Chaplin – Ein Leben für den Film (Panini) | Comicleser

Chaplin – Ein Leben für den Film (Panini)

August 28, 2020

Keine Filmfigur ist – losgelöst von ihren eigentlichen Werken – so bekannt wie Charlie Chaplins Tramp, wobei die Kunstfigur mit der Person dahinter gerne gleichgesetzt wird. Auch wer noch nie einen seiner Stummfilme gesehen hat, kennt dennoch Charlie, den Tramp, mit seiner Melone, den weiten Klamotten, übergroßen Schuhen samt Bambusstock. Eine Ikone. Diese Graphic Novel folgt nun in erster Linie dem Leben Chaplins, begleitet von seinen Filmen, und geht dabei ganz bewusst und konventionell chronologisch vor, von der Geburt bis zum Tod des berühmten Schauspielers und Regisseurs. Ein ambitioniertes Unterfangen, 88 Jahre, davon über 50 beim Film, in gerade mal 70 Comicseiten zu pressen. Der belgische Autor Bernard Swysen (der auch schon mit dem gerade verstorbenen André-Paul Duchâteau zusammenarbeitete) und der französische Zeichner Bruno Bazile haben sich dennoch dieser Aufgabe gestellt.

Charles Chaplin wird 1889 in London geboren. Sein Vater, ein Varieté-Künstler, kümmert sich wenig um ihn und seinen Halbbruder Sydney. So liegt es nach der frühen Trennung der Eltern an der Mutter, die beiden Söhne zu erziehen und durchzubringen. Sozialer Abstieg und eine Kindheit in Armut sind die Folge. Schon als Kind tritt Charlie in Theaterstücken auf, um dem tristen Alltag zu entfliehen und Geld zu verdienen, unterstützt von Sydney. Bis ihn der Theaterproduzent Fred Karno gemeinsam mit einer Schauspieltruppe (zu der übrigens auch ein gewisser Stan Laurel gehört) auf eine Tournee durch die USA schickt – was letztendlich zum Kontakt zur bereits boomenden Filmindustrie führt. Swysen und Bazile räumen dieser prägenden Kinder- und Jugendzeit angenehm viel Platz ein – es dauert 26 Seiten, bis Chaplin erstmals für Mack Sennett vor einer Kamera steht. Viele Rückschläge, die angeschlagene Gesundheit der Mutter, das Leben im Armenhaus und auf der Straße, was die beiden Brüder letztlich zusammenschweißt, werden ausführlich geschildert.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Für Sennetts Keystone dreht Chaplin (Kurz-) Filme am Fließband, alle nach gleichem, so verlangten Muster, nämlich mit einer finalen, wüsten Verfolgungsjagd. Binnen kurzer Zeit werden Chaplin, bzw. seine Filmfigur, bekannt und beliebt. Sein Gehalt steigt mit seiner Berühmtheit und sein Wunsch nach künstlerischer Kontrolle und Unabhängigkeit wird immer größer. Doch sollte es bis nach der Gründung der United Artists 1919 dauern (sein Vertrag mit First National endetet erst 1923), ehe Chaplin für seine Filme alleinverantwortlich ist (er komponiert dann auch selbst die Musik) und sein berüchtigter Perfektionismus am Set immer wieder für Verzögerungen und/oder Ärger sorgt. Hier schreitet der Band schneller voran, viele Filme werden nur kurz erwähnt, der Fokus bleibt oft auf dem Privatleben, das durchzogen ist von Liebschaften mit seinen jungen, oft noch minderjährigen Schauspielerinnen und den einen oder anderen daraus entstehenden (oder vertuschten) Skandal.

Dreharbeiten zu „Goldrausch“

Während der Zeit bei United Artists, deren Mitbegründer er ist, kommt der Tonfilm auf und Chaplins von vielen damals als bizarre Sturheit angesehene Haltung, dennoch am Stummfilm festzuhalten, äußerst sich in „City Lights“ (1931) und „Modern Times“ (1936), die dennoch beide  zu großen Erfolgen avancieren. Doch erstmals wirft ihm der Presse kommunistischen Ansichten vor. Privat läuft es da besser: Anfang der Vierziger lernt er nach einer verheerenden Beziehung mit Joan Barry die junge Oona O’Neil kennen. Wieder heiratet er, doch diesmal hält die Ehe, die zudem kinderreich werden wird (acht Kinder – seine Tochter Geraldine sollte viel später in Richard Attenboroughs  Filmbiographie Chaplins Mutter spielen). Nach „Monsieur Verdoux“ und „Limelight“ verweigert man ihm im Rahmen der Kommunistenhatz in der McCarthy Ära (Stichwort „unamerikanischer Umtriebe“) die Rückkehr in die USA. So muss er dem Land, dem er alles verdankt, den Rücken kehren und lebt fortan in der Schweiz. Erst 1972, als man ihm den Ehrenoscar verleiht, erfährt er dort späte Wiedergutmachung und erneute Anerkennung…

Tatsächlich versteht es Autor Bernard Swysen, vieles in seine Comic-Biographie zu packen. Es gibt etliches zu lesen, ohne jedoch dass die Panels, die Bruno Bazile mit einem leichten Funny-Touch gestaltet, überfrachtet wirken. Natürlich wird vieles nur schlaglichtartig oder kurz erwähnt – durch die episodischen Ereignisse, die ständig neue Informationen enthalten, kann eben kein durchgängiger Lesefluss entstehen. Und etwas mehr Einblicke in die Arbeitsweise Chaplins, der immer wieder haderte und seinen Platz im aktuellen Filmgeschehen suchte, hätte man sich dennoch gewünscht. Dass er ein rechter Schwerenöter war, wird offensichtlich. Und die anfängliche Konzentration auf die harte Kindheit in London war sicher nicht jedem bekannt. Wer in straffer und dennoch unterhaltsamer Form etwas über das Leben der größten aller Filmikonen erfahren will, dem sei der Band wärmstens empfohlen.  Ansonsten verweisen wir gerne auf Chaplins Filme, denn die werden, wie die Figur des Tramps, nie wirklich altern. (bw)

Chaplin – Ein Leben für den Film
Text: Bernard Swysen
Bilder: Bruno Bazile
88 Seiten in Farbe, Hardcover
Panini Comics
20 Euro

ISBN: 978-3-7416-1951-9

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