
Pierrot ist Postbote. Gutmütig, aber recht einfältig. Und sehr hässlich. Was er selbst nicht merkt und weiß, denn jedes Mal wenn er in den Spiegel schaut, sieht er sich als einen attraktiven jungen Mann. Weshalb er partout nicht verstehen kann, warum er bei der Damenwelt so gar keine Chance hat. So himmelt er eine Schaufensterpuppe in einem Dessous-Geschäft an, die er Lola getauft hat. Zum Geburtstag seines Vaters besucht er sein Elternhaus, eine herrschaftliche Villa, das letzte Haus am Rand des Waldes. Dorthin zieht es fast zeitgleich auch Mimi, die ein bestimmtes Gewerbe betreibt und die von Pierrots Mutter zu einem ganz bestimmten Zweck engagiert wurde. Pierrot erkennt Mimi fälschlicherweise als seine Lola, was wahlweise für völliges Entsetzen oder allgemeine Verwirrung sorgt…
Apropos allgemeine Verwirrung. Die stellt sich auch beim Lesen ein, denn mit Betreten des Hauses häufen sich die Skurrilitäten, die anfangs dem geneigten Leser lediglich genüsslich kredenzt, aber nicht erklärt werden. Und dabei tischen Loisel und Djian groß auf. Beispiele: Pierrots Vater, das Geburtstagskind und ehemaliger Oberst, existiert lediglich als Büste, kann aber freilich sprechen und sorgt in der Folge auch ob seiner Situation immer wieder für knochentrockene, humorige Kommentare. Vaters Zustand ist für Pierrot übrigens ganz normal. Dann sind da die Kobold-artigen Wesen mit leuchtenden Augen, die im ausladenden Garten des Hauses leben. Und eine Art Major Domus, ein farbiger Ex-Soldat, der als Diener und als Mädchen für alles die Fäden im Haushalt zusammenhält. Das Herz der Finsternis, das erkennt man bald, ist Pierrots Mutter, eine herrische Matrone, die obendrein auch noch gewisse Fähigkeiten besitzt. Und von den Monstern im Gewächshaus und einem sprechenden Schwimmreifen wollen wir noch gar nicht reden…

Tatsächlich ist der Band schwer zu greifen. Und in Teilen auch schwer zu mögen. Denn man fragt sich: Ist das jetzt eine Groteske, ein Schwank, ein modernes Märchen, eine Grusel-Mischung aus Dr. Moreau und Graf Zaroff, oder wollen uns die Autoren mit diesem absurden Panoptikum einfach nur zum eigenen Amüsement absichtlich aufs Glatteis führen? Hier gilt, auch wenn das Geschehen eine ganze Weile Leserinnen und Leser verwirren oder gar verärgern mag: Dranbleiben, weiter lesen. Ja, die Story ist auch derb und explizit, macht aber Sinn. Denn sie ist tatsächlich durchdacht und wird am Ende (kleiner Spoiler: mehr schmalziges Happy End geht gar nicht) vollständig aufgelöst. Dass die Machart und der Weg bis zum Finale die Leserschaft spalten mag, das nehmen Jean-Blaise Djian und Régis Loisel dabei offenbar in Kauf.
Visuell überzeugt der Band komplett. Endlich wieder Régis Loisel als Zeichner! Ist er bei seinen letzten bei uns veröffentlichten Serien nur als Autor und maximal Co-Zeichner aufgetreten („Der große Tote“ – auch mit Djian, „Das Nest“, „Der Schweinehund“) nimmt er hier den Zeichenstift höchstpersönlich wieder in die Hand und beindruckt mit seinem unnachahmlichen wild-nervösen Strich, der schon seine großen Werke „Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit“ und „Peter Pan“ prägte. Übrigens: Der Band ist ebenfalls als auf 1000 Exemplare limitierte Sonderausgabe im Rahmen der 20 Jahre Splitter Editionen erhältlich (siehe Cover rechts). Und zwar komplett in Schwarz-Weiß (die Farben der „Normalausgabe“ stammen von Bruno Tatti), wodurch sich die Zeichnungen von Loisel auch auf Wunsch in reiner Form genießen lassen. (bw)
Das letzte Haus am Rand des Waldes
Text & Story: Jean-Blaise Djian, Régis Loisel
Bilder: Régis Loisel, Bruno Tatti (Farben)
164 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
35 Euro
ISBN: 978-3-68258-009-8