Interview mit Daniela Schreiter (Schattenspringer 2) | Comicleser

Interview mit Daniela Schreiter (Schattenspringer 2)

Juli 29, 2015

Schattenspringer Interview

Schattenspringer war im letzten Jahr der große Überraschungserfolg im deutschen Comicmarkt. Die Graphic Novel, in der die Berlinerin Daniela Schreiter in ebenso unterhaltsamen wie einfühlsamen Episoden ihre Kindheit mit dem Asperger-Syndrom schildert, ist mittlerweile bereits in der fünften Auflage erhältlich. Und gerade veröffentlichte sie bei Panini den zweiten Band, der über ihr Erwachsenwerden berichtet. Aus diesem Anlass beantwortete uns Daniela dankenswerterweise wieder einige Fragen:

Comicleser (CL): Daniela, nach dem großen Erfolg von Schattenspringer ruhten doch einige Erwartungen auf der Fortsetzung. Wie bist Du damit umgegangen, und wie hat sich die Arbeit zur Entstehung von Band 1 unterschieden?

Daniela Schreiter (DS): Tatsächlich habe ich mir keine großen Gedanken zu den Erwartungen gemacht. Ich habe einfach drauflos gezeichnet und gehofft, dass es den Lesern wieder gefallen wird. Beim 1. Band bekam ich sofort zu jeder Seite Feedback von den Lesern, da ich ihn als Web-Fortsetzungscomic veröffentlicht habe, bevor er von Panini gedruckt wurde. Das war großartig und motivierte stark weiter zu machen! Dies war nun beim 2. Band ganz anders, nur ein paar Seiten habe ich als Sneak Peak vorher zeigen können. So musste ich nicht linear arbeiten, sondern konnte auch mal springen, die Geschichte langsamer aufbauen oder auch fertige Seiten wieder ganz über Bord werfen. Das bringt mehr Freiheiten mit sich, aber durch das fehlende (sofortige) Feedback litt manchmal die Motivation. Gerade bei schwierigen Stellen (wie den Suizidgedanken und Depressionen) brauchte ich länger, bis ich mich selbst wieder aufraffen konnte, weiter zu zeichnen.

CL: Wann hast Du den Entschluss gefasst, eine Fortsetzung zu schreiben? Oder war das schon immer der Plan?

DS: Es war mein Plan, da ich nicht alle Themen im 1. Band unter bekam (und auch jetzt bin ich noch nicht fertig). Aber das grüne Licht für den zweiten Band gab mir Panini letztes Jahr auf dem Comic Salon in Erlangen.

CL: Schattenspringer fand ein großes Echo beim Leser und in den Medien. Hast Du aus Deiner Sicht Dein Ziel erreicht, für mehr Toleranz und Inklusion einzutreten? Hast Du einige besonders bemerkenswerte Reaktionen bekommen?

DS: Erst vor kurzem habe ich z.B. erfahren, dass der Schattenspringer auch in der Charité ausliegt und dort einer frisch diagnostizierten Autisten und ihrer Familie geholfen hat, ihre Diagnose besser zu verstehen. Solche Reaktionen sind fantastisch. Aber auch viele Eltern von Autisten oder junge Autisten selbst schrieben mir, dass ihnen der Comic in der Schule geholfen hat, da die Lehrer ihr „Anderssein“ nun bildlich erfassen können.

CL: Den Moment der Diagnose beschreibst Du als befreiend. Siehst Du nicht die Gefahr, dass das Pendel mittlerweile schon in die Gegenrichtung ausschlägt, d.h. dass man bei Kindern zunehmend alle Eigenheiten und Charakterzüge vorschnell diagnostiziert und in „einfache“ Schubladen steckt, wie ADHS etc.?

DS: Vorschnelle Diagnosen (ich spreche jetzt für den Bereich Autismus, bei ADHS kenne ich mich leider nicht genügend aus) sind nicht das Problem, eher, dass es zu viele Fehldiagnosen gibt, da die nötigen Experten fehlen. Für eine Autismus-Diagnose kann man inzwischen ein Jahr oder länger warten, da es einfach zu wenig Experten in diesem Bereich gibt. Die Gefahr ist dann groß, dass nur die komorbiden Störungen (z.B. Depressionen, Angststörung) erkannt werden. Diese Schubladen werden eher von der Gesellschaft genutzt, da werden Probleme in der sozialen Interaktion leichtfertig mit Autismus gleichgesetzt.

CL: Du beziehst Dich häufig auf literarische Hintergründe – Harry Potter, aber vor allem Douglas Adams mit seiner Anhalter-Reihe. Wie wichtig sind diese Bücher für Dich?

DS: Ich kann sie immer wieder lesen, sie sind toll. Eine Art bibliophiler Happy Place, wenn ich eine Auszeit brauche, kann ich zu Adams oder Harry Potter greifen und fühle mich gleich wieder wie geborgen.

CL: Die zeitreisende Telefonzelle ist die Tardis aus Dr. Who, oder? Was gefällt Dir an dieser Figur und ihrer Geschichte?

DS: Ja, genau. Ich mag diese SciFi-Welt, die so unglaublich riesig und abgedreht ist und manchmal auch einfach keinen weiteren Sinn braucht. Seine Abenteuer sind spannend, gruselig, witzig und manchmal auch zum Heulen traurig. Und es gibt nicht immer ein Happy End. Der Doktor ist zudem ein Alien, der aber genauso aussieht wie ein Mensch. Das passt ja auch ein bisschen zum Schattenspringer.

CL: In letzter Zeit werden Graphic Novels öfter auch erfolgreich für das Kino adaptiert, auch komplexere Werke wie Persepolis oder Waltz with Bashir. Kannst Du Dir auch eine Verfilmung des Schattenspringers vorstellen?

DS: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Der Stil von Persepolis als Film hat mir sehr gefallen (habe ihn unzählige Male gesehen), so etwas könnte ich mir theoretisch auch für den Schattenspringer vorstellen.

CL: Du beschreibst unter anderem Dein Jura-Studium in Berlin. Hast Du das abgeschlossen, und interessiert Dich das Themenfeld weiterhin?

DS: Nein, ich habe nur bis zum 1. Staatsexamen studiert. Ich habe immer noch alle Bücher aus dem Studium behalten und interessiere mich für Rechtsprechungen, aber nicht mehr so stark wie innerhalb des Studiums.

CL: Am Ende gibt es einen Ausblick auf weitere Erlebnisse, dürfen wir uns auf Band 3 freuen? Oder planst Du vielleicht ein gänzliches anderes Thema, weg von den autobiographischen Bezügen?

DS: Ich kann mir durchaus einen 3. Band vorstellen, aber jetzt werde ich erstmal an einem anderen Projekt arbeiten :).

(hb)

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