1984 (Knesebeck) | Comicleser

1984 (Knesebeck)

April 7, 2021
1984 (Knesebeck Verlag)

Dreizehn schlagen die Uhren gerade, als Winston Smith in seine staubige, abgeranzte Wohnung eintritt. Die wundervolle Nation Ozeaniens befindet sich im Dauerkrieg mit Eurasien oder wahlweise auch Ostasien, beherrscht von der totalitären Einheitspartei IngSoc, deren oberster Anführer namens „Großer Bruder“ zwar nie wirklich zu sehen ist, aber auf Plakaten und Televisoren in jedem Heim mit dem mahnenden Spruch prangt: „Big Brother is watching you“. In diesem vollendeten Überwachungsstaat arbeitet Winston Smith im Ministerium für Wahrheit, in dem er damit beschäftigt ist, die Geschichte stets an die jeweils genehme Parteilinie anzupassen: „vaporisierte“ oder sonstig eliminierte „Unpersonen“ werden aus allen Aufzeichnungen entfernt, der stets wechselnde Kriegszustand wird jeweils in den Zeitungen und Berichten „korrigiert“, und die unablässigen Jubelmeldungen über immer neue Jahrespläne und Lebensmittelrationen müssen die graue Realität der desolaten Mangelwirtschaft verbergen.

Auch die Sprache unterzieht das Regime einer radikalen Manipulation: mehr und mehr versucht man, das sogenannte „Newspeak“ zu etablieren, das unerwünschte Tendenzen dadurch eliminiert, dass man sie mangels Vokabular gar nicht mehr formulieren kann. Schließlich ist schon der bloße subversive Gedanke als „thought crime“ strafbar, für den immer wieder Eltern von ihren verhetzten Kindern an die Staatspolizei verraten werden. In pathetisch inszenierten Hass-Veranstaltungen schürt die Partei den Volkszorn gegen den angeblichen Erzfeind Goldstein, den wie den großen Bruder niemals jemand zu Gesicht bekommt. Winston plagen zunehmend Zweifel am System, als er selbst altgediente Kollegen aus den Aufzeichnungen entfernen muss. In dem gütigen O’Brien vermutet er einen insgeheimen Sympathisanten einer mysteriösen Untergrundbewegung namens Bruderschaft, ihm fehlt jedoch der Mut, entsprechende Hinweise zu geben. Aber als die junge Julia zu Winston Kontakt aufnimmt und eine Liebesbeziehung mit ihm eingeht, sieht Winston sich so weit außerhalb des Gesetzes, dass er O’Brien gemeinsam mit Julia aufsucht und der Bruderschaft beitritt. Bald aber stellt sich heraus, dass Julia und Winston sich damit direkt in die Hände der Staatssicherheit begeben haben, die gnadenlos zuschlägt…

„Freiheit ist Sklaverei!“ „Krieg ist Frieden!“ „Unwissenheit ist Stärke!“ Mit diesen nur scheinbar paradoxen Parolen umriss Eric Arthur Blair, besser bekannt als George Orwell, in seinem epochalen dystopischen Werk die Grundfesten jedes totalitären Regimes, das auf vollständige Manipulation, Unterdrückung und letztlich auch Gehirnwäsche setzt. Orwell, der sozialistischen Gedanken anfangs durchaus zugetan war, beobachtete mit zunehmender Ablehnung die Korrumpierung der Grundideen in despotischen Staaten und beschrieb schon in seiner Fabel „Animal Farm“ kaum kaschiert die zutiefst inhumanen Strukturen der russischen Revolution. 1946 zog sich der mehr und mehr misanthropische Orwell auf die schottische Insel Jura zurück (ein wahrhaft treffender Ort für einen Rückzug von der Menschheit, wo man noch heute im gleichnamigen Hotel den Aufenthalt Orwells reich bebildert studieren kann, sofern „die Straße“ die Fahrt dorthin erlaubt) und begann dort mit seiner düsteren Vision des totalen Überwachsungsstaates, der Geschichte, Sprache und sogar Gedanken seiner Bürger kontrolliert, einen offenkundig nur inszenierten Dauerkrieg als Entschuldigung für die krasse Mangelwirtschaft nutzt, in der es nur krümelige Schokolade, billigen Gin, keine Rasierklingen und zerfallende Wohnungen gibt, und der unliebsame Personen nicht nur aus dem Weg räumt, sondern vollkommen aus dem Gedächtnis tilgt (Winstons Tätigkeit der Geschichtsklitterung steht dabei übrigens in bester Tradition Stalins, der historische Dokumente gerne auch um „Unpersonen“ bereinigen ließ).

Liebe und Sex sind verboten (der Fortbestand soll mit künstlicher Befruchtung herbeigeführt werden), die Überwachung ist omnipräsent, jeder bespitzelt jeden – so prophezeite Orwell mit seinem beklemmenden Roman, den er 1948 fertigstellte (daher der Titel, für den Orwell einfach die Jahreszahlen vertauschte) und der 1949 erschien, alle Unrechtstaaten mit ihren Geheimpolizeien, Propagandamaschinen und Armseligkeit, die die Welt seitdem hervorbrachte, sei des im ehemaligen Ostblock oder anderweitig (besonders bestürzend dabei ist z.B. die Tatsache, dass Pol Pot in den 70ern als „Bruder Nummer 1“ seinen Steinzeit-Kommunismus mit unvergleichlicher Brutalität durchsetzte). Nach zwei Verfilmungen (einmal 1956 und dann erneut just im Jahr 1984) und auch musikalischer Interpretation (vornehmlich in Queensryches epochalem Konzeptalbum „Operation: Mindcrime“) rückt Orwells Buch vor allem immer dann ins öffentliche Bewusstsein, wenn es um Überwachungspraktiken geht, so zuletzt im Zuge der NSA-Enthüllungen oder auch in Form des kompletten Verbots (so etwa war der Roman in der ehemaligen DDR als staatsfeindlich und den Sozialismus diffamierend kategorisiert).

Einen durchaus neuen Aspekt der Orwellschen Hellsichtigkeit liefert dabei aber auch die durchgängige Sprachmanipulation, in der das, was nicht gedacht werden soll, schlichtweg aus der Sprache verbannt wird – angesichts der kollektiven Debatte um immer messerschärfere „political correctness“ eine durchaus bemerkenswerte Vorhersage. Jean-Christophe Derrien („Miss Endicott“ bei Piredda) filtert für seine Graphic Novel-Adaption die zentralen Szenen aus der Vorlage heraus und fokussiert sich dabei stark auf das Innenleben von Winston Smith, des englischen Jedermanns mit charakteristischem Vor- und Allerwelts-Nachnamen. Rémi Torregrossa inszeniert das Geschehen passend in bedrückendem Schwarz-Weiß, das den allgegenwärtigen Zerfall und das immerwährende Elend bewusst nur mit einigen wenigen Farbtupfern aufhellt, etwa als Winston und Julia sich heimlich auf dem Land treffen oder einen symbolisch aufgeladenen Briefbeschwerer in einem Antiquariat entdecken. Somit ein beeindruckender Weg, dieses legendäre Werk nochmals neu kennenzulernen – und festzustellen, dass Orwells Vision leider nach wie vor aktuell ist. (hb)

1984
Text: Jean-Christophe Derrien, nach George Orwell
Bilder: Rémi Torregrossa
128 Seiten in Schwarz-Weiß & Farbe, Hardcover
Knesebeck Verlag
22 Euro

ISBN: 978-3-95728-468-6

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