Schattenspringer (Panini) | Comicleser

Schattenspringer (Panini)

August 7, 2014

Schattenspringer

Oder auch: wie es ist, anders zu sein. Denn so fühlt sich Daniela Schreiter, die in dieser Graphic Novel einen faszinierenden Einblick in ihr Leben gibt, schon immer. Wie von einem fremden Stern. Schon irgendwie dazugehörig, aber immer verwirrt, weil sie die Verhaltensmuster, die ihre Mitmenschen für vollkommen normal halten, nicht erkennt, weil sie von Reizen überflutet wird, die andere einfach ausfiltern, und weil sie sich gerne auf Details konzentriert und akribische Ordnung in ihrem Tagesablauf gibt.

Daniela hat Jura studiert, ist Comic-Zeichnerin – und Asperger-Autistin. Dieses Phänomen – das, wie im Vorwort ausgeführt, nichts mit Spargel zu tun hat – führt zu Verhaltensweisen, die für die Außenwelt oft schwer nachvollziehbar sind und die nicht zuletzt durch die Darstellung im Kino in bestimmte Schubladen geschoben wird: Autisten, das sind entweder die vor sich hin wackelnden Kinder, oder die genialen Programmierer, die keine Freunde haben. Soweit das Klischee, bedient durch Filme wie Rain Man, die wir aber vergessen sollen. Denn wie es dagegen wirklich ist, kein NT (neurologisch typischer Mensch, also ein „Normalo“) zu sein, dafür fehlten Daniela oft die Worte, weshalb sie ihre Geschichte in Bilder packte. So entsteht ein teilweise witziges, teilweise sehr anrührendes, aber in erster Linie extrem aufschlussreiches Panorama von den Herausforderungen, vor die ein Autist gestellt ist: die bei NTs übliche Reizfilterung in „wichtig und unwichtig“ findet nicht statt, weshalb es äußerstes Mühen bedeutet, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Einfache Tätigkeiten führen zu völliger Erschöpfung und Rückzug. Reize werden viel stärker wahrgenommen – so etwa ist es der kleinen Daniela ein Graus, über eine Wiese gehen zu müssen, Schwimmen zu gehen oder dem Lärm anderer Kinder ausgesetzt zu sein -, soziale Verhaltensformen und „ungeschriebene Regeln“ – wie etwa Ironie, Redewendungen oder Höflichkeitsfloskeln – bleiben verschlossen.

Daniela fühlt sich am wohlsten in ihrer eigenen Welt, die ihr Sicherheit gibt, findet Kinder langweilig und unlogisch, Erwachsene hingegen liefern ihr oft spannende Gesprächspartner, mit denen sie sich intellektuell messen kann. Soziale Kontakte fallen ihr schwer, erst mit Mühe findet sie einige Freunde, die ihre Eigenheiten nicht als Manko, sondern besondere Eigenschaft akzeptieren. Mit wachsender Begeisterung spielt sie Videospiele – klare Regeln, keine unlogischen Störungen von außen – verschlingt alles Lesbare und ist überglücklich, als man per email und SMS in geschützter Umgebung kommunizieren kann. Irgendwann lernt sie, sich soweit anzupassen, eben über ihren Schatten zu springen, dass sie mit dem Leben in der ihr fremden Welt soweit zurechtkommt wie nötig.

Das alles verpackt Daniela Schreiter in Episoden, die niemals belehrend oder larmoyant daherkommen, sondern teilweise amüsant auf die Differenzen hinweisen, die die Normalos überhaupt nicht wahrnehmen – so etwa, wenn sie einem Verehrer auf einen schönen Liebesbrief antworten möchte und ihm ein Kompliment ausspricht, das sie ehrlich meint: „Du hast sehr schöne Schulterblätter“, wenn sie sich im Ninja-Modus vor anderen Kindern versteckt oder sich als Alien mit kleinen Fühlern auf dem Kopf sieht, das eine Geheimidentität besitzt, während es einen NT-Anzug trägt und einen Normalo spielt. Jenseits aller Belehrung lernt man das anfangs sehr selten, mittlerweile fast schon überhäufig diagnostizierte Asperger-Syndrom in seinen verschiedenen Facetten kennen, wobei stets betont wird, das jede Ausprägung anders sei und es nicht „einen“ Autismus gibt.

In stimmigem Schwarz-Weiß präsentiert Schreiter dabei autobiographisch in insgesamt fünf Kapiteln ihren Weg über Kindheit, Schule, Studium bis hin zu ihrer Karriere als Comiczeichnerin und nimmt auch die NTs damit mit auf eine faszinierende Reise, die einem für einige Dinge die Augen öffnet – so auch, dass viele mildere Fälle gar nicht als solche auffallen, sondern eben einfach „komische Kauze“ sind. Dass die Asperger-Diagnose mittlerweile selbst zu einer populären psychologischen Schublade geworden ist, in die man alle Kinder gerne schiebt, die irgendwie ein wenig anders sind, bleibt hier außen vor – aber das bleibt der einzige leise Kritikpunkt an einem Werk, das auf unterhaltsame und kompetente Weise einen Einblick in eine Welt gibt, in die ein NT sonst wohl nie eintauchen könnte. Wenn es einen guten Gebrauch des Mediums Comic gibt, dann diesen. (hb)

Schattenspringer – Wie es ist, anders zu sein
Text & Bilder: Daniela Schreiter
160 Seiten in schwarz-weiß, Hardcover
Panini Comics
19,99 Euro

ISBN: 978-3-862019-50-2

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