Insexts, Band 1 (Panini) | Comicleser

Insexts, Band 1 (Panini)

Mai 11, 2020
Insexts, Band 1 (Panini Comics)

Ehefreuden sehen anders aus: Lady Bertram, ihres Zeichens wohlhabende Tochter eines schottischen Arztes und einer indischen Brahmanin, hat im London des Jahres 1894 den Vicomte Harry geheiratet, der mit dieser Verbindung in erster Linie die maroden Familienfinanzen sanieren will. Als das erledigt ist, wendet sich Harry wieder seinen anderen Interessen zu, die er in den billigen Bordellen ebenso findet wie in der Zofe Mariah. Die allerdings hegt mit Mylady ihr ganz eigenes Glück: beide Damen sind auf mystische Art mit der Insektenwelt verbunden und sind sich auch ansonsten aufs Innigste zugetan. Mit Hilfe eines indischen Zaubers pflanzen die beiden Liebestäubchen dem Schlingel Harry den lang ersehnten Stammhalter ein, der ganz nach Alien-Manier aus dem Unhold hervorplatzt.

Die beiden Mütter nennen den Sohn William, schaffen die Leiche Harrys beiseite und machen sich auf, die bedrängte Damenwelt vor den männlichen Übergriffen zu retten. Zur Seite steht ihnen dabei einzig und allein der verständige Familienarzt Dr. Taylor, aber alsbald macht sich Harrys Sippschaft in Form seines Bruders George und der furienhaften Schwägerin Sylvia bemerkbar, die vehement an der Geschichte des Mordes an Harry zweifeln. Gleichzeitig schlagen sich die Damen mit einem Phänomen herum, das gemeinhin als „Schlächter von London“ bezeichnet wird und reihenweise Unschuldige meuchelt. Die Spur führt dabei ins Freudenhaus von Madame H., das der gute Harry offenbar mit frischer „Ware“ belieferte und das jetzt ins Visier der Kynokephalen geraten ist – einer uralten Rasse gestaltwandlerischer Kämpfer, die auf Rachefeldzug sind…

Männer sind Schweine – das wussten schon die Ärzte und besangen diese angebliche durchgängige Verderbtheit augenzwinkernd. Marguerite Bennett geht hier allerdings zwanzig Schritte weiter und legt eine schäumende Lektion in Männerhass vor, die vor keinem Klischee auch des kanonischsten Latzhosen-Feminismus zurückschreckt. Männer erscheinen hier mit Ausnahme des Arztes Taylor als machthungrige, gewalttätige Drecksäcke, die Frauen nur als Werkzeug und Objekte sehen (wir schalten hier schon einmal unser „Böser Plan“-Lachen ein). Die Damenwelt kommt nicht viel besser weg, entweder in Gestalt der religiösen Fanatikerin Sylvia oder der Puffmutter Lady H., die natürlich eigentlich ein Dämon ist. Klar. Die einzige logische Konsequenz besteht darin, dass die Damenwelt sich höchst erotisch auf sich selbst einlässt, was Ariela Kristantina genüsslich in Bade-, Fellatio- und sonstigen Stimulationsszenen ausbreitet.

Storytechnisch bietet Frau Bennett dazu reichlich Gelegenheit, fließen die insektenhaften Instinkte der Lady dann besonders gut, wenn sie sexuell in Fahrt gebracht wird. Dass die Insekten-Mimikry-Idee ein gehöriges Maß an Körperhass enthält, das muss sich der moralisch völlig derangierte männliche Leser nicht erst zusammenkonstruieren: nein, diese wilde Mixtur aus Alien und David Cronenberg erklärt die Dame selbst im Vorwort: „Ich habe InSEXts geschrieben, weil ich eine Frau bin, und als Frau weiß man, was Körper-Horror bedeutet.“ Woran – wie sollte es anders sein – ausschließlich männliche Ausbeutung und Erwartungshaltung schuld ist.

So entsteht eine thematisch überhitzte, storytechnisch reißerische Melange, die in ihrer optischen Gestaltung ironischerweise exakt die Klischees bedient, die eigentlich attackiert werden sollen. Wir atmen einmal ruhig durch, stellen fest, dass es auf beiden Seiten der Geschlechterkohorten (eigentlich gibt es mittlerweile ja deutlich mehr, aber das macht das ja nur noch komplizierter) gute und schlechte Menschen gibt, und legen die Ärzte auf, die das Thema deutlich klüger und hintersinniger behandelten. Band 2 erscheint in Kürze. (hb)

Insexts, Band 1: Metamorphose
Text: Marguerite Bennett
Bilder: Ariela Kristantina
132 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
20 Euro

ISBN: 978-3-7416-1233-6

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