Die Haie von Lagos, Band 6 (Splitter) | Comicleser

Die Haie von Lagos, Band 6 (Splitter)

Juli 22, 2020

Neuer Wirkungskreis, alter Job: nachdem es Lambert auf abenteuerliche wie wundersame Weise nach Asien verschlug (siehe Band 4 und 5), hat er nun im Südchinesischen Meer sein neues Jagdrevier gefunden. Im Auftrag von Lee – den wir bereits aus dem ersten Zyklus kennen – zieht er sein Piraten-Gewerbe professionell auf, mit einem hypermodernen Superschiff, das mit den neuesten Techniken und Waffensystemen ausgestattet ist. Doch Lambert wäre nicht Lambert, wenn er einen „Oberboss“ wie Lee akzeptieren würde. So überfällt er eigenmächtig eine mondäne Yacht, verübt dort ein Massaker und nimmt einen Saudi-Prinzen als Geisel. Mit ihm als Faustpfand gegenüber Lee will er nun auf eigene Faust sein letztes großes Ding drehen. Ein russischer Frachter, der offiziell Kupfergranulat geladen hat, soll überfallen werden. Was nur Lambert weiß: das Schiff hat eine geheime, höchst brisante Fracht an Bord: Uranzentrifugen, die für ihren Besitzer atomare Aufrüstung bedeuten…

Fertig. Nach über 30 Jahren beendet Matthias Schultheiss seine Serie (Band 1 erschien auf Deutsch erstmals 1987), die sich vor allem im ersten Zyklus zu einem bisweilen drastischen Gewaltepos entwickelte. Die Figur des Lambert, der in seiner Darstellung samt Frisur und Monokel an den Stummfilm-Exzentriker Erich von Stroheim erinnert, ist dabei der alles überragende Antiheld, ein gnadenloser, ewig getriebener, charismatischer Schurke, der – was kaum zusammenpassen mag – immer mal wieder eine verletzliche Seite offenbart, nur um dann umso härter zu agieren, unabhängig der diversen Schicksalsschläge, die ihm Schultheiss im Laufe der Geschichte angedeiht. Zusätzlich wird er von den Geistern seiner ehemaligen Mitstreiter (aus dem ersten Zyklus) heimgesucht, die er auf dem Gewissen hat und mit denen er auch zur Verwunderung seiner Männer redet. Was auch für Wendungen in der Story sorgt, wie zum Beispiel den Verräter unter Lamberts Leuten betreffend.

Kernstück des Abschlussbandes ist der minutiös geplante Überfall auf den russischen Frachter, der mit einer brutalen Präzision erfolgt, auch dank der technischen Finessen, die Lambert und seinem Schiff zur Verfügung stehen. Aber wie im ersten Zyklus, der noch in Lagos spielte (der Originaltitel „Le Rêve du Requin“ – „Der Traum vom Hai“ macht insgesamt mehr Sinn), gibt es eine übergeordnete Ebene, die sich auch hier durch politische und moralische Verderbtheit und damit letztlich der Gier nach Geld auszeichnet. Die Saudis, eigentlich Verbündete der USA, bandeln mit den Russen einen Waffendeal an, womit eine Terror-Organisation unterstützt werden soll. Und ausgerechnet die Saudis bitten dem legal und illegal bestens vernetzten Lee um Hilfe bei der diskreten Suche nach dem verschollenen Prinzen. Aber auch die Amerikaner werden hellhörig, als man einen verstümmelten Hilferuf von der Yacht empfängt. Lambert ficht all dies nicht an. Er fürchtet nichts und niemanden und verfolgt mit eisenharter Disziplin seinen Plan.

Der erste Zyklus der Reihe, der aus drei Alben besteht, erschien bei Carlsen, gefolgt von einer Neuauflage bei Comicplus (inkl. einer Gesamtausgabe). Nach einer langen Pause sind „Die Haie von Lagos“ mit dem zweiten Zyklus (Band 4-6) nun bei Splitter beheimatet, wobei zwischen dem letzten Band und diesen auch ganze fünf Jahre liegen. Hier erschienen auch die letzten Arbeiten von Schultheiss („Woman on the River“, „Daddy“, „Die Reise mit Bill“). Vielleicht klappt ja auch endlich mal eine Neuveröffentlichung des formidablen Dreiteilers „Die Wahrheit über Shelby“, die schon lange überfällig ist. Der weitschweifende Ausblick gegen Ende des Bandes zeigt, dass Schultheiss locker noch das ein oder andere Album hätte nachlegen können. Insgesamt ist er in seinem zweiten Zyklus etwas zahmer geworden. Die Gewalt ist nicht mehr allgegenwärtig – deshalb aber noch lange nicht zimperlich. Und er hat mit Lambert seinen Frieden gefunden. Wie auch umgekehrt. (bw)

Die Haie von Lagos, Band 6: Jackpot
Text & Bilder: Matthias Schultheiss
64 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
16 Euro

ISBN: 978-3-86869-744-5

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