Helena, Band 1 (Splitter) | Comicleser

Helena, Band 1 (Splitter)

Juli 16, 2015

Helena, Band 1 (Splitter)

Simon heiratet seine schwangere Freundin. So der Plan. Doch sprichwörtlich vor dem Altar stehend verweigert er das Ja-Wort. Warum? Unmittelbar vor der Zeremonie trifft er seinen Schul- und Jugendschwarm Helena wieder, eine äußerst hübsche Blondine, die ihn damals schon völlig ignorierte. Sei’s drum. Die Hochzeit ist geplatzt, Simon bei Freunden und Verwandten unten durch. Dann geschehen zwei Dinge, die sein Leben umkrempeln: Simon erbt von seinem verstorbenen Vater eine große Wohnung und ein kleines Vermögen. Und er trifft erneut auf Helena, die in einem Supermarkt jobbt. Aus purer Verzweiflung (und ihre prekäre Finanzlage ausnutzend!) bietet er ihr an, für 1000 Scheine pro Monat jeden Donnerstag nachmittag drei Stunden mit ihm zu verbringen. Zwanglos, ohne Verpflichtungen. Schon gar nichts Körperliches. Wenn sie seine Zuneigung schon nicht erwidert, dann erkauft er eben ihre Anwesenheit. Helena geht auf das Angebot ein.

Nach einem holprigen Beginn scheint sie sich mit ihm anzufreunden. Er wiederum versucht ihr jeden Wunsch zu erfüllen, kauft einen Hund (ihre Lieblingsrasse), lässt Musiker aufspielen oder kochen. Doch nach genau drei Stunden geht sie. Mehr als schöne Gespräche – auch gerne über ihren verheirateten Lover – und ab und an ein Lachen gewährt sie ihm nicht. Bis sie einen Donnerstag ausfallen lassen will, weil sie mit ihrem Freund ein Wochenende in Sizilien plant. Simon versucht ihr das auszureden, er will ihr klar machen (natürlich nicht ganz uneigennützig), dass die Beziehung mit einem verheirateten Mann keine Zukunft hat. Helena bricht in Tränen aus, beide umarmen sich endlich und erstmals bleibt sie länger als die vereinbarte Zeit. Doch dann, am Donnerstag, ist Helena doch weg. Stattdessen schickt sie dem mehr als verdutzen Simon ihre Freundin Eloise, die den Termin ersatzweise wahrnehmen soll. Ein Termin, der ganz anders verläuft…

Splitter ist inzwischen Jims (d.i. Thierry Terrasson) deutscher Haus- und Hofverlag. Neben der SF-Actionserie ‚Yiu‘ (die er unter dem Namen Téhy schreibt) erscheinen hier seine Graphic Novels (zuletzt ‚Süße Versuchung‘) im Book-Format. Eine Ausnahme bildet der Zweiteiler ‚Eine Nacht in Rom‘, der als Album veröffentlicht wurde, was den ausladenden Panels gut tat. ‚Helena‘ ist nun wieder ein Zweiteiler. Der wieder im Albenformat erscheint (gut so!). Dieses mal übernimmt Jim nur das Szenario, das Zeichnen überläßt er Lounis Chabane (Golden Cup). Seine Zeichnungen ähneln denen Jims. Ein klarer, realistischer, ruhiger Stil in freundlichen Farben. Und es geht wieder um die Liebe. Wieder um eine unmögliche oder zumindest ungewöhnliche Situation bzw. Konstellation.

Simon ist schüchtern. Vor allem bei schönen Frauen (siehe Cover). Im Grunde weiß er, dass er bei Helena keine Chance hat. Also setzt er sein neues Vermögen – sozusagen gewinnbringend – ein und kauft sich ihre Zeit. Er gibt nie auf, das muss man ihm lassen. Helena hingegen weiß um ihre Attraktivität. Sie weiß auch um ihre Charakterschwäche, nie zufrieden zu sein. Wieder zeigt uns Jim eine nach außen hin vermeintlich starke Frau, die doch innerlich zerrissen ist. Was genau sie will, wie sie genau tickt, bleibt für den Leser noch ein Buch mit sieben Siegeln. Die Handlung findet zum Großteil in Simons Wohnung statt. Von Helena erfahren wir nur das, was sie preis gibt. Das Finale des ersten Teils besteht aus einer großartig choreographierten Parallel-Handlung. Helena ist mit ihrem verheirateten Lover in Sizilien, Simon mit Eloise in seiner Wohnung. Beide Räume sind identisch, beide Frauen sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Die Dialoge passen zu beiden Paaren, Handlung und Personen scheinen zu verschmelzen. Ein wunderbarer Kunstgriff.

Inzwischen gehört Jim zu den wenigen Autoren, deren Comics man ungesehen kaufen kann. Er erzählt einfühlsam und flüssig. Ohne jeglichen Schmalz oder Gestelztheit. Die Dialoge sind natürlich, alltäglich. Dadurch werden die ungewöhnlichen Situationen glaubhaft (hier die bezahlte Gesellschafts-Dame, bei ‚Eine Nacht in Rom‘ das lange geplante Wiedersehen). Wir lernen: Liebe lässt sich nicht planen und ist grausam, wenn sie einseitig ist und nicht erwidert werden kann. Trotzdem glaubt man, klammert sich an Funken der Hoffnung fest und bemüht sich, auch unmögliche Wünsche zu erfüllen. Aber wer weiß, wie es endet? Ob sich Simon und Helena doch noch finden, wird der zweite Band zeigen, der im Frühjahr nächsten Jahres erscheint. Bis dahin lassen wir Simon zappeln. Und er uns. (bw)

Helena, Buch 1
Text: Jim (d.i. Téhy)
Bilder: Lounis Chabane
88 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
18,80 Euro

ISBN: 978-3-95839-141-3

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