
Montana, Wyoming, Colorado, New Mexico. Weites Land, wohin man schaut. Oder fährt. Wir befinden uns im Jahr 1970. Chuck und seine Freundin Kat kommen aus dem Norden und sind unterwegs bis in den Süden der USA. Dort, in der Geisterstadt Dry Creek, wartet ein kleines Vermögen auf sie. Über fünf Jahre ist es nun her, als Chuck durch ein krummes Ding an Geld kam. An viel Geld. 250.000 Dollar, die er dann in Dry Creek versteckte. Durch eigene Dummheit wurde Chuck anschließend verknackt, zum Leidwesen von Kat, die seitdem geduldig als Kellnerin arbeitete und auf Chuck wartete.
Der ist jetzt wieder auf freiem Fuß und gemeinsam mit Kat will er nun die Kohle ausgraben. Doch gleich zwei Überraschungen warten auf die beiden: Zum einen ist das Geld weg, zum anderen werden sie von einem alten, offenbar verrückten Streuner bedroht, der ihnen eine abenteuerliche wie wirre Mär über verschwundene Goldbarren auftischt, die er angeblich seit Jahren sucht. Dann wird die Story richtig interessant und auch komplexer, geht über das vermeintliche Bonnie und Clyde Motiv heraus, denn: neue Figuren tauchen auf. Chuck konnte das Versteck des Geldes nämlich nicht für sich behalten…
Fast durchweg Loser bevölkern den Band. Kleine Ganoven ohne Gewissen und ohne viel Verstand, getrieben von der stumpfen Gier nach Geld, gepaart mit Misstrauen, Missgunst und krimineller Unfähigkeit. Chuck glaubt ständig alles im Griff zu haben, auch seine Freundin Kat. Doch lässt er sich ums andere Mal hinters Licht führen. Und Kat tut (fast) alles für den vermeintlich nahenden Reichtum. Sie wartete geduldig auf Chuck, ist ihm brav zu Willen, jedoch nicht ohne ihn ständig zu verspotten und zu beleidigen. Was Chuck nicht ahnt: Kat spielt noch ein ganz anderes Spiel, das jedoch das gleiche Ziel hat.
Dann ist da noch die Western Komponente, die den Band durchzieht. Zuerst natürlich die Geisterstadt, in der nur noch der zerzauste wie der unheimliche, verwirrte Alte ausharrt, der damit an den Blueberry Klassiker „Das Gespenst mit den goldenen Kugeln“ erinnert. Nicht die einzige Hommage übrigens. In einem Rückblick sehen wir ein Panel mit Ten Gallons, ein Saloon heißt Red Dust. Und ein Panel später sehen wir noch ein vertrautes Gesicht: Mike S. Blueberry höchstpersönlich sitzt mit am Poker-Tisch (Zeichner Philippe Xavier ist auch an der Blueberry-Hommage beteiligt, die gerade bei Egmont Ehapa erschienen ist).
Der heimliche Star des Bandes sind aber die Cinemasope Landschaften, die Zeichner Philippe Xavier beeindruckend in klaren Bildern, auch auf Doppelseiten in Szene setzt. Weite, endlose, aber auch karge, felsig-staubige Naturkulissen, die Erhabenheit aber auch ein Stück Trostlosigkeit vermitteln und die damit auch irgendwie zu den Charakteren passen. Die bekämpfen sich genre- und stilsicher in veritablen Schießereien und am Ende stellen Xavier und Autor Matz in einem schönen Kniff noch eine Verbindung zu ihrem letzten gemeinsamen Werk „Die Schlange und der Kojote“ her. So haben wir hier einen echten Edel-Western im Gewand eines 70er Jahre Road-Movie-Gangster-Thrillers. Respekt. (bw)
Der Schatz der Geisterstadt
Text & Story: Matz
Bilder: Philippe Xavier
120 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
25 Euro
ISBN: 978-3-98721-334-2