Schattenspringer, Band 2 (Panini) | Comicleser

Schattenspringer, Band 2 (Panini)

Juli 26, 2015

Schattenspringer 2 (Panini)

Irgendwie „anders“ zu sein ist schwierig genug – aber mit dem Versuch aufzuwachsen, dennoch ebenso vehement wie erfolglos dagegen anzukämpfen, das ist nahezu unmöglich, kräftezehrend und – auch der vollkommen falsche Weg. So in etwa kann man das zusammenfassen, was die Berliner Zeichnerin und Autorin Daniela Schreiter uns im zweiten Teil ihrer autobiographischen Graphic Novel ‚Schattenspringer‘ berührend und eindrucksvoll nahebringt. Ging es im ersten Teil, der 2014 zu einem der meist diskutierten und zu Recht gerühmten Comics avancierte, noch um eine Kindheit im Zeichen des Asperger-Syndroms, führt uns die Fortsetzung nun die Jugendzeit bis hin zur durchaus befreienden Diagnose. Schon im ersten Teil führte uns Daniela sehr einfühlsam vor Augen, was für so genannte „NTs“ (also neurotypische Menschen) oftmals schwerlich nachzuvollziehen und klischeebeladen ist: das Gefühl, schlichtweg auf dem falschen Planeten gelandet zu sein, der mit Reizüberflutung und sozialen Konventionen aufwartet, die für Menschen mit dem breiten Spektrum an Asperger-Syndromen schwerlich zu verarbeiten sind.

Ihre Eigenheiten, aber auch vielen Vorzüge präsentierte schon Teil 1 in repräsentativen, oft auch lustigen Episoden – eine hohe taktile Reizbarkeit (Sonne? Strand? Ein Graus!), Befremdung über soziale Interaktionsspiele (in die Augen schauen? Warum? Die Worte kommen doch aus dem Mund?), hoher Gerechtigkeitssinn und die Vorliebe für spezielle Wissensgebiete, die bis zur Meisterschaft ausgebreitet werden. Teil 2 setzt nun in gleicher Stilistik – Daniela führt uns mit ihrem Alter Ego, einem kleinen Fuchs, der das Geschehen oft kommentiert und sich über sie amüsiert bzw. sie berichtigt, durch die Szenerie – am Beginn der Pubertät an, die zu einer noch größeren Herausforderung wird: fühlt sich Daniela ohnehin oft schon wie ein Alien, das die Welt anders wahrnimmt, katapultieren sie die Veränderungen ihres Körpers endgültig in eine emotionale Achterbahnfahrt. Die neuen monatlichen „Besucher“ in Form von rötlichen Tropfen, die anfangs kumpelhaft tun und sie dann recht plagen, helfen da auch nicht gerade weiter. Aber weiterhin möchte sie dazugehören, erkämpft sich ihre Inklusion damit, dass sie versucht, wie ein NT zu wirken, was ihr ungemein viel Kraft abverlangt – zumal auch die ersten Beziehungsansätze eher zur Pflichtübung denn als Genuss wirken.

Wie bei den Bundesjugendspielen geht es beim ersten Sex zu: dabei sein ist alles, Teilnehmerurkunde abholen, zur Sieger- oder gar Ehrenurkunde reicht es nicht. So fällt der Fokus stetig mehr auf den Versuchen, Beziehungen aufzubauen oder auch zu unterhalten, was zwar auch mit verständigen Partnern anfänglich nicht gutgeht, aber doch wertvolle Erfahrungen bringt (Sex kann Spaß machen – es gibt auch andere, die so sind wie ich – aber Zusammenleben ist schwierig…). Aber immer noch setzt sich die heranwachsende Daniela dem Druck aus, eben nicht anders sein zu wollen, sondern eine „normale“ Frau – und wenn das nicht klappt, plagen sie Schuldgefühle und sogar Selbstmordgedanken. Die Uni wirkt einerseits aufregend (endlich kann man sich mit den Dingen intensiv beschäftigen, die einen interessieren, und sogar aus der sicheren Umgebung der eigenen vier Wände!) und bedrohlich (Massenaufläufe im Audimax? Mensa? Geht gar nicht!! Nichts wie nach Hause!!) – und als sie bei einem weiteren Beziehungsversuch ihre Kräfte aufzehrt, um normal zu wirken, haut es sie komplett aus den Latschen. In Eigenrecherche stößt sie dann auf das breit gefächerte Syndrom des Asperger-Autismus, was sie nach einigen Monaten auch als Diagnose für sich selbst akzeptieren kann. Dieser Befreiungsschlag – es ist ok, anders zu sein, ich bin nicht schuld an irgendetwas – und eine wirklich glückliche Beziehung bilden den Schlusspunkt. Vorläufig, denn es gibt noch viel zu berichten…

