Ein Leben für den Fußball (Carlsen) | Comicleser

Ein Leben für den Fußball (Carlsen)

Februar 28, 2020
Ein Leben für den Fußball (Carlsen Verlag)

Auch für die meisten eingefleischten Fußballfans beginnt die Geschichte dieses Sports hierzulande so richtig erst mit der berühmten Elf um Fritz Walter, die 1954 im Berner Wankdorfstadion sensationell gegen die vermeintlich unschlagbaren Ungarn gewann und damit erstmals Fußball Weltmeister wurde. Alles davor ist ein Fall für Fußball-Historiker. So nimmt es nicht wunder, dass viele Spieler aus der Pionierzeit des Sports bis in die Dreißiger Jahre heute zwar noch in ihren ehemaligen Clubs verehrt werden (so die noch bestehen), ansonsten jedoch in Vergessenheit geraten sind (bei vielen hatten der Zweite Weltkrieg und das Nazi-Regime einen großen Anteil daran). Etwa der legendäre Nürnberger Torwart Heinrich Stuhlfauth oder Gottfried Fuchs, der 1912 gegen Rußland zehn Tore schoss und damit bis heute den Torrekord eines deutschen Nationalspielers in einem Länderspiel hält. Ein weiterer früher Starspieler ist Oskar Rohr, einer der ersten, der im Ausland eine Profilaufbahn einschlug.

Womit wir bei der Graphic Novel sind, die Oskar Rohrs bewegtes (Fußballer-)Leben nachzeichnet. Die setzt ein beim Endspiel um die Deutsche Meisterschaft in Nürnberg, bei dem sich 1932 Bayern München und Eintracht Frankfurt gegenüber stehen. Dann folgt erst ein langer Rückblick: Schon in der Jugend ist Oskar ein echter Goalgetter. Sein Talent wird früh erkannt und gefördert, auch wenn v.a. sein Vater den fußballerischen Aktivitäten seines Sohnes eher skeptisch gegenübersteht. Beim VfR Mannheim wird Richard Dombi sein Trainer, damals ein bekannter österreichischer Ex-Nationalspieler und Fußball-Lehrer. Als Dombi vom aufstrebenden Bayern München engagiert wird, bringt er seinen Schützling Oskar Rohr mit. Dort lernt Oskar u.a. Walther Bensemann kennen, der maßgeblich dem immer noch jungen Sport in Deutschland zur Popularität verhalf und der die Zeitschrift „Kicker“ begründete. 1932 – wir sind wieder beim Endspiel – werden die Bayern erstmals Deutscher Meister. Man gewinnt 2:0 gegen Frankfurt, wobei Rohr das erste Tor beisteuert.

Dann, nachdem der Stürmer auch in der Nationalmannschaft Fuß zu fassen scheint, wird alles anders. Die Nazis kommen an die Macht. Jüdische Fußballer und Funktionäre werden drangsaliert, verschleppt oder emigrieren. Auch Kurt Landauer, langjähriger Präsident von Bayern München und Jude, tritt zurück. Und Richard Dombi, ebenfalls Jude, verlässt Deutschland, um im Ausland weiter als Trainer arbeiten zu können. Oskar Rohr verlässt ebenfalls den Verein. Aber in erster Linie aus monetären Gründen. Er will weiter seinem Sport frönen und damit auch Geld verdienen, was in Deutschland nicht möglich ist, zumal unter den Nazis der Fußball nicht unbedingt gefördert wird. Nach einer Station bei den Grasshoppers aus Zürich, mit denen er Pokalsieger wird, geht Oskar in das Elsass, damals wie heute Französisch. Er heuert bei Racing Strasbourg an (1934-1939), avanciert dort zum gefeierten Torjäger und ist bis heute mit 118 Treffern der erfolgreichste Erstliga-Torschütze des Vereins.

Oskar Rohr im Trikot der Grashoppers Zürich

Nach Ausbruch des Krieges – als Auslandslegionär wird Rohr in der Heimat ohnehin kritisch beäugt und später zur Unperson erklärt – flieht er in den unbesetzten Süden Frankreichs. Dort spielt er noch für den FC Sète, bis er 1942 verhaftet und an Deutschland ausgeliefert wird. Er landet für einige Zeit in einem Konzentrationslager bei Karlsruhe, wird anschließend eingezogen und an die Ostfront geschickt, wo ihn ein Offizier wiedererkennt und ihn schließlich verletzt ausfliegt. Bis auf die Rückblende am Beginn gibt der Band die Lebensgeschichte chronologisch bis nach Kriegsende wieder. Dabei wird nicht nur der für die damalige Zeit ungewöhnliche Karriereweg Rohrs geschildert und rekonstruiert, sondern auch das geschichtliche Umfeld beleuchtet. Persönlichkeiten wie Bayern-Präsident Landauer (der nach dem Krieg noch einmal dieses Amt bekleidete), der den Verein verlassen muss, was zu dessen Niedergang führen sollte oder Bensemann, der als Idealist noch immer an einen ideologisch unabhängigen Sport glaubt, ein Thema das heute, wo farbige Spieler in den Stadien rassistisch beleidigt werden, leider wieder brandaktuell ist.

Autor dieser Comic-Biographie ist Julian Voloj, in Münster geboren und inzwischen in New York lebend. Ebenfalls bei Carlsen veröffentlichte er die gelungene Graphic Novel über den Superman Miterfinder Joe Shuster. Als Zeichner gewann er den Polen Marcin Podolec („Fugazi Music Club“ bei Egmont), der den Band in kräftigen und doch stimmigen Buntstiftfarben gestaltet. Dabei werden auch die Fußballsequenzen abwechslungsreich und dynamisch umgesetzt. Mal verzichtet man bei Spiel-/Dribbel-Szenen auf Hintergründe, mal sieht man auf einer Seite den ganzen Platz von oben und Rohrs Tor im Endspiel gegen Frankfurt stellt das historische Foto aus einer anderen Perspektive dar. Dazu kommen kluge Übergänge und Schnitte, wie etwa die Feier der Meisterschaft (damals wie heute auf dem Marienplatz), der eine Seite in dunklen Farben folgt, mit Hitler, der von einem Balkon aus schwadroniert. Ein Nachwort Julian Volojs, sowie Kurzbiographien der auftretenden Spieler und Persönlichkeiten außerhalb des Platzes beenden einen hoch interessanten Band, in dem ein reales Fußballmärchen jäh endet und der nicht nur für Fußball-Historiker geeignet ist. (bw)

Ein Leben für den Fußball: Die Geschichte von Oskar Rohr
Text: Julian Voloj
Bilder: Marcin Podolec
160 Seiten, Hardcover
Carlsen Verlag
22 Euro

ISBN: 978-3-551-73367-2

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