Der kleine Prinz (Carlsen) | Comicleser

Der kleine Prinz (Carlsen)

Januar 5, 2016

Der kleine Prinz (Carlsen)

Zitateschatz der Welt, öffne Dich: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Das klingt schön, das hat man in jedem Fall schon einmal gehört, auch wenn man nicht weiß, dass es der Fuchs zu dem kleinen Prinzen sagt, der auf der Suche nach Freunden und dem wahren Sinn des Lebens das Universum durchwandert und schließlich auf der Erde landet. Dort trifft er einen Piloten, der mit seinem Flugzeug in der Wüste abgestürzt ist. Während der Pilot versucht, die Maschine zu reparieren, um dem sicheren Verdursten zu entgehen, erzählt ihm der kleine Prinz seine Geschichte: auf seinem Heimatplaneten habe er drei Vulkane gehabt, einer davon erloschen, die habe er immer schön säuberlich gefegt. Seine geliebte Rose zierte sich dann allerdings ein wenig und konnte nicht ausdrücken, wie sehr sie seine Zuneigung erwidert, weshalb er sich auf eine Reise durch die benachbarten Asteroiden begibt.

Dort trifft er allerlei wundersame Gesellen: einen König ohne Untertanen, dessen Herrschaft sich darauf beschränkt, das zu befehlen, was ohnehin passiert; einen eingebildeten Menschen, der sich bewundern lassen möchte, aber der niemandem zum bewundern hat; einen Trinker, der trinkt, um zu vergessen, dass er sich dafür schämt, zu trinken; einen Geschäftsmann, der sich reich wähnt, weil er die Sterne als seinen Besitz ansieht; einen Laternenanzünder, der einfach nur warten müsste, bis sein Planet eine Umrundung vollendet hat; einen Kartographen, der die Welt vermessen möchte, aber ohne seinen Schreibtisch dafür zu verlassen.

Der Weg des kleinen Prinzen führt ihn schließlich auf die Erde, wo ihm der Fuchs dann eröffnet, worum es im Leben wirklich geht: nur die wahre Freundschaft zähle, man müsse sich ein wenig zähmen lassen, auch wenn dies manchmal schmerzvoll ist, um die inneren Werte zu sehen, um den äußeren Dingen eine emotionale Bedeutung zuschreiben zu können. Mit dieser Weisheit gerüstet, finden der Pilot und der kleine Prinz tatsächlich gegen alle Wahrscheinlichkeit einen Brunnen und überleben so. Der Prinz verlässt nach exakt einem Jahr seine menschliche Form und kehrt auf seinen Planeten zurück, während der Pilot zu seiner Militäreinheit zurückkehrt und seitdem auf die Wiederkehr seines weisen kleinen Freundes hofft, dem er die elementare Erkenntnis verdankt, dass die inneren Werte und Freundschaft die wirklich wichtigen Dinge sind.

Die Erzählung von Antoine de Saint-Exupéry, die erstmals 1943 im amerikanischen Exil des Autors erschien, zählt zu den wohl bekanntesten und populärsten Werken, die philosophische und weltanschauliche Thesen in eine symbolisch-fiktive Handlung verpackt einem breiten Publikum nahebringen (der Brasilianer Paulo Coelho, dessen Traktate in keinem Rucksack der Südostasien-Wanderer-Fraktion fehlen dürfen, ist der Meister dieses Fachs). Saint-Exupéry breitet in den Erlebnissen des kleinen Prinzen seine Lebenserkenntnis aus, dass die Erwachsenenwelt die kindliche Wahrnehmung durch einen allzu großen Fokus auf Rationalität, Materialismus und Konsum zerstört. Die „Großen“ können nicht verstehen, dass den Kindern Reichtum und Macht weniger wichtiger sind als Emotionen und Erinnerungen, also die Aspekte, die die „reale Welt“ erst wirklich erfahrbar machen: beim Anblick des gelben Weizens wird der Fuchs künftig immer an das Haar des kleinen Prinzen denken, die Sterne werden den Piloten immer an Glocken erinnern.

Die in sinnentleerten Beschäftigungen gefangenen „Großen“, die der kleine Prinz auf seine Reise durchs Universum trifft, verkörpern die Leere der modernen Welt, die hinter letztlich wertlosen Äußerlichkeiten herjagt und darüber das wahre Leben vergisst. Diese kleinen Wahrheiten, die nicht zuletzt von seiner „Muse“ Consuelo inspiriert waren (in ihr hat man üblicherweise den wahren Hintergrund des Fuchses, der Rose und sogar des Heimatplaneten des Prinzen gesehen), versah schon Saint-Exupéry selbst mit eigenen Illustrationen, wie auch das Buch selbst von Beginn an zahlreich in andere Medien wie Theater (darunter eine Fassung der Augsburger Puppenkiste), Film und Hörspiel adaptiert wurde. 2008 schließlich machte sich der studierte Philosoph Joann Sfar (‚Die Katze des Rabbiners‘, ‚Professor Bell‘; als Regisseur auch der Kopf hinter der Biographie ‚Gainsbourg‘) an eine Umsetzung des Stoffs in eine Graphic Novel, die auf Anhieb beim Festival von Angoulême als beste Graphic Novel für junge Leser ausgezeichnet wurde, 2009 schon einmal bei Carlsen erschien und jetzt auch im handlichen Softcover-Format vorliegt.

Sfar bleibt in seiner Adaption wortgetreu am Originaltext und inszeniert das Geschehen stilisiert, in ruhigen, leicht abstrahierten Bildfolgen, die durch atmosphärische Farbgebung die Stimmung der jeweiligen Szene gekonnt heraufbeschwört. Die „Großen“ erscheinen verbohrt und absurd, während der kleine Prinz selbst als zauberhaftes Kunstwesen, als neugieriges Kind gezeichnet ist, das schließlich erkennt, dass es seinen neuen Freund, den Piloten, verlassen muss. Die abschließende, wortlose Seite schildert das Warten des Piloten gegen jede Hoffnung – „Denkt an mich! Lasst mich nicht so traurig bleiben“, notiert er zuvor, „schreibt mir schnell, dass er zurückgekommen ist!“. Wer sich mit dem kleinen Seelenforscher also nochmals auf die Reise begeben möchte, dem sei der Band ans hoffentlich nicht kalte Herz gelegt. (hb)

Der kleine Prinz
Text & Bilder: Joann Sfar, nach Antoine de Saint-Exupéry
112 Seiten in Farbe, Softcover
Carlsen Verlag
9,99 Euro

ISBN: 978-3-551-71379-7

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