Die Blake und Mortimer Bibliothek, Band 3 (Carlsen) | Comicleser

Die Blake und Mortimer Bibliothek, Band 3 (Carlsen)

Oktober 1, 2020

London in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Eine Serie tolldreister Verbrechen, die im Raub der Königskrone aus dem schwer bewachten Tower gipfelt, erschüttert die Stadt. Captain Francis Blake wird mit der schwierigen Mission betraut, dem Übeltäter, der an den Tatorten lediglich die Signatur eines eingekreisten, gelben M hinterlässt, das Handwerk zu legen, ehe dessen Taten auch Leben kosten und die Bevölkerung weiter verunsichern. Natürlich weiht Blake seinen Spezi, den Physiker Professor Philip Mortimer, in die Sache ein. Doch ehe die beiden ernsthaft ermitteln können, entführt das „Gelbe M“ – wie die Presse den Verbrecher inzwischen tauft – einige Mitglieder des angesehenen Centaur-Clubs, wobei Blake und Mortimer den maskierten und mit scheinbar unglaublichen Kräften ausgestatteten Unhold erstmals zu Gesicht bekommen. Eine erste Spur findet Mortimer, als er entdeckt, dass die Entführten eine gemeinsame Vergangenheit haben. Doch auch nach einem Hinterhalt auf Blake in den Londoner Docks und der anschließenden wilden Verfolgungsjagd scheint der Verbrecher Oberwasser zu behalten…

Der dritte Band der Blake-und-Mortimer-Bibliothek ist der bisher dünnste und widmet sich auch nur einem einzigen Album der Serie. Nicht ohne Grund, gilt doch „Das gelbe M“ als absoluter Klassiker des franko-belgischen Comics. Die Geschichte erschien 1953 bis 1954 im Tintin-Magazin und 1956 erstmals als Album. Autor und Zeichner Edgar Pierre Jacobs (1904-1987, sein interessantes Leben lässt sich in dem Album „Der Fall E.P. Jacobs – Ein Leben für den Comic“ nachlesen) war Mitarbeiter von Hergé und präsentierte mit seiner Serie eine erwachsene Ligne-Claire, in gewisser Weise ein Gegenentwurf zu Tintin (Tim und Struppi), wo Hergé Dramen glimpflich mit Slapstick-Einlagen und Kalauern abfederte. Jacobs ist da ernster, konsequenter und damit trotz phantastischer Elemente realistischer. Mit dem Raub der Krone und den Entführungen baut er ein Mysterium um einen vermeintlichen Superverbrecher auf, der ganz in der Tradition eines Fantômas zu stehen scheint. Die in den nächtlichen und vernebelten Docks spielende ausführliche Verfolgungsjagd, die aus dem misslungenen Hinterhalt resultiert und schließlich zum Versteck des Verbrechers führt, ist auch nach heutigen Maßstäben furios und atmosphärisch dicht inszeniert und kann als Herzstück der Geschichte angesehen werden. Die Auflösung des Rätsels um das „Gelbe M“ nach dessen Demaskierung mündet dann in eine wahre Sprechblasen-Erklärungs-Orgie. Aber da muss man einfach durch…

Die reguläre SC-Ausgabe

Für ein bestmögliches realistisches Setting (damals mag es in London noch dichten Nebel gegeben haben) reiste Jacobs in die britische Hauptstadt, um vor Ort Recherche zu betreiben. Weitere Motive entnahm er aus einem seinerzeit beliebten Fotoband. Seine Inspiration bezog er aber auch aus klassischen Deutschen Stummfilmen, die er in seiner Jugend sah. Murnaus „Nosferatu“ stand für das „Gelbe M“ Pate (siehe Cover), das Geheim-Labor des Prachtexemplars eines Mad Scientist erinnert an „Metropolis“ (und noch mehr an James Whales „Frankenstein“) und das Motiv des kontrollierten Handlangers, der willenlos Untaten im Auftrag eines bösen Masterminds begeht, übernahm Jacobs gänzlich aus dem expressionistischen Klassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Dazu gesellen sich wieder diverse Science Fiction Elemente (Stichwort Megawelle oder Telezephaloskop), mit denen u.a. die „Kräfte“ des „Gelben M“ erklärt werden. Doch in erster Linie ist das Album eine spannende, dicht erzählte und auch überraschende Thriller-Geschichte, an der sich der Zahn der Zeit bisher ebenjenen ausbeißt. Ein klassisches Abenteuer eben. Wie es sich für eine Gesamtausgabe gehört, ist der Band zusätzlich mit ausführlichem Sekundärmaterial angereichert, das mit zahlreichen Abbildungen die Entstehung des Albums dokumentiert. (bw)

Die Blake-und-Mortimer-Bibliothek, Band 3: Das Gelbe M
Text & Bilder: Edgar P. Jacobs
96 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
22 Euro

ISBN: 978-3-551-02876-1

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