Africa Dreams (Splitter) | Comicleser

Africa Dreams (Splitter)

August 28, 2019
Africa Dreams (Splitter Verlag)

Eines vorweg: Obwohl der Titel des Bandes eine Verwandtschaft oder wenigstens eine thematische Verbundenheit mit den beiden „India Dreams“ Zyklen von Maryse und Jean-François Charles suggerieren mag, können die Bände inhaltlich nicht weiter auseinander liegen. Waren die Indien Epen geprägt von fernöstlicher Mystik und Exotik, von Romantik und Dramen in prächtigem Ambiente, könnte man diesen Band genauso gut Africa Nightmares nennen. Denn sein zentrales, dokumentarisch aufgearbeitetes Thema sind die extremen Gräuel, die im Kongo von den belgischen Kolonialherren und deren Schergen zwischen 1885 und 1908 unter Duldung von König Leopold II. begangen wurden.

Ende des 19. Jahrhunderts reist der junge Paul Delisle, ein angehender Missionar, in den Kongo. Dort sucht er seinen Vater auf dessen Plantage auf. Der verließ die Familie vor Jahren, gründete im Kongo eine neue und ist dort, wie auch schon in der Heimat in Brügge, als unberechenbares Raubein berüchtigt. Auch Paul begegnet ihm und seiner „Stieffamilie“ zuerst überaus skeptisch, erkennt aber bald, dass sein Vater unter der rauen Schale ein gesundes, durchaus modernes und humanes Weltbild hat, besonders hinsichtlich des kolonialen Habitus der Weißen. Und schon bald lernt Paul die Untaten kennen, die in der riesigen Kolonie, die siebzig mal größer als das „Mutterland“ ist, geschehen. Auch seine Missionsbrüder spielen dabei unverhohlen mit, was Paul zusehends entsetzt und er schließlich seine Soutane ablegt und auf der Farm seines Vaters eine leitende Stellung einnimmt. Denn inzwischen kamen sich Vater und Sohn näher und schätzen sich gegenseitig.

Der sogenannte „Freistaat Kongo“ war das Privateigentum des belgischen Königs Leopold II, der seinen Kolonialbesitz übrigens nie betrat. Obwohl sehr vermögend, benötigte der König viel Geld, um seine zahlreichen Bauvorhaben und Modernisierungen in Belgien zu realisieren. Dazu begann er, seine Kolonie systematisch und grausam auszubeuten. Mit einem kolonialen Kapitalismus der schlimmsten Art. Elfenbein und Kautschuk wurde exportiert. Die Eingeborenen wurden als „Freiwillige in Ketten“ dazu zwangsrekrutiert und bauten unter unmenschlichen Bedingungen Eisenbahnlinien und Pisten, um das Land logistisch für ihre Herren zu erschließen. Uralte Stammesstrukturen wurden dabei zerstört, ganze Landstriche entvölkert. Kindern hackte man die Hände ab, als Beweis für den Verbrauch von Patronen („Für jede Kugel eine rechte Hand“). Komplette Dörfer wurden ausradiert, die Frauen als Druckmittel für die Männer verschleppt und vergewaltigt. Das ganze Land blutete aus, im wahrsten Sinne. Man spricht heute von über 10 Millionen Toten.

Die Handlung wechselt zwischen der fiktiven Farmerfamilie Delisle und realen Personen, die reale Historie schrieben: Zuerst kann König Leopold den berühmten Afrika-Forscher Henry Morton Stanley („Doctor Livingstone, I presume?“) für seine Zwecke einbinden. Stanley schließt für den König im Kongo zwielichtige Landverträge ab, bis schließlich die Grenzen der Kolonie mehr oder minder willkürlich festgelegt werden. Als im Laufe der Jahre die Kongogräuel immer wieder und immer mehr publik werden, versteht es der König mit raffinierten politischen und finanziellen Winkelzügen (Geld und gute Jobs für die Kritiker – heute nennt man das Lobbyarbeit) immer wieder die Wogen zu glätten und die Untaten aus dem öffentlichen Fokus zu nehmen. Dagegen wehren sich Aktivisten, wie der Reverend William Sheppard, der Reederei-Mitarbeiter Edmund Morel oder der Diplomat Roger Casement (auch Mark Twain gehört zu der Gruppe), die v.a. mittels Fotografien die Öffentlichkeit mit den Kongogräueln konfrontieren, bis der Druck schließlich zu groß wird und Leopold „seine“ Kolonie offiziell an das Land Belgien verkauft.

Am Ende des Bandes konzentriert sich die Handlung auf die Schilderung der geschichtlichen Ereignisse (erste offizielle Untersuchungen der Gräuel aufgrund der erfolgreichen Bemühungen der o.g. Aktivisten). Paul, der inzwischen selbst mit einer Kongolesin eine Familie gegründet hat und mit seinem Vater erfolgreich die Farm führt, tritt immer mehr in den Hintergrund. Was schade ist. Aber auch wenn wir gerne mehr über das Leben der Familien Delisle und deren für die damalige Zeit unkonventionellen und humanistischen Ansichten erfahren hätten, hätte genau das das koloniale Leben im Kongo wieder idealisiert oder romantisiert und damit die Gräuel womöglich verschleiert und kaschiert. Genau wie es König Leopold stets praktizierte. Die Zeichnungen des Bandes übernimmt diesmal der hierzulande noch unbekannte Frédéric Bihel. Das Ehepaar Charles beschränkt sich auf die Story. Bihels Strich ähnelt in seinem Aquarellstil dem von Jean-François Charles, ohne diesen jedoch zu kopieren. Sein Stil bringt eine gewisse Nüchternheit und Sachlichkeit mit, was zur schrecklichen Thematik passt. Denn obwohl immer wieder große Landschaftspanels den Menschen klein erscheinen lassen, ist angesichts dieses dunklen geschichtlichen Kapitels kein Platz für bunte Farben. (bw)

Africa Dreams
Text: Maryse und Jean-François Charles
Bilder: Frédéric Bihel
200 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
36 Euro

ISBN: 978-3-96219-190-0

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