Wiedersehen mit Comanche (Splitter) | Comicleser

Wiedersehen mit Comanche (Splitter)

Januar 13, 2026
Wiedersehen mit Comanche (Splitter Verlag), von Romain Renard

Zugegeben: der Titel lockt und macht neugierig. Vor allem bei altgedienten Comic-Fans. Denn „Comanche“, 1969 erdacht von Szenarist Greg und Zeichner Hermann, ist neben Blueberry die prägendste franko-belgische Western-Serie. Das letzte Album erschien 2002 (die Nummer 15 – Hermann zeichnete die Bände 1 bis 10); bei uns wurde die Serie durch den Abdruck im Koralle-Zack bekannt und ist aktuell im Splitter Verlag erschienen und erhältlich. „Wiedersehen mit Comanche“, das gleich vorweg, gehört nicht zur Reihe, bedient sich aber deren Figuren und nimmt Bezug auf einen klassischen Serien-Zweiteiler von Greg und Hermann.

Zur Geschichte: Irgendwo in Kaliforniern in den frühen 1930er Jahren, mitten in der Weltwirtschaftskrise. Ein knorriger alter Mann namens Cole Hupp lebt abgeschieden und alleine in den Wäldern in einem Blockhaus. Dort spürt ihn die hochschwangere Vivienne Bosch auf. Sie arbeitet für die Kongress-Bibliothek, ist Historikerin und will die letzten lebenden Personen interviewen, die „das goldene Zeitalter des Wilden Westens erlebt haben“. Was Cole Hupp damit zu tun hat? Nun, der wortkarge und nicht gerade zuvorkommende Senior hieß in einem anderen Leben Red Dust und war einst die rechte Hand Comanches auf der Triple Six Ranch bei Greenstone Falls in Wyoming. Und ist so etwas wie eine Westernlegende.

Doch das ist lange her. Zu lange? Mit Comanche und der alten „Besatzung“ der Ranch 666 (wie sie hier genannt wird), hat Red Dust schon lange keinen Kontakt mehr. Mit der Vergangenheit scheint er abgeschlossen zu haben. Außerdem wird er noch immer in vier Bundesstaaten gesucht, was natürlich der Hauptgrund für sein Untertauchen ist. Nun also steht die hartnäckige, schwangere junge Frau vor ihm und bringt ihn tatsächlich dazu, mit ihr an seine alte Wirkungsstätte zurückzukehren, die seltsamerweise auch telefonisch nicht erreichbar ist. So bilden die beiden eine Zweckgemeinschaft, in einem Roadtrip, der voller Überraschungen und Wendungen stecken wird…

Verantwortlich für das Album, inhaltlich wie optisch, ist der Belgier Romain Renard, von dem bisher bei Splitter zwei Bände seiner Reihe „Melvile“ erschienen sind. Sein Zeichenstil – der Band ist ganz in Schwarz-Weiß gehalten – ist hoch interessant: die Hintergrunde sind fast fotorealistisch gestaltet, dabei immer wieder leicht diffus verschwommen, während im Vordergrund die Personen agieren, gehalten in einem klaren (Tusche-) Strich. Das erinnert mitunter an Zeichentrick-Figuren vor einem gemalten Hintergrund. Aber so entstehen auch beeindruckende Landschafts-Tableaus voller Atmosphäre, die die Natur und die Weite des Westens einfangen, inkl. eines gigantischen Sandsturms (zur Dust Bowl Klimakatastrophe in den 1930er Jahren siehe „Tage des Sandes“ von Aimee de Jongh, ebenfalls bei Splitter erschienen).

Am Ende des Roadtrips, zum Finale des Bandes, sorgt Romain Renard für eine überraschende Wendung in seiner Geschichte. Dann flammen, mit Red Dust im Mittelpunkt, noch einmal die Motive des alten Wilden Westens auf, dessen Niedergang durch die aufkommende Zivilisation auch stets in der Original Serie thematisiert wurde. Bis dahin begegnen Red und Vivienne u.a. einem alten Weggefährten, erhalten Hilfe von einem Indianerhasser und werden von der Obrigkeit verfolgt. Nicht alles ist dabei schlüssig – so mutet das „Red Dust Museum“ etwas seltsam an und erinnert mit seinen Vitrinen an das Jahrmarkts-Kabinett im Lone Ranger Film.

Der Band, den man weniger in den Comanche-Kanon einordnen sondern eher als Hommage ansehen sollte, ist eine Mischung aus Roadmovie (die lange, ereignisreiche Fahrt nach Wyoming), Vergangenheitsbewältigung und Serien-Nostalgie (die unvollendete Beziehung zwischen Comanche und Red Dust) ein wenig Abgesang auf den Wilden Westen (der unaufhaltsame Einzug der Zivilisation, der Westen lebt nur im Kino weiter und spinnt dabei seine eigene Mythen) und dessen Protagonisten, von denen jene, die noch am Leben sind, reichlich desillusioniert auf ein selbstbestimmtes Finale hoffen. Und all das in Gestalt und Design eines frühen Tonfilms aus des Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Wer Western mag und Comanche (noch) nicht kennt, sollte dieses Versäumnis dringend nachholen. Wir empfehlen dabei die Lektüre von „Die Wölfe von Wyoming“ (Band 3) und „Roter Himmel über Laramie“ (Band 4), ein prägender Zweiteiler der Serie und längst ein franko-belgischer Comic-Klassiker. Nicht unbedingt nötig, um die Story in „Wiedersehen mit Comanche“ zu verstehen, aber dennoch förderlich. Belege, den Band als Serien-Hommage aufzufassen, finden sich auch in den Namen: Cole Hupp spielt auf den Zeichner an – Hermann heißt mit Nachnamen Huppen; und am Ende schlägt Red Dust vor, Viviennes Baby Hermann zu taufen, was der Name seines Vaters gewesen sei. Übrigens stellt Romain Renard, der auch Musiker ist, zur Lektüre des Bandes eine passende Playlist zur Verfügung, die via QR-Code abrufbar ist. (bw)

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Wiedersehen mit Comanche
Text & Story: Romain Renard
152 Seiten in Schwarz-Weiß, Hardcover
Splitter Verlag
35 Euro

ISBN: 978-3-68950-134-1

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