Ulysses 1781, Band 1 (Splitter) | Comicleser

Ulysses 1781, Band 1 (Splitter)

Februar 15, 2016

Ulysses 1781, Band 1 (Splitter)

Annapolis, im Jahr 1781. Die Vereinigten Staaten sind noch jung, der Sieg über die Engländer gerade erfochten. Der Feind ist noch im Land. Ulysses McHendricks, alter Haudegen und siegreicher Held in diversen Schlachten, tobt sich bei einem Boxkampf aus, als er seinen Sohn erblickt. Der junge Bursche namens Mack bringt schlechte Kunde. Ulysses‘ Heimatstadt New Itakee, wo er bis zum Unabhängigkeitskrieg eine Whisky-Brennerei betrieb, ist von den Engländern besetzt. Die haben sich in seinem Haus eingenistet und bedrohen seine Frau. Das Kommando hat mit Colonel Montrose ein besonders grausamer Geselle, der sich nicht ziert, die ersten Bürger New Itakees zu hängen. Ulysses bleibt keine Wahl. Er muss nach fünf Jahren nach Hause, seine Familie, sein Hab und Gut, seine Mitbürger retten. Dazu schart er diverse treue Kampfesbrüder und undurchsichtige Gesellen um sich und bricht auf. Das Besondere: man reist nicht mit Kutschen oder auf Pferden, sondern per Schiff. Aber nicht im Wasser, sondern über Land! McHendricks‘ mächtiges Schiff namens Acheron rollt auf einer Spezialkonstruktion, die es Pferden ermöglicht, den Koloss zu ziehen, der bei Bedarf natürlich auch sein ursprünglich zugedachtes Element befahren kann.

Um die Reise zu verkürzen wählt man den Weg durch das Wishita-Tal, in dem in der Vergangenheit seltsame, unaufgeklärte Dinge geschahen und das deshalb wenn möglich gemieden wird. Siedler, die mit dem Tierreichtum dort ein Vermögen machten, verschwanden spurlos, wie auch diverse Suchmannschaften… Trotzdem treibt der furchtlose Ulysses seine Leute an. Nachdem man eine Attacke der Irokesen abwehren konnte, gelangt man ins Tal. Dort erscheint zuerst alles friedlich. Bis einige Männer von Unbekannten gemeuchelt oder entführt werden. Dann folgt ein Angriff auf die Acheron, die Ulysses mit einer waghalsigen Aktion gerade noch so vor dem Absturz in die Tiefe retten kann. Natürlich macht sich Ulysses sogleich auf, das Rätsel um die unbekannten und unsichtbaren Angreifer zu lösen und seine entführten Leute zu retten. Mit zwei Getreuen dringt er in das Tal vor, entdeckt das verlassene Dorf der Siedler und merkt schnell, dass hier etwas lauert, gegen das es keine Mittel zu geben scheint…

Na, kommen einige Motive und Namen bekannt vor? Richtig, nomen est omen – Autor Xavier Dorison greift hier auf Homers Odyssee zurück (Ulysses ist die englische Variante von Odysseus) und widmet sich in diesem ersten Band (und im folgenden) ganz dem Zyklopen, der kräftemäßig nicht zu besiegen war, dann aber doch mit einer List den Kürzeren zog, wodurch Odysseus und seine Gefährten entkommen konnten (was wir in Band 2 sicher in Dorisons Variation lesen werden). Dazu verortet er die zehnjährige Irrfahrt des Odysseus in die Zeit unmittelbar nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und mischt damit real geschichtliche Ereignisse mit Fantasy-Elementen, die spät, dafür aber umso heftiger auftauchen. So wird aus Ithaka hier New Itakee, aus zehn Jahren Abwesenheit werden fünf. Odysseus‘ Sohn Telemachos wird zu Ulysses‘ Sprößling Mack. Statt des Trojanischen Krieges haben wir den Unabhängigkeitskrieg, die Zyklopeninsel wird zum Tal. Nur das Schiff bleibt und wird, wie es Herr Kinski als Fitzcarraldo einst vormachte, über Land gezogen.

Schon die Coen-Brüder lehnten sich mit ‚O Brother Where Art Thou‘, ihrer formidablen Mississippi-Odyssee, an Homer an und handelten das Epos in 100 höchst kurzweiligen Minuten ab. Dorison und Hérenguel lassen sich da vergleichsweise deutlich mehr Zeit, alleine die Zyklopen-Episode belegt schon die ersten beiden Alben. Hier kann noch einiges auf uns zu kommen. Im Serienauftakt bedient sich Dorison nicht nur Homer, sondern kreuzt das Zyklopen-Motiv mit dem indianischen Wendigo-Mythos, weshalb wir auch kein einäugiges Monstrum sehen, sondern eine Art Manitu, ein böser Geist der Indianer in (über)menschlicher Gestalt. Die skurrile Idee mit dem Schiff als Land- und Wasser-Waffe, sozusagen als frühes Wohnmobil, zündet voll, und als die Handlung nach dem einführenden und Überblick verschaffendem Geschehen (sprichwörtlich) ins Rollen kommt und Fahrt aufnimmt, genießt man als Leser einen originellen Mix aus Action und Fantasy, quasi vor einem doppelten geschichtlichen Hintergrund.

Dorisons bisherige Werke lesen sich wie ein Best of realistischer franko-belgischer Fantasy. Darunter sind Serien wie ‚Asgard‘, ‚Heiligtum‘, ‚Das Dritte Testament‘ oder ‚Long John Silver‘, wo er sich auch eine bekannte literarische Figur zu eigen macht. Und so, wie er in WEST einen Spätwestern mit Fantasy-Elementen vermischt, macht er das hier mit einem weiteren historischen Stoff. Éric Hérenguels (Silbermond über Providence, Die Geister von Troy, beides ebenfalls bei Splitter) Zeichnungen sind kraftvoll und dynamisch, erinnern an die von Mathieu Lauffray in ‚Long John Silver‘. Dem schon fast entgegen steht eine bisweilen zarte Farbgebung in Richtung Pastelltönen, die durchaus kräftiger hätte ausfallen können, v.a. wenn man das Cover des Albums als Beispiel nimmt. Wie Dorison und Hérenguel in Band 2 die Rettung bzw. Befreiung der Gefährten durch Ulysses inszenieren werden (Stichwort ‚Niemand‘), darauf darf man gespannt sein. (bw)

Ulysses 1781, Band 1: Der Zyklop
Text: Xavier Dorison
Bilder: Éric Hérenguel
62 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
14,80 Euro

ISBN: 978-3-95839-249-6

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