Tango, Band 1 (Splitter) | Comicleser

Tango, Band 1 (Splitter)

Oktober 17, 2018

Eigentlich will John Tango nur seine Ruhe haben. Und das aus gutem Grund. Denn vor gut fünf Jahren verschwand er von der Bildfläche. Vorher arbeitete er als Geldkurier für ein Drogenkartell. Als dessen Boss von der Polizei getötet wurde und das Kartell aufflog, war John gerade mit zehn Millionen Dollar mit seiner Yacht in Richtung eines Steuerparadieses unterwegs und fasste einen folgenschweren Entschluss: er tauchte samt Geld unter und landete schließlich in einem abgelegenen, einsamen Teil der bolivianischen Anden. Dort hat man sich inzwischen an den Gringo gewöhnt. Tango ist durchaus beliebt, hält sich aber stets bedeckt und gibt sich scheu. Nur mit dem Jungen Diego streift er durch die bergige Landschaft, sucht und sammelt alte Inka-Pfeilspitzen und beglückt die verwitwete Barfrau Agustina. All das ändert sich, als Diegos Vater Anselmo von drei Fremden bedroht wird. John muss handeln und bricht zweien davon das Genick, während Anselmo den dritten erschießt. Anselmo nimmt die Tat komplett auf sich, um John zu decken und wird in den Medien als Notwehr-Held gefeiert. Was auch weit weg diverse Kartell-Mitglieder zur Kenntnis nehmen. Denn Genickbrüche waren einst die Spezialität eines gewissen verschwundenen Geldkuriers…

Mit seiner neuen Serie nimmt Autor Matz nach „Der Killer“ (13 Bände bei der Egmont Comic Collection, die Serie ist abgeschlossen) ein ähnliches Thema auf. Auch der Killer hatte einen Rückzugsort, von dem er zu neuen Aufträgen aufbrach. John Tango jedoch hat sich völlig vom „Geschäft“ zurückgezogen. Er ist untergetaucht und genießt sein Leben vor der kargen, aber beeindruckenden Bergkulisse. Mit Agustina hat er eine Partnerin gefunden und pflegt seine wenigen Freundschaften. Ausgerechnet der Überfall auf Anselmo ruft seine alten „Kameraden“ auf den Plan, die seit Jahren nach ihm und seinem Geld fahnden. Doch weit mehr Ereignisse kommen dadurch ins Rollen. Wo wir bei den Geheimnissen sind, die beinahe jeder der Akteure verbirgt. Nicht nur John Tango. Auch Anselmos Verhältnis zu Diego ist… speziell. Auch Anselmo beschloss einst, ein neues Leben zu beginnen – ebenfalls aus gutem Grund. Der Privatdetektiv Mario Borgès, der nach Diego fahndet, verbirgt auch mehr, als er zugibt und am Ende erfahren wir, dass auch Agustina ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt.

Die Story schreitet mit Hilfe von etlichen Western-Parallelen voran: Als Fremde in das abgelegene Dorf kommen, fällt dies sofort auf. Man trifft sich in der einzigen Bar und erfährt dort wie im Saloon den neuesten Klatsch. Der einsame Held, der mit seiner Vergangenheit eigentlich abgeschlossen hat, wird bei seiner Ehre gepackt und gezwungen, wider besseres Wissen einzuschreiten, um dem Unrecht Einhalt zu gebieten. Dabei reitet er sich (im wahrsten Sinne des Wortes) wieder in den Schlamassel und wird als Loner zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Am Ende, nach dem furiosen Showdown auf dem Salzsee, mit vorangegangener, wilder Verfolgungsjagd, steht er wieder vor dem Nichts und muss neu beginnen, jedoch in dem guten Gewissen, sich und seinem Ziel treu geblieben zu sein. Die Episode ist damit abgeschlossen (auch die letzten Bände von Matz, „Geronimo“, „Tomboy“ und „Querschläger“ waren abgeschlossene Geschichten). Doch John Tango bleibt der Gejagte. Oder wird von Matz in ein neues Abenteuer geleitet. Fortsetzung garantiert.

Um das ungewöhnliche Setting, die Hochregion in den Anden, möglichst getreu zu präsentieren, reisten Matz und Zeichner Xavier zu den Schauplätzen ihrer Geschichte, was im Anhang reichlich bebildert und mit diversen Skizzen versehen ist. Xavier widmet sich mit „Tango“ erstmals einer Serie, die in der Gegenwart spielt, zuvor glänzte er mit historischen Stoffen („Kreuzzug“, „Conquistador“ und zuletzt der Zweiteiler „Winter 1709“) und Fantasy („Das verlorene Paradies“). Die beeindruckende, immer wieder schroffe und karge Landschaftskulisse ermöglicht John Tango, immer wieder seinen Häschern zu entkommen, sei es zu Fuß, per Pferd oder motorisiert und ist dann auch ein heimlicher Star des Albums. Realistisch und authentisch von Xavier präsentiert. Und passend minimalistisch, als es im Showdown auf dem weißen, weiten Salzsee nicht auf die Umgebung, sondern auf das Geschehen, das große Finale, ankommt. Band 2 erscheint dieser Tage bei Lombard. Mit neuem Setting. Lassen wir uns überraschen.

Tango, Band 1: Meer der Steine
Text: Matz
Bilder: Philippe Xavier
72 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
16,80 Euro

ISBN: 978-3-96219-154-2

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