Auf Kaperfahrt mit Störtebeker (Hinstorff) | Comicleser

Auf Kaperfahrt mit Störtebeker (Hinstorff)

November 16, 2016

Auf Kaperfahrt mit Störtebeker (Hinstorff)

Klaus Störtebeker. Berühmtester Seeräuber aus deutschen Landen. Eine Art Robin Hood auf See. Der als Kopfloser noch seine Männer zu retten versuchte. Etliche Legenden und Sagen ranken sich um den Vitalienbruder. Über seine Taten, über seine Eigenschaften, seinen Charakter, seine Weggefährten. Städte und Orte schmücken sich noch heute gerne mit seinem Namen. Einzig: es mangelt an historischen Belegen. Was Forscher sogar so weit gehen und behaupten lässt, es hätte ihn – zumindest als diese heute bekannte Figur – nie gegeben. Daher gilt auch hier die Weisheit aus „Der Mann der Liberty Valance erschoss“: Wenn die Legende zur Wahrheit wird, druck die Legende!

So begegnen wir in unserer Geschichte, die im Jahr 1385 einsetzt, Jakob, einem Jungen, der einen Überfall von Störtebeker überlebt und fortan auf dessen Schiff Dienst tun muss. Dabei ist er in der Hierarchie natürlich ganz unten und der Willkür seiner neuen Kameraden ausgesetzt. Einen Verbündeten findet er im Schiffskoch. Auch der kam einst durch Zufall zu Störtebeker, eigentlich wollte er Arzt werden. Langsam, über die Jahre, verschafft sich Jakob mehr Respekt und ein gewisses Ansehen, wird schließlich sogar zum Vertrauten seines Kapitäns, als echter, kampferprobter Seeräuber (die Episode ist verbunden mit dem Einsatz der ersten tragbaren Handfeuerwaffe, dem eisernen Handrohr. O-Ton eines Piraten: „Das wird sich nie durchsetzen“).

Jakob erlebt aus nächster Nähe, was sein Kapitän Störtebeker so treibt: vom Überwintern auf Helgoland, über Stationen in Rostock, Stralsund und Stockholm, wo er die belagerte Stadt gemeinsam mit anderen Piratenkapitänen als Vitalienbrüder mit Lebensmitteln versorgt (Vitalien = Viktualien = Lebensmittel). Später ändert sich die politische Lage. Störtebeker wird nicht mehr protegiert, verliert seine Handelsplätze. Sein neuer Stütz- und Rückzugspunkt wird Visby auf der Insel Gotland. Jakob ist inzwischen erst zum Steuermann, dann zum Vizehauptmann aufgestiegen. Schließlich wird das Treiben der Vitalienbrüder der Hanse endgültig zu bunt. Man stellt und besiegt sie vor Helgoland: Störtbeker und seinesgleichen werden eingekerkert und 1401 vor Hamburg hingerichtet. Jakob überlebt und begründet mit seinen Erzählungen und Liedern den Mythos des Piraten Klaus Störtbeker.

Ein Pirat hat immer Durst.

Ein Pirat hat immer Durst.

Nach der dreiteiligen, preisgekrönten Graphic Novel „Im Eisland“ von Kristina Gehrmann scheint der Hinstorff Verlag, der auf maritime Sujets spezialisiert ist, in Sachen Bildergeschichten Blut geleckt zu haben und verlegt mit „Auf Kaperfahrt mit Störtebeker“ seinen nächsten Comic. Aufgrund der dünnen Faktenlage kann und muss Till Lenecke in seiner ersten Graphic Novel nicht wenig fabulieren, um eine schlüssige Handlung zu konstruieren. Dies tut er mit bedacht und verzichtet damit auf weit her geholte Legenden, wie die, dass Störtbeker geköpft noch an elf seiner Leute vorbeischritt. Stattdessen zieht er andere geschichtliche und damit verbürgte Ereignisse heran, wie die die Grote Mandränke, eine gigantische, verheerende Sturmflut, die 1362 weite Küstenregionen verwüstete und verschluckte, wie die Stadt Rungholt, in deren überschwemmten Überresten Störtebeker hier einen Teil seines Schatzes versteckt. Das ist natürlich fiktiv, basiert aber auf einem tatsächlichen Hintergrund, was dem Geschehen eine gewisse Authentizität verleiht.

Dazu kommen noch Leneckes fundierte Recherchen, die den Schiffsalltag betreffen – soweit noch bekannt und überliefert – wie die gleichmäßige Verteilung der Beute, weshalb sich die Piraten auch „Likedeeler“ (Gleichteiler) nannten. Obwohl seine Zeichnungen bisweilen skizzenhaft sind, laden sie doch zum genauen Hinsehen ein. Was durch die zahlreichen Anmerkungen am Ende des Bandes noch angeregt wird, da dem unkundigen Leser sonst etliche Details entgehen würden. Das zeigt, wie genau es Lenecke bei seinen Bildern nahm. Die fiktive Figur des Jakob dient als Identifikationsfigur für den (jungen) Leser, schafft einen gewissen Abstand zur Person Störtebekers und versorgt so die Geschichte mit einem dokumentarischen Charakter (bei „Im Eisland“ ist das ähnlich). So kreiert Lenecke auch ein faszinierendes Bild der damaligen Zeit, kulturell, geschichtlich und politisch. (bw)

Auf Kaperfahrt mit Störtebeker
Text & Bilder: Till Lenecke
110 Seiten in Schwarz-Weiß, Softcover, Buchformat
Hinstorff Verlag
14,99 Euro

ISBN: 978-3-356-02040-3

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