Die Insel des Dr. Moreau (Panini) | Comicleser

Die Insel des Dr. Moreau (Panini)

August 3, 2020

Wahrlich vom Regen in die Traufe kommt die junge Ellen Prendick: gerade noch überlebt sie um Haaresbreite einen Schiffbruch und treibt mit ihrem Rettungsboot auf eine einsame Insel im Pazifik, da landet sie auch schon in der nächsten Misere. Auf dem Eiland gehen nämlich zutiefst seltsame Dinge vor: eine zwielichtige Gestalt, die sich als Montgomery vorstellt, kommandiert am Ufer eine Horde seltsam wüst aussehender Figuren, aber immerhin lädt er sie ein, in den Stützpunkt der Siedlung mitzukommen. Dort wird Ellen mit Speis und Trank versorgt, aber richtig beruhigend ist die Angelegenheit nicht: die Dienerschaft wirkt seltsam grob und animalisch, und immer wieder hallen schreckliche Schreie über das Gelände. Irgendwann will Ellen der Sache auf den Grund gehen und öffnet eine Tür, die eigentlich verboten ist. Dort bietet sich ihr ein Bild des Schreckens: ein befrackter Herr, offenkundig Chirurg, macht sich hochnotpeinlich an einem Wesen zu schaffen, das halb Mensch, halb Tier zu sein scheint. Entsetzt flieht Ellen in den Dschungel, wo sie von einem wildkatzenartigen Geschöpft verfolgt wird, gegen das sie sich rabiat zur Wehr setzt.

In einer Ansiedlung aus groben Hütten, die sie umherirrend entdeckt, wohnt sie einer seltsamen Zeremonie bei, in der sich eine ganze Gruppe von Tierwesen eine Litanei von Gesetzen vorlesen lässt, die alle tierischen Verhaltensweisen unterbinden sollen. Mitten hinein platzt urplötzlich der offenkundige Herr der Insel, den Ellen bei seinen grausamen Experimenten überraschte: Dr. Moreau nimmt die Dame wieder mit in sein Haus und erläutert seiner entsetzten Zuhörerin seine perfiden Pläne. Per Vivisektion verfolgt er hartnäckig das Ziel, aus Tieren menschenähnliche Wesen zu formen und diesen Geschöpfen auch eine Art menschlichen Verstand einzuhauchen. Das gelingt allerdings nur teilweise: während die körperliche Umwandlung leidlich erfolgreich ist, fallen die Kreaturen nach kurzer Zeit wieder in ihre tierischen Verhaltensweisen zurück. Ein rigider Kodex – kein Fleisch oder Fisch fressen, nicht die Rinde vom Baum kratzen, nicht das Wasser aus der Pfütze trinken – hält die Gemeinschaft notdürftig zusammen, über allem steht die Schreckensvision, bei Verfehlungen zurück ins Haus der Schmerzen zu müssen, in dem Dr. Moreau seine grausamen Experimente durchführt. Als allerdings der Puma-Mensch beginnt, wieder Kaninchen zu reißen und Dr. Moreau ein großes Tribunal einberuft, kippt die Lage vollends in die Katastrophe ab…

Mit ihrer Adaption der wohl verstörendsten aller „Scientific Romances“ von H.G. Wells legen Autor Ted Adams und Zeichner Gabriel Rodríguez (u.a. „Locke & Key“) eine Variante vor, die wohlüberlegt in einigen Punkten von der Vorlage abweicht. Wells‘ Parabel auf die Grenzen der Wissenschaft – mit den Grundmotiven verantwortungslose Schöpfung à la Frankenstein, gewürzt mit Religionskritik (die „10 Gebote“ des „Beast Folk“), hellsichtigen Vorwegnahmen grausamer Praktiken im faschistischen Deutschland bis hin zu moderner Genmanipulation und sozialer Konditionierung – erhält durch die Verweiblichung der Hauptfigur einen interessanten Twist. So steht in Gestalt der jungen Ellen auch die weibliche Kraft gegen die männliche, destruktive Energie in Form des monströs-egomanischen Moreau, der sich als Gott geriert, und dem gescheiterten Mitläufer Montgomery.

Auch gegen Ende bemüht sich Adams um versöhnlichere Töne: im Gegensatz zu ihrem männlichen Pendant bei Wells, dem zwar die Flucht von der Insel, aber nicht mehr die Orientierung in der menschlichen Gesellschaft gelingt, müht sich Ellen um Wiedergutmachung und pflegt die geschundenen Geschöpfe auf der Insel weiter. Mindestens ebenso spektakulär wie der Inhalt ist die optische Gestaltung: Rodríguez arbeitet ausschließlich mit ausladenden Doppelseiten, auf denen die zentralen Szenen opulent zur Geltung kommen (wie etwa im Schlüsselmoment, als Ellen die widerlichen Praktiken des Moreau entdeckt, oder als der Pumamensch verbotenerweise aus dem Fluss trinkt). Somit ein weiterer, wunderbarer Baustein in der mittlerweile reichhaltigen Riege aus Wells-Adaptionen, die sich gleichwertig neben die Fassung von Dobbs und Fabrizio Fiorentino stellt. Adams‘ Variante erschien im Original 2019 in zwei Teilen bei dem von ihm gegründeten IDW Publishing und liegt bei Panini in einem Band vor, den man mit einer kompletten Sammlung von Skizzen-Zeichnungen sowie Variant-Covern garniert hat. (hb) 

Die Insel des Dr. Moreau
Text: Ted Adams, nach H.G. Wells
Bilder: Gabriel Rodriguez
108 Seiten in Farbe, Hardcover
Panini Comics
25 Euro

ISBN: 978-3-7416-1752-2

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