
„Tommy Banco“ ist zweifellos eine der unbekannteren Serien von Eddy Paape. Und hatte auch nur sechs Jahre Bestand, nämlich von 1970 bis 1975. In dieser Zeit erschien eine Album lange Geschichte, eine Story mit 30 Seiten und zwei kürzere mit jeweils 18 Seiten. Mehr nicht. Die Serie wurde laut Paape ursprünglich für den italienischen Markt konzipiert, weil dort die Lizenz für Luc Orient nicht frei war, man aber einen ähnlichen Stoff wollte. Dementsprechend kann man die dann entstandene lange Episode namens „Niemandsland“ („Territoire Zéro“), die von Greg geschrieben wurde, auch als Luc Orient-Klon sehen. In Italien war dann die Lizenz doch verfügbar, weshalb die Tommy Banco Story obsolet und schließlich 1970 im Tintin Magazin erstveröffentlicht wurde.
Zum Inhalt: Die beiden Ex-Soldaten und Draufgänger Ken Callaway (nun Skilehrer) und Tommy Banco (nun Stuntman) werden für eine heikle Mission rekrutiert: In einer bisher unerforschten und menschenleeren Wüste werden Bodenschätze vermutet. Doch alle Flugzeuge, die die Gegend, passend „Niemandsland“ getauft, von oben erkunden, verschwinden samt Piloten spurlos. Nun sollen Banco und sein nomineller Vorgesetzter Callaway dort mit dem Fallschirm abspringen und vor Ort herausfinden, was vor sich geht. Und tatsächlich müssen die beiden schnell feststellen, dass das Niemandsland alles andere als unbewohnt ist. Und dass sie sogar tatsächlich selbst eine Gefahr darstellen…
Das Skript zu „Niemandsland“ stammt von Greg (u.a. „Comanche“, „Andy Morgan“), der seinen „Luc Orient“ mit Eddy Paape 1967 startete. Es entstand somit noch während der Anfangszeit dieser Serie. Und könnte tatsächlich mit nur relativ wenigen Änderungen als Luc Orient Story durchgehen: Ein großes Mysterium, eine Begegnung mit einer uralten und gleichzeitig höchst fortschrittlichen Rasse, bei der Greg auf eine berühmte Legende zurückgreift. Ausführliche wissenschaftliche Erklärungen (hier wäre Kala zuständig), futuristische Maschinen und Apparaturen. Klingt alles nach dem „großen Bruder“ Luc Orient und ist auch dementsprechend spannend im gleichen Duktus inszeniert.
Danach geht es mit „Zehn Jahre Haft“ von 1972 weiter. Auf 30 Seiten erleben wir Tommy Banco bei einem gefährlichen Stunt, den er bravourös und medienwirksam meistert, ehe ihn in Gestalt von zwei Polizisten eine böse Überraschung erwartet. Schnell erkennt Tommy, dass er der Sündenbock in einer perfiden Intrige ist. Auch hier taucht Ken Callaway auf, der Banco ebenfalls keinen Glauben schenkt, bis dieser selbst in die Hand nimmt, seine Unschuld zu beweisen. Die Story stammt von Jean Roze, der unter seinem richtigen Namen Jean-Marie Brouyère u.a. die Serie „Archie Cash“ aus der Taufe hob. Auch „Zehn Jahre Haft“ ist munter erzählt, diesmal ganz ohne fantastische Elemente, dafür mit spektakulären Auto-Stunts.

„Schuss ohne Vorwarnung“, erneut von Jean Roze geschrieben, geht dann wieder einen ganz anderen Weg. Hier sehen wir einen jungen Tommy Banco zu Beginn seiner Soldatenlaufbahn. Er soll sich erste Sporen bei der Bewachung eines Munitionslagers verdienen, muss sich dabei aber mit einem rabiaten Konkurrenten auseinandersetzen, der Bancos Autorität nicht anerkennt. Der 18-Seiter von 1973 ist inhaltlich die schwächste und unspektakulärste Episode des Bandes, wird aber durch Paapes stimmige Nacht- und Schnee-Szenen gerettet. Schnee und Eis bietet auch die abschließende Story namens „Havarie“ (1973), die diesmal vom früh verstorbenen Jacques Acar (u.a. „Ringo“) stammt. Hier schließt sich gewissermaßen ein Kreis mit einem letzten Ausflug Bancos in die Science Fiction, von Eddy Paape gewohnt fantasievoll umgesetzt.
Bei den thematisch völlig unterschiedlich gelagerten Geschichten, die ihrem Helden kaum einheitliches Profil verleihen, scheint es, als wusste man mit der Figur kaum etwas anzufangen. Tommy Banco durchlebt sein Wüstenabenteuer als Draufgänger, spielt dann den böse geprellten Stuntman, dann in einer Rückblende einen jungen Soldaten, bis wir ihn schließlich im ewigen Eis wiederfinden. Mit „Tommy Banco“ hebt der All Verlag einen weiteren kleinen Schatz aus dem Paape Fundus, der sich nahtlos in die Veröffentlichungen von Gesamtausgaben wie „Detektiv Carol“ und „Johnny Congo“ einordnet. Und mit „Marc Dacier“ und dem Zack-Klassiker „Luc Orient“ hat der Verlag ja noch zwei weitere Paape Serien im Angebot. Wie auch „Tommy Banco“ als limitierte Vorzugsausgabe mit alternativem Cover (s. rechts) und nummerierten Exlibris. (bw)
Tommy Banco Gesamtausgabe
Text & Story: Greg, Jean Roze, Jacques Acar
Bilder: Eddy Paape
120 Seiten in Farbe, Hardcover
All Verlag
29,80 Euro
ISBN: 978-3-96804-396-8