Abe Sada, Band 1 (Carlsen) | Comicleser

Abe Sada, Band 1 (Carlsen)

November 14, 2018

 

Japan, nahe Tokyo, um 1920. Mit 15 wird Sada Abe, das jüngste von sieben Geschwistern, von einem Nachbarsjungen vergewaltigt. Dennoch, das gesteht sie sich früh selbst ein, mag sie die Männer und sie mag Sex. Zum Entsetzen ihrer Eltern hält sie damit auch nicht hinter dem Berg, vielmehr geht sie offen und offenherzig damit um. Kaum 17 und nach diversen Liebhabern bekommt sie erstmals Probleme mit der Polizei, woraufhin sie – auch aufgrund ihrer nicht zu zähmenden Zügellosigkeit – auf Betreiben ihres schwachen Vaters in ein Geisha-Haus verfrachtet wird, das Verwandte von ihr betreiben. Bald darauf wird sie zur Prostituierten. 1923 überlebt sie das große Erdbeben in Tokyo. Nachdem sie bereits in diversen Etablissements tätig war, infiziert sich Sada 1925 mit der Syphilis. Schließlich bietet ein potenter Freier ihr an, sie freizukaufen…

Sada Abe ist eine historische Persönlichkeit und in Japan berühmt-berüchtigt. Diverse Bücher wurden über sie verfasst, ihr Leben wurde mehrmals verfilmt. Am bekanntesten ist Oshima Nagisas „Im Reich der Sinne“, der auch die Tat beschreibt, auf der Sada Abes Berühmtheit beruht: während eines ausschweifenden Geschlechtsaktes strangulierte und tötete sie ihren Partner und schnitt ihm anschließend die Genitalien ab. Doch so weit sind wir hier noch nicht. Die Tat geschah 1936, Band 1 dieses Zweiteilers endet ein Jahrzehnt zuvor und beschreibt ihre „Karriere“ in jungen Jahren. Schon bald fügt sich Sada mit Worten wie „Ich bin eben verdorben“ und „Ich liebe die Männer“ manchmal seltsam passiv ihrem Schicksal bzw. aktiv ihrer Leidenschaft, und das ist eben Sex. Auch wenn es für sie einen massiven sozialen Abstieg bedeutet.

Zeichner von „Abe Sada“ ist der hierzulande leider „unterveröffentlichte“ Kazuo Kamimura, der bereits 1986 mit nur 45 Jahren starb. Seine bekannteste Schöpfung ist „Lady Snowblood“ (liegt ebenfalls bei Carlsen vor), die Quentin Tarantino zu seinem „Kill Bill“ inspirierte. Zwei weitere auf Deutsch veröffentlichte Reihen sind „Shinanogawa“ und „Furious Love“. Bei jedem Titel ist die zentrale Akteurin eine starke Frau, oder sie wird es im Laufe der Geschichten, nachdem ihr übel mitgespielt wurde. Kamimuras Frauenfiguren mögen gefährlich sein oder es werden, im Gegensatz dazu sind sie sinnlich, zart und äußerst elegant gezeichnet, eher realistisch als im typischen Manga-Stil. Wobei die groteske Darstellung von Sadas schwächlichem und schließlich hilflosem Vater schon wieder Züge einer Karikatur trägt.

Mehr als die o.g. Titel sind von Kazuo Kamimura auf Deutsch noch nicht erschienen. Beim Comicfestival in Angoulême wurden er und sein Werk 2017 mit einer großen Retrospektive bedacht. Die Comic-Adaption von Sada Abes Geschichte erschien erstmals 1976/77, also etwa parallel zu Oshima Nagisas Skandalfilm. Sie enthält natürlich auch diverse Sexszenen (die Leseempfehlung gilt nicht umsonst ab 18). Die Geschlechtsteile werden dabei ausgespart – mit weißen Flächen – was jedem Voyeur einen Strich durch die Rechnung macht und an die Fantasie des Lesers appelliert. Und das ist auch gut so. Band 2 (von 2) erscheint im Januar 2019 und wird dann auch den fragwürdigen „Höhepunkt“ von Sadas Drama behandeln. (bw)

Abe Sada, Band 1
Text: Hideo Okazaki, Masako Togawa
Bilder: Kazuo Kamimura
208 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
14,99 Euro

ISBN: 978-3-551-71746-7

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