
Konkurrenz belebt das Geschäft. Oder sie ruiniert es. Wie im Falle von Wells Fargo. Seitdem die Eisenbahn immer verzweigter durch das Land dringt, ist das Transport-Geschäft mit den Postkutschen härter geworden. Die Konsequenz: Man spart Personal ein. Weniger Beschützer bedeuten jedoch, dass die Sicherheit von Fahrer und Passagieren nicht mehr in dem Maße wie früher gewährleistet werden kann. Was Ray Ringo ein Dorn im Auge ist und er so nicht akzeptieren kann und will. Er kündigt bei Mr. Fargo persönlich, lässt sich aber noch zu einem letzten Job überreden: Als Begleiter und Beschützer einer Kutsche, die von Rapid City nach Carson City fährt, mit wichtigen Passagieren an Bord, u.a. dem Politiker Orion Clemens und dessen Bruder Samuel. Und: Lean, Ringos Braut in spe, erholt sich in Independence Rock, das auf der Strecke liegt, von einer Schussverletzung. Doch dann verläuft Ringos letzte Fahrt ganz anders als geplant…
Ray Ringo, oder einfach nur Ringo, war eine frühe Serie des belgischen Zeichners William Vance, der spätestens mit dem Dauerbrenner und Bestseller „XIII“ berühmt wurde. Sie erschien mit ausgedehnten Pausen zwischen 1965 und 1978 im Tintin Magazin. Autoren waren neben Vance Jacques Acar, Yves Duval und André-Paul Duchâteau. Für eine der kleineren und unbekannteren Reihen von Vance kann Ringo mit einer langen Veröffentlichungs-Historie in Deutschland aufwarten. Erstmals 1967 in Mickyvision erschienen, war die Serie um den Wells Fargo Agenten mit dem markanten Hut unter dem Titel „Hondo“ wenige Jahre danach im Koralle-Zack vertreten. Es folgen zwei Alben bei Feest (1989/1991) und schließlich Jahre später die längst fällige Gesamtausgabe im Splitter Verlag (zuerst in zwei Bänden, später 2021 nochmals in einem Band). Mit der gleichnamigen Condor Heftserie, die Anfang der 1970er Jahre erschien, hat der Vance-Ringo übrigens nichts zu tun. Wie auch mit dem John Ford/John Wayne Film von 1939 (aber wer weiß, vielleicht ließ sich Vance davon inspirieren – schließlich geht es um dort eine Postkutschen-Fahrt und der Held heißt Ringo…)
Im Rahmen der aktuell beliebten Wiederbelebung oder Fortsetzung alter Comic-Haudegen mit neuen Kreativ-Teams erfährt nun auch Ray Ringo seine Auferstehung. Als Autor fungiert der stets umtriebige Éric Corbeyran, ihm zur Seite steht Zeichner Roman Surzhenko, der diverse Thorgal-Bände zeichnete und der mit „Die Jugend von Durango“ bereits Western-erfahren ist. Beide erfinden das Western Rad nicht neu, wissen aber mit den Mitteln und Motiven des Genres eine spannende, durchdachte Geschichte zu erzählen, die Ringo und Lean schnell persönlich betrifft. Erst findet Ringo eine völlig zerstörte Postkutschen-Station vor, dann trifft er auf eine seltsame Reisegruppe mit drei Mormonen und schließlich auf eine ihm nicht unbekannte Gangsterbande. Immer auf der Suche nach Lean, die verschwunden ist. Bis die einzelnen Handlungsfäden und Figuren aufeinander treffen.
Corbeyrans Ringo ist ein erfahrener Westerner, der Risiken abzuschätzen weiß, der seine Chancen auch in schwierigen Situationen nutzt und der gegenüber Schurken alles andere als zimperlich ist. Zeichnerisch orientiert sich Surzhenko am klassischen realistischen franko-belgischen Western-Stil, der erst von Jijé mit „Jerry Spring“ begründet, dann von Jean Giraud mit „Leutnant Blueberry“ etabliert wurde. Auch die kräftige Kolorierung stammt von Surzhenko. Der Band ist nicht abgeschlossen – die Fortsetzung mit dem Titel „Die Gefangene“ ist für den April nächsten Jahres geplant. Kleines, originelles Detail am Rande: Samuel, der Bruder des Staatssekretärs Orion Clemens, wird später als Mark Twain zum berühmten Schriftsteller werden, der auch ein Buch über seine Postkutschen-Reise schreiben wird („Roughing It“, bei uns „Durch dick und dünn“). (bw)
Ray Ringo, Band 1: Devil’s Gate
Text & Story: Éric Corbeyran
Bilder: Roman Surzhenko
56 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
18 Euro
ISBN: 978-3-68950-194-5