Lazarus, Band 1 (Splitter) | Comicleser

Lazarus, Band 1 (Splitter)

Januar 20, 2016

Lazarus, Band 1 (Splitter)

Eine aktuelle Pressemeldung besagt: „Die 62 reichsten Menschen besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung“. Aussage von Familienpatriarch Malcolm Carlyle: „Fünf Kinder, und nur eins taugt etwas.“ Das eine, das ist Forever Carlyle, genannt Eve. Eve ist Mitglied einer privilegierten Familie, die in einer nicht näher bestimmten Zukunft über ein riesiges Territorium im Westen der ehemaligen USA herrscht. In einer Welt, in der Geld und Macht höchst einseitig verteilt sind: die Carlyles haben alles, der Rest nix. Dazu kommt noch eine kleine aber feine Besonderheit: Forever ist ein Mensch aus dem Reagenzglas, genetisch (und mechanisch?) verstärkt und damit praktisch unsterblich. Selbst schwerste, tödliche Verletzungen heilen in Sekundenschnelle von selbst. Forever ist ein Lazarus. Und damit die gefährlichste Waffe der Familie. Aber die Carlyles besitzen nicht nur alles. Sie kontrollieren und beherrschen auch alles. Nahrung. Menschen. Die dienen entweder der Familie, dann dürfen sie sich Knechte nennen, wenn nicht werden sie – verächtlicher geht’s kaum – als Abfall bezeichnet. Und Abfall ist egal.

Als ein Getreidelager (das festungsmäßig gesichert und bewacht wird) von Milizen der verfeindeten Konkurrenz-Familie, den Morrays, angegriffen wird, die über das ehemalige Mexiko herrschen, wird Forever mit der Aufklärung der Attacke betraut. Schnell wird klar: es muss einen Verräter geben. Der ist auch bald gefunden und exekutiert. Doch bleiben bei Eve Zweifel. Hat der Mann, ein Knecht, nur seine Familie und seine Mit-Knechte retten wollen? Das absolutistische Familienoberhaupt Malcolm Carlyle beruft den Familienrat ein. Und wir erkennen: Forevers Geschwister sind rücksichtslose, machtbesessene Egomanen, die auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind und im Hintergrund ihr eigenes Süppchen kochen, allen voran Jonah, der am liebsten einen Krieg mit den Morrays entfachen würde. Dem passt es auch gar nicht, dass Forever von ihrem ‚Vater‘ mit einer heiklen Sondermission betraut wird, die direkt ins Territorium der verfeindeten Familie führt, wo sie auf Joacquin trifft, den Lazarus der Morrays…

Vordergründig präsentiert uns das erfolgreiche Team Greg Rucka und Michael Lark (siehe auch Gotham Central) einen dystopischen Actioner mit Superhelden-Anleihen und voller Intrigen im Endzeitsetting, hintergründig brillieren Bezüge zu aktuellen und brisanten Themen, seien es Gentechnik, Jugendwahn oder soziale Ungleichheit, die hier auf die Spitze getrieben ist. Die Familie Carlyle herrscht erbarmungslos. Während das Gros der Menschheit im bittersten Elend dahinvegetiert, genießt man unbeschränkten Reichtum und bedient sich modernster Technologie. Die lässt die Privilegierten nicht nur viel jünger erscheinen, als sie sind, sie erlaubt auch die ‚Konstruktion‘ von Menschen im Reagenzglas, mit gewünschten und geplanten Eigenschaften. Forever scheint sich dessen noch nicht bewusst zu sein. Ihre ‚Geschwister‘ dulden sie, achten sie aber nicht. So beherrschen Verrat, Intrigen, Opportunistische Beweggründe und Gewissenlosigkeit den Umgang der Carlyles untereinander.

Damit charakterisiert der Wahlspruch, den sich die Carlyles zugelegt (und von Caligula geklaut) haben, nicht nur die perfide gesellschaftspolitische Situation, sondern auch die Familie an sich: „Mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten“. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Forever Carlyle, als Geschöpf aus dem Reagenzglas, als einzige zwar bedingungslose Loyalität zu ihrem Vater zeigt und entsprechend brutal handelt, aber andererseits die einzige ist, die menschliche Regungen offenbart: Zweifel ob der Hinrichtung des Verräters und Zuneigung zu Joacquin, dem Lazarus der Familie Morray, in dem sie einen Seelenverwandten erkennt. Zeichner Michael Lark (u.a. Batman: Neun Leben, Terminal City) glänzt einmal mehr mit seinem ureigenen Stil, dessen tiefes Schwarz nicht nur Personen akzentuiert in Szene setzt, sondern auch die Action-Sequenzen eindrucksvoll präsentiert, mit entsprechenden dunklen Farbtönen (für die Santi Arcas gesorgt hat). Auch interessant: im Anhang wird neben diversen Skizzen erklärt, wie die Computer Displays entstanden sind, die in der Serie benutzt werden, um Forevers Telemetrie zu überwachen. Das Vorwort stammt von Kult-Autor Warren Ellis. In den USA ist bei Image die Serie schon so weit fortgeschritten, dass es bei uns bereits im März mit Band 2 weitergehen kann. (bw)

Lazarus, Band 1: Die Macht der Familien
Text: Greg Rucka
Bilder: Michael Lark, Brian Level, Santi Arcas
120 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
19,80 Euro

ISBN: 978-3-95839-218-2

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