen wir eine nette Lausbubengeschichte, augenzwinkernd und einfühlsam erzählt, ohne die ärmlichen gesellschaftlichen Verhältnisse und die damit verbundenen Probleme auszusparen. Auf den zweiten Blick zeigt sich eine liebevoll gestaltete Geschichte, die auch das Leben der Künstler streift, die damals Montmartre bewohnten. Wir begegnen dem Zeichner Francisque Poulbot, der das einfache Leben und das der Straßenkinder festhielt (zwei seiner Zeichnungen sind sogar Teil der Handlung und werden im Anhang auch abgebildet). Wir treffen mit Bibi-la-Purée ein echtes Original des Viertels und streifen mit Jean durch Gassen und Künstlerlokale, die allesamt zeitgenössischen Fotografien entsprechen. Prugne legt großen Wert auf historische Genauigkeit und verortet reale Personen in die Handlung. So entsteht ein Bild aus längst vergangener Zeit, das zwar durch die traumhaften Aquarell-Zeichnungen Prugnes romantisiert wird, aber trotzdem den Bezug zur einer Realität bewahrt, die spätestens durch den Ersten Weltkrieg der Vergangenheit angehören wird.

Nach seinen drei beeindruckenden Ausflügen in die Neue Welt Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts (Canoe Bay, Frenchman, Pawnee – alle ebenfalls bei Splitter erschienen) kehrt Patrick Prugne mit „Die Strassenkinder von Montmartre“ nach Frankreich zurück und überzeugt einmal mehr nicht nur mit einer gefühlvollen, warmen Handlung, die die Kinder in den Mittelpunkt stellt, sondern auch wieder mit seinem Zeichenstil – oder besser: Malstil. Der besticht mit seiner feinen Aquarell-Technik, die in sanften farblichen Übergängen und atmosphärischer Dichte eine wunderbare Leichtigkeit erzeugt. Damit fängt Prugne die Stimmung im Quartier perfekt ein und setzt nicht nur die Kinder, sondern auch Gebäude, Straßen und den damaligen Alltag bestens in Szene. Seine Mühen und seine Akribie dabei werden durch den ausführlichen Anhang belegt, der neben einer Biografie Francisque Poulbots zahlreiche Skizzen, Entwürfe und historische Fotografien enthält, die von Prugne auch kommentiert werden und die den Entstehungsprozess des Albums zumindest teilweise dokumentieren. (bw)

Die Strassenkinder von Montmartre
Text & Bilder: Patrick Prugne
80 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
17,80 Euro

ISBN: 978-3-95839-226-7

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