
Frank Friedmaier. Ein junger Mann von fast 19 Jahren – blond, stylish, attraktiv. Er lebt noch bei seiner Mutter. Nichts Ungewöhnliches also. Aber zwei Dinge sollte man wissen: seine Mutter betreibt in der Wohnung ein offenbar florierendes Bordell. Und trotz seiner jungen Jahre ist Frank bereits kriminell. Und ein Mörder. Von seinem Kumpel Fred Kromer leiht er sich ein neues Messer, um es zu „entjungfern“. Und tötet damit kaltblütig einen Sergeanten der Besatzungsmacht, der die Huren in Timos Bar befummelt. Später klaut Frank eine Uhrensammlung – Mord erneut inklusive – die Kromer an einen General der Besatzung verhökern will. Ein lukratives Geschäft für Frank, der dafür außer Geld eine Grüne Karte erhält, die ihn privilegiert und ihn in seinem Viertel quasi unantastbar für die Obrigkeit macht. Denkt er zumindest…
„Der Schnee war schmutzig“, im Original „La neige était sale“, ist die Comic-Adaption des gleichnamigen Romans von Georges Simenon, der 1948 erschien. Simenon ist berühmt durch seine zahlreichen Krimis, in denen Kommissar Jules Maigret ermittelt, die auch mit prominenter Besetzung verfilmt wurden. Doch schrieb der überaus produktive Simenon auch Dutzende sogenannter „roman durs“ mit existenziellen Themen und mehr Tiefgang, oft mit Fokus auf den Täter, ähnlich den Werken der Schwarzen Serie. Auch „Der Schnee war schmutzig“ gehört zu dieser Simenon-eigenen Kategorie. Frank, unsere Hauptfigur, lebt zwar wie ein Dandy, hat stets Geld in der Tasche in dieser (Winter-) Zeit des Mangels, handelt amoralisch und ist frei von jeglicher Empathie. Leichtes Geld und leichte Mädchen – beides ist für ihn immer und frei verfügbar.
Seine Beziehung zur jungen Sissy, Tochter eines Tramfahrers, ist gestört. Sie liebt ihn, ist bereit, ihm alles zu geben. Er jedoch bleibt oberflächlich, ist nur interessiert, ob sie noch Jungfrau ist und will sie seinem Kumpel Kromer überlassen. Selbst zu seiner Mutter bleibt er distanziert, spricht sie mit ihrem Namen an. Seine Verbrechen scheint er aus Langeweile zu begehen, die Taten scheren ihn kaum. Erst als er dennoch verhaftet und eingesperrt wird, ändert sich das. Doch zuerst: warum sitzt er im Gefängnis, was wirft man ihm vor, welche seiner Taten kam ans Licht? Und vor allem: von wem wurde er denunziert? So entsteht eine fast kafkaeske Situation, die sich nur nach und nach aufklärt, immer zu Lasten Franks, der bald ahnt, was ihm blüht. Aber für Reue und Buße scheint es zu spät…

Interessant auch der Ort und die Zeit, in der die Geschichte spielt. Denn beides ist nämlich unbestimmt und auch (absichtlich) nicht final ergründbar (auch hier im Comic nicht). Es gab wohl Krieg. Gleich im ersten Panel sehen wir zerstörte Häuser und ein Flugzeugwrack, später auch einen offenbar demolierten Panzer. Die Stadt wird von einer natürlich verhassten Besatzungsmacht kontrolliert. Alles sieht aus wie eine französische oder belgische Stadt im Zweiten Weltkrieg, besetzt von den Deutschen. Auch prangt eine Art Judenstern auf Franks Jacke. Wären da nicht die fremdsprachigen Schilder, die an Osteuropa erinnern oder Autos, die dort hergestellt wurden. Auch die Uniformen und Helme passen nicht zur Wehrmacht, wie auch die Symbolik (keine Hakenkreuze). Simenon lässt also bewusst Ort und Zeit als Allgemeinplatz offen.
Adaptiert wurde der Roman, der auch 1954 verfilmt wurde, vom Szenaristen Jean-Luc Fromental, einem alten Hasen, der bereits seit den 80er Jahren aktiv ist (zuletzt schrieb er den Blake und Mortimer Band „Acht Stunden in Berlin“), Zeichner ist Bernard Yslaire (der sich jetzt wieder mit „d“ schreibt), der mit seiner langjährigen Reihe „Sambre“ samt diverser Spin-Offs einen Meilenstein des franko-belgischen Comics schuf. Zuletzt erschien von ihm „Mademoiselle Baudelaire“ im Splitter Verlag. Auch hier zeigt er neben seinem elegant-runden Strich seine typische Kolorierung, in der oft ein einzelner Farbton variiert wird, gerne beispielsweise rosa. Der Baudelaire Band ist im Vergleich tatsächlich aufwändiger gestaltet. Hier, in der Simenon Adaption, richtet der der Fokus auf die handelnden Personen – die Umgebung, obwohl zeitgenössisch, soll austauschbar bleiben (siehe oben). Und ein Happy End – das dürfte jetzt auch kaum überraschen – ist hier völlig fehl am Platz. (bw)
Der Schnee war schmutzig
Text & Story: Jean-Luc Fromental, nach Georges Simenon
Bilder: Bernard Yslaire
104 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
24 Euro
ISBN: 978-3-551-80637-6