Daniela Schreiter gelingt es auch in Band 2 wieder, überraschende Einblicke und Erkenntnisse zu vermitteln, ohne jemals belehrend oder mitleidheischend zu wirken. Erneut hangeln wir uns über Situationen, Episoden und erklärende Zwischentexte entlang an dem Grundthema: nur in Wort und Bild ist es möglich, annähernd zu vermitteln, wie man sich auf einer Welt als Alien fühlt. Die Antennen sind nach wie vor auf dem Kopf, der Fuchs wirbt mit einem Spruchband für Akzeptanz, die Abwehrreaktionen Overload (emotionale Überreizung), Shutdown (völliger Rückzug) und Meltdown (aggressives Ablehnen der Außenwelt) werden in bester Warner-Cartoon-Manier überzeichnet ins Bild gerückt, und Danielas vertraute Welt der Comics und Videospiele bietet oft eine gestalterische Parallele (game over? Oder continue level?). Im Einklang mit ihrer persönlichen Entwicklung setzt Daniela zunehmend literarische Parallelen ein – wenn sie sich an der Uni verloren fühlt, weil ihr der Orientierungssinn mangelt, erscheint sie als Zauberlehrling, der in Hogwarts den wandernden Treppen hinterherläuft.

Durchgängig allerdings sind Motive von Douglas Adams, dessen ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘-Reihe (bekanntlich eine vierteilige Trilogie in fünf Bänden) nicht nur titelgebend funktioniert, sondern auch als permanente Hintergrund-Parallele mitläuft: da wirft man ihr ein Handtuch zu, das bekanntlich wichtigste Ausrüstungsteil auf jeder Raumreise, durchs All begleitet sie ein Narwal, ihre düsteren Gedanken kommentiert ein manisch-depressiver Kampfroboter, den wir als Marvin kennen, und die Diagnose erscheint ihr dann wie die Antwort auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest (von der wir alle wissen, dass sie 42 lautet). Durch die Zeitebenen springt sie in einer Telefonzelle wie ein sattsam bekannter Zeitherrscher, und die Welt der Comics begleitet sie in Form der X-Men über all die Jahre.

Entstand in Band 1 die überraschend heitere Stimmung durch die satirisch-überformte Darstellung einzelnen Stationen der Kindheit, dominieren nun die eher essayhaften, rückblickenden Ausflüge in den vergeblichen Versuch, das eigene Wesen zu verleugnen und dazu gehören zu wollen. Die literarischen Querverweise und witzig- expressiven Zeichnungen verleihen dabei eben genau die seriöse Leichtigkeit, die auch Schattenspringer 2 wieder zu einem Werk machen, das Verständnis schafft, ohne jemals oberlehrerhaft daherzukommen oder gar mit dem Gutmensch-Zeigefinger zu winken. Vor sechs Jahren legte die Diagnose auch den Grundstein für die Umsetzung von Danielas Erfahrungen im Medium Comic, das sich erneut als kongenial zur Vermittlung von Einsicht und Wissen, gepaart mit jeder Menge Amüsement und Schmunzeln, erweist – und alles andere erzählt sie uns, auf einem Triceratops reitend, das endlich nicht mehr als seltsames Nashorn verstanden wird, ein anderes Mal. Wir bitten darum. (hb)

Schattenspringer, Band 2: Per Anhalter durch die Pubertät
Text & Bilder: Daniela Schreiter
160 Seiten in Farbe und schwarz-weiß, Hardcover
Panini Comics
19,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-308-4

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