Die Präsidentin (Jacoby & Stuart) | Comicleser

Die Präsidentin (Jacoby & Stuart)

November 22, 2016

Die Präsidentin (Jacoby & Stuart)

Frankreich, 7. Mai 2017: das gar nicht so Undenkbare geschieht. Nachdem es Nicolas Sarkozy nicht gelungen ist, die konservativen Kräfte des Landes um sich zu scharen, tritt nicht er, sondern Marine Le Pen in den Präsidentschaftswahlen gegen François Hollande an. Die Vorsitzende des rechten Front National entscheidet mit einer hauchdünnen, aber dennoch gültigen Mehrheit die Wahl für sich. Den Franzosen bleibt kaum Zeit, sich ungläubig die Augen zu reiben: alsbald zieht die Dame mit ihrem Stab in den Elysee-Palast ein, wo ihr ein hilfloser Hollande die Amtsgeschäfte übergibt. Der nächste Streich folgt sogleich: durch geschicktes Umgarnen der restlichen konservativen Kräfte des Landes formt Le Pen ein Kabinett, das unter der Marionette des Premierministers Longuet ihre radikalen Ansichten mit trägt. Eilig wird ein Referendum anberaumt, in dem die Franzosen über den Verbleib im Euro befinden sollen, der von der neuen Führung programmgemäß abgelehnt wird. Le Pen schmiedet Allianzen gen Russland, verkracht sich absichtlich mit Kanzlerin Merkel und stößt US-Präsidentin Hilary Clinton mit Absichten, die NATO zu verlassen, vor den Kopf.

Fassungslos verfolgen der Lehrer Tariq, der Blogger Stéphane, ihre Großmutter Antoinette und ihre Pflegerin Fati, wie das Land immer mehr abdriftet. Fati bangt um ihre Aufenthaltsgenehmigung, die noch nicht verlängert ist; Stéphane polemisiert auf seinem Blog Résistance.fr gegen die neuen Machthaber; Tariq muss mit ansehen, wie seine anfängliche Gelassenheit immer mehr weicht; und Antoinette fühlt sich verhängnisvoll an die Zeit des Vichy-Regimes erinnert, als sie im Untergrund gegen die Besatzer und willfährigen Gehilfen im eigenen Land kämpfte. Derweil setzt Le Pen ihr Programm, nachzulesen im Parteimanifest „Notre Projet“, konsequent um. Nach einem geschickt gelenkten Referendum, in dem Le Pen vorrechnet, wie man sich der Schuldenlast entledigen könne, verlässt Frankreich in der Tat die Währungsunion. Man tritt aus der Nato aus und geht mit harter Hand gegen Einwanderer vor: Massenausweisungen sind an der Tagesordnung, in den Übersee-Provinzen kommt es zu Ausschreitungen und Protesten.

Die digitale Überwachung wird flächendeckend eingeführt, Computer und Mobiltelefone konsequent ausgespäht, mit dem Ziel, über alle ungeliebten Bürger Dossiers anzulegen, um Gründe für Festnahmen zu liefern. Aber die Folgen dieser rücksichtslosen Machtergreifung werden bald spürbar: Frankreich stürzt in eine tiefe Währungskrise, die Börsenkurse fallen ins Bodenlose, die Arbeitslosigkeit explodiert, und in der ex-Kolonie Neukaledonien bricht Bürgerkrieg aus. Auch Fati wird ausgewiesen, und eines Abends steht die Polizei bei Stéphane vor der Tür, um ihn und Tariq zu verhaften. Indessen trudelt Frankreich immer mehr auf den Abgrund zu, während noch extremere Kräfte sich anschicken, im Hintergrund die Macht für sich zu reklamieren…

Lässt sich feiern: Ein Alptraum auf Rädern

Lässt sich feiern: Der Alptraum auf Rädern

François Durpaire unternimmt hier das beklemmende Gedankenexperiment, den gar nicht fernliegenden Wahlsieg des Front National anzunehmen und die konsequente Umsetzung des bekannten Parteiprogramms in allen Ausprägungen auszumalen. Euro-Austritt, NATO-Abkehr, Hinwendung zu Russland, Protektionismus und restriktive Einwanderungspolitik, alles das ist lediglich aus den Forderungen des FN entnommen, die Durpaire in Auszügen wörtlich präsentiert. Die politischen Folgen der Isolation und der sozialen Unruhen werden dabei ebenso folgerichtig vorhergesagt wie eine durchaus kluge Prognose der wirtschaftlichen Folgen einer Politik, die auf den ersten Blick doch Frankreich förderlich sein sollte (kleinere Ausrutscher wie etwa die These, dass die Börsenkurse fallen, weil die „ausländischen Banken gegen französische Unternehmen spekulieren“, lassen wir beiseite, dazu braucht es nur verunsicherte Anleger, die ihr Kapital abziehen und keine finsteren Banken).

Spätestens mit zwei einschneidenden Ereignissen ist Durpaires Schreckszenario beinahe schon von der Realität eingeholt: die Briten haben den Euro-Austritt vorweggenommen, und in den USA regiert seit kurzem bekanntlich nicht Frau Clinton wie bei Durpaire, sondern ein Herr, dessen „America First!“ und Haltung gegen Immigranten verdächtig so klingt wie einige Argumente, die die Machthaber hier vorbringen. Beeindruckend die akribische Kleinarbeit, mit der Durpaire reale Figuren aus Politik, Wirtschaft und Journalismus einfügt und dadurch extrem realistisch die öffentliche Diskussion nachzeichnet, die die Ereignisse mit sich bringen dürften – und die Konstellationen, die die Umsetzung der Pläne erst ermöglichen. Bisweilen schießt Durpaire zwar über das Ziel hinaus: allzu schnell gelingen Euro- und NATO-Austritt (ob es den Briten mit dem Brexit wirklich ernst ist, daran hegen wir ja immer noch berechtigte Zweifel); der alte Patriarch Jean-Marie Le Pen übernimmt flugs wieder eine aktive Rolle in der Partei, die ihn eigentlich kaltgestellt hat, Marine Le Pen wird rüpelhaft-rauchend-intrigant so negativ gezeichnet, dass die Schwelle zur Karikatur teilweise überschritten wird, und vor allem der fast schon apokalyptische Schluss überspannt den Bogen dann doch ein wenig.

Dennoch bleibt eine zutiefst verstörende, auch atemlos spannende Frage nach dem „Was wäre, wenn? “ In der zeichnerischen Gestaltung von Farid Boudjellal dominieren dabei Graphic Novel-typische schwarz-weiß-Zeichnungen, in denen Zeitgenossen wie Clinton, Merkel, Putin und Figuren des öffentlichen Lebens in Frankreich bestens getroffen sind. In geschickten Montagen ergänzt oder verfremdet Boudjellal außerdem Fotografien durch Zeichenelemente, wie etwa bei Ansichten des Elysee-Palastes, der ersten Kabinetts-Sitzung oder auch der Massenproteste. Erklärende Passagen zu Aspekten wie digitale Überwachungstechniken oder auch politische und geschichtliche Hintergründe präsentiert er in Wort und Bild, ebenso wie die wörtlichen Zitate aus dem Parteiprogramm des FN. Mitreißend und beklemmend – eine Orwellsche Antiutopie der allzu realistischen Art. (hb)

Die Präsidentin
Text: François Durpaire
Bilder: Farid Boudjellal
160 Seiten in schwarz-weiß, Hardcover
Jacoby & Stuart
19,95 Euro

ISBN: 978-3-946593-12-6

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