iZombie, Band 1 (Panini) | Comicleser

iZombie, Band 1 (Panini)

November 8, 2015

iZombie, Band 1 (Panini)

Totengräberin Gwen Dylan (wohnhaft in Eugene, Oregon) hat ein Problem. Nicht, dass ihr Job seltsam wäre – Leute eingraben muss ja auch erledigt werden. Auch dass ihre beste und einzige Freundin Ellie ein wenig nervig und nicht ganz auf der Höhe der Zeit ist, kann man verstehen: immerhin ist Ellie ein Geist, der vor 40 Jahren vom Bus überfahren wurde und seitdem vom „geistigen“ Horizont in den 60er Jahren feststeckt, angezogen wie in den Swinging Sixties und fixiert auf die Action-Puppen Dixie Mason. Und auch der Junge, der sie anhimmelt, der geht eigentlich auch ganz in Ordnung – wenn man mal akzeptiert, dass er sich bei Vollmond in ein haariges etwas verwandelt. Leider nicht in einen sexy Werwolf, sondern einen Terrier. Damit hat sich Gwen ja abgefunden, das Leben ist nun mal ein wenig seltsam. Was ihr wirklich zu schaffen macht, ist, dass sie selbst auch alles andere als ein Durchschnittsmädchen ist – sondern ein Zombie. Und dabei hat sie deutlich weniger Spaß, als man vermuten möchte: jeden Monat muss sie das Gehirn eines Verstorbenen essen, um nicht zu einem dieser geifernden Wesen ohne Sinn und Verstand zu werden, die man sattsam aus Film und Fernsehen kennt.

Das schmeckt nicht nur ekelhaft, sondern bringt auch noch unangenehme Nebeneffekte mit sich: denn in beängstigenden Flashes erlebt Gwen die Erinnerungen der Toten, deren Hirn sie zu sich genommen hat, mit. Das ist im besten Falle verstörend, aber spätestens dann existentiell, als sie miterleben muss, dass Fred, ihre letzte Mahlzeit, bestialisch ermordet wurde. Langsam gelingt es ihr, die Geschichte zusammenzusetzen: Fred muss Opfer eines irren Killers geworden sein, der in Mumien-Bandagen gewickelt an Halloween die Tür geöffnet hat. Geplagt von Bewusstseinsblitzen – die nicht zuletzt einsetzen, als sie auf dem Friedhof Frau und Kind des Toten trifft – und der nagenden Gewissheit, dass hier irgendetwas oberfaul ist, macht sich Gwen an die Verfolgung des Mumien-Mannes. Und nachdem das alles ja noch viel zu einfach ist, machen in Eugene auch noch eine Bande anderer Untoten lustige Jagd auf die Lebenden: eine Truppe weiblicher Vampire lockt junge Herren auf Paintball-Ausflüge in den finstren Tann und tut sich sodann an ihnen gütlich. Dabei schlägt eine von ihnen ein wenig über die Stränge und hinterlässt die Leiche unachtsam in einer Gasse – wo sie dann auch prompt die beiden Ermittler Diogenes und Horatio entdecken, die nach „postmortalen“ Phänomenen suchen und offenbar hier genau richtig sind…

Chris Roberson (u.a. Fables: Cinderella, Feuer und Stein 2: Aliens) gelingt mit dieser aufsehenerregenden Serie das kleine Kunststück, dem grassierenden Zombie-Phänomen doch tatsächlich eine ganz eigene Seite abzugewinnen. Weit weg von den apokalyptischen Szenarien, die einen klassischen Zombie-Film und Comic ausmachen – wie reagiert die Gesellschaft bei Wegfall aller Konventionen, was uns Robert Kirkman in seinem ausladenden Epos The Walking Dead kunstvoll vorführt – wirft er einen satirischen Blick auf das Dasein der Untoten in allen Formen: in keinster Weise zufrieden mit ihrem Dasein, vollkommen unerotisch und abgestossen von der eigenen Existenz, machen sich Gwen und ihre bunte Meute wie Buffy und ihre Scooby-Gang auf die Jagd nach Missetätern und liefern dabei einen postmodern-gebrochenen Blick auf die Kälte und Isoliertheit der modernen Gesellschaft.

Kleine Seitenhiebe auf Comic-Vorlagen (Gwen Dylans Name? Bondage-Comic… Lied von den Ärzten…?) und die Meta-Ebene der paranormalen TV-Unterhaltung (das Vampir-Opfer hörte auf den Namen David Dukohnee – die X Files lassen grüßen) verbinden sich dabei zu einem kunstvollen Kontext, auf dem sich diese Reflexion auf Konventionen der Medien sowie Normen der Gesellschaft entfaltet. Genauso innovativ mutet die Gestaltung durch Michael Allred an, der durch seine Schöpfung Madman und durch Artwork u.a. für Peter Milligans X-Force und seit 2014 insbesondere für den vielbeachteten Reboot des Silver Surfers durch Dan Slott von sich reden macht: in einer Mischung aus Retro und Funny katapultiert Slott die herausfordernde Absurdität der Grundidee in adäquat-stilisierte Bildsprache, die sich durch Reduktion und Meta-Zitate (Kirby-Dots markieren die Innensicht Gwens, einige Skizzen gemahnen an den kantigen Hanna Barbera-Cartoon-Stil, so geht der Reigen fröhlich weiter) auszeichnet und eine vollständig stimmige Inszenierung der Erlebnisse Gwens etabliert. Kein Wunder, dass diese fulminante Vorlage, die im Original schon in den Jahren 2010-2012 erschien, ganz aktuell in eine TV-Serie mutieren musste. Der vorliegende Band versammelt die US-Ausgaben ‚iZombie‘ 1-5 sowie das ‚House Of Mystery‘ Halloween Annual von 2010. (hb)

iZombie, Band 1: Tote leben länger
Text: Chris Roberson
Bilder: Mike Allred
148 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
16,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-559-0

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