India Dreams, Zweiter Zyklus (Splitter) | Comicleser

India Dreams, Zweiter Zyklus (Splitter)

Juli 22, 2019
India Dreams, Zweiter Zyklus (Splitter Verlag)

London im 19. Jahrhundert. Professor Sybellius ist ein Freigeist. Einer, der auf Konventionen pfeift. Er ist fasziniert von Indien, dem sogenannten „Juwel der Krone“. Fasziniert von der Kultur – und der kulturellen Freizügigkeit, die sich auf Tempelreliefs oder beispielweise in einem Folianten namens Kamasutra findet. Ein Affront für die prüde viktorianische Gesellschaft. Folglich wird Sybellius von seiner Uni entlassen und macht sich auf nach Indien. Arthur Boyle ist ein junger Richter, der zum High Court nach Kalkutta berufen wird. Seine Frau Cybill und seine beiden Kinder werden ihn begleiten. Für die Familie eine Reise ins Ungewisse mit eingebautem Kulturschock. Dann ist da noch Virginia Moore, eine einfache Schneiderin. Sie soll zwei Morde begangen haben und ist auf der Flucht. Durch einen tragischen Zufall schlüpft sie in die Rolle von Percy Law, einer Gouvernante, die ausgerechnet bei der Familie Boyle anheuern soll. Für Percy/Virginia der ideale Weg unterzutauchen. Gemeinsam begibt man sich auf die Reise nach Indien…

Der Zweite Zyklus von „India Dreams“ hat mit dem ersten nichts gemein, außer – und das ist natürlich das Pfund – den Sehnsuchtsort Indien, der in beiden Ausgaben natürlich die entscheidende Rolle spielt und dazu noch eine prächtige Kulisse abgibt. Hier im Zweiten Zyklus verfolgen wir die Geschichte verschiedener Personen, die sich immer wieder begegnen, die einschneidende tragische, wie auch glückliche Zeiten durchleben. Zu den genannten gesellt sich noch die Episode um den Offizier der Bengal Lancers, Captain Redfield, der frisch nach Indien abkommandiert wird und dessen Schicksal sich dort erfüllen soll. Kaum in Indien angekommen, verlässt Percy ihre Arbeitgeber heimlich und reist mit dem Abenteurer Abe Dawson und Professor Sybellius durch den Subkontinent. Richter Boyle und seine Familie versuchen derweil in Kalkutta Fuß zu fassen, was v.a. seiner Frau schwer fällt, die mit der kulturellen Andersartigkeit, die so gar nicht dem steifen britischen Umgang entspricht (man siezt sich auch innerhalb der Familie), nicht klarkommt.

India Dreams, Zweiter Zyklus (Panel)

Einen gehörigen Schub bekommt die Story, als sich der unbarmherzige wie kaltblütige Inspektor Pimlicott nach Indien aufmacht, um die vermeintliche Mörderin Percy Law dort aufzuspüren. Dazwischen begleiten wir den ehrgeizigen aber unglücklichen Captain Redfield bei diversen Feldzügen, die die britische Herrschaft weiter festigen sollen. Innerhalb der Handlung erfahren wir mehr über die indische Kultur und deren Traditionen. Mit den neu angekommenen Briten lernen auch wir als Leser dazu. Sei es das ursprüngliche Holi-Fest (das mit dem Farbpulver schmeißen), das man im Frühling feiert; die Thugs, religiöse Mörder, die verfolgt werden; oder der Sepoyaufstand, der von der kulturellen Unkenntnis und Ignoranz der britischen Armee zeugt (Sepoys waren indische Soldaten, die für die Briten kämpften). Der Reichtum der Maharadschas wird thematisiert, ihr Kompromiss, sich dem Empire unterzuordnen und dennoch ihr Gesicht (und ihren Reichtum) zu wahren; wie auch das mystische und mythische Indien in Form zahlreicher Gottheiten, Sadhus und Avataras – Visionen von Göttern, die menschliche Gestalt annehmen.

Neben der verschlungenen und klug konstruierten Geschichte, die die Wege der Hauptpersonen immer wieder kreuzen lässt und die so von Beginn an fesselt, sind natürlich die Zeichnungen wieder das Salz in der Suppe. Schon die Szenen, die im viktorianischen London spielen, beeindrucken mit bisweilen ganzseitigen Bildern, die Jean-François Charles wieder direkt koloriert in Aquarelltechnik entstehen lässt (inkl. einer kleinen Hommage an Frank Pés und Philippe Bonifays „Zoo“). London ist grau und trist. Zwar pulsiert auch hier das Leben, doch erst die exotische Farbenpracht Indiens lässt die Personen und deren Geschichten entfalten. Auch hier gibt es ausladende, opulente Panels zuhauf zu bestaunen, ob blutiges Kampfgetümmel, Tempelanlagen und prunkvolle Paläste oder die abwechslungsreichen Landschaften, von Dschungel über Savanne bis zur Wüste. Der mächtige Band enthält alle vier Einzelalben des zweiten Zyklus‘. Der ausführliche Anhang (eigentlich Album Nr. 5) bietet noch einen zusätzlichen Blick über die Geschichte hinaus: hier kommen noch einmal der Professor und Percy zu Wort, bebildert mit etlichen Skizzen und Aquarellen. (bw)

India Dreams: Zweiter Zyklus
Text: Maryse Charles
Bilder: Jean-François Charles
240 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
39,80 Euro

ISBN: 978-3-96219-235-8

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