Querschläger (Splitter) | Comicleser

Querschläger (Splitter)

Juni 23, 2015

Querschläger (Splitter)

Prohibitionszeit in den USA. Man trägt Anzug, Stetson und die Thompson Gun, Probleme erledigt man gerne mit den Fäusten, und Gangster wie Al Capone regieren die Welt der Speakeasies. ‚Machine Gun‘ Roy Nash hat es damit ein wenig übertrieben und sitzt für diverse Brüche im Knast, als ein geheimnisvoller Gönner dafür sorgt, dass die Wächter einen anderen Insassen ins Jenseits befördern und ihn im Sarg in die Freiheit schmuggeln. Der geheimnisvolle Freund ist niemand anders als Nick, der ihm erzählt, warum man ihn braucht: der Gangsterboss Al, für den Roy schon gearbeitet hat, ist auf der Suche nach drei Halunken, die bei einem Banküberfall den von Al angeheuerten Fahrer erschossen und sich dann mit der Beute aus dem Staub gemacht haben, die eigentlich redlich mit Al geteilt werden sollte. Zu allem Überfluss ist noch Roys alte Flamme Lena Dorsey im Spiel, die sich offenbar einer der Kerle unter den Nagel gerissen hat. Die Aussicht darauf, die Beute komplett kassieren zu dürfen, und vor allem seine Angebetete wiederzusehen, überzeugt Nash ohne viel Federlesens, die Spur der drei Gauner aufzunehmen.

Ausgerüstet mit einem schicken Schlitten und einem Fahrer namens Panama Kid, heftet er sich schnell an die Fersen von Babe Fulton, Joe Start und Blondie Egan – letzteren knöpft er sich in einem Nest in Arizona sehr gewaltsam vor, macht kurzen Prozess mit ihm und nimmt dann die Bardame Rose Malone mit nach Los Angeles, wo er dann weiter die Fühler nach seiner Verflossenen und den verbleibenden zwei Gangstern ausstreckt. Dabei stößt er immer häufiger auf den Namen Eddie Marz, der in der Unterwelt eine große Nummer ist und unter anderem ein Vergnügungsschiff betreibt, auf dem auch Lena für kurze Zeit Animierdame war. Dann kommt ihm ein Hoteldetektiv in die Quere, den er kurzerhand aus dem Weg räumt, diverse korrupte Cops greifen ihm für einen versprochenen Anteil der Beute unter die Arme, als Nash eine blutige Spur durch Kaschemmen, Clubs und Wohnungen zieht. Dabei macht er sich auch Willie Easler, Chef des Speakeasy Kokomo, zum Feind, der ihn beinahe ans Messer liefert. (ACHTUNG – AB JETZT SPOILER!) Immer näher rückt er dabei seinem eigentlichen Ziel Lena, bis er im Grab eines Helfershelfers tatsächlich die versteckten Dollars und im Haus der Flüchtigen auch seine Geliebte findet. Im Kugelhagel bleiben dabei allerdings nicht nur Babe und Joe, sondern auch Lena auf der Strecke, getroffen von einem der titelgebenden Querschläger. So bleibt am Ende ein gebrochener Roy zurück, der seinen Auftrag erfüllt, aber genau das verloren hat, was er sich am meisten wünschte – und das aus eigener Schuld. Credits.

Kino im Comic: Seite aus Querschläger

Kino im Comic: Seite aus Querschläger

Nicht umsonst fühlt man sich bei dieser düsteren Ballade wiederholt an Leinwand-Epen erinnert: Walter Hill, der für das Originalszenario zu ‚Querschläger‘ verantwortlich zeichnet, gilt zu Recht als stilprägende Ikone des Gangster- und Action-Films der 80er Jahre. Mit Krachern wie ‚Straßen in Flammen‘, ‚Red Heat‘ und ‚Nur 48 Stunden‘ lieferte er nicht nur Zündstoff für die Karrieren von Arnie und Eddie Murphy, sondern erfand quasi eigenhändig das Genre des Buddy Cop-Movies und fungierte dabei in der Regel nicht nur als Regisseur, sondern auch als Drehbuchschreiberling. Markenzeichen dabei waren stets spaßige Dialoge voller Kalauer, zünftige Verfolgungsjagden und vor allem standesgemäße Ballereien, weniger stilisiert und orchestral als bei Genre-Kollege Sam Peckinpah, bei dem ohne Zeitlupe ja nichts geht, sondern eher rasant-unterhaltsam inszeniert. Als Produzent half Hill dabei, die Alien-Serie unters Volk zu bringen, und auch im Fernsehen war er an epochalen Würfen wie der realistisch-beklemmenden Westernserie ‚Deadwood‘ beteiligt.

Die Idee zu ‚Querschläger‘ trug er nach seinen Ausführungen im Interview, das der vorliegenden Ausgabe lobenswerterweise beigefügt ist, schon einige Jahre als Filmtreatment mit sich herum und bastelte dabei an der Hauptfigur, ohne wirklich ernsthaft nach einer Produktionschance fürs Kino zu suchen. Erst als Comicautor Matz (u.a. ‚Der Killer‘ bei Egmont – dessen Band 1 ebenfalls Querschläger heißt & ‚Blei im Schädel‘ bei Bunte Dimensionen, das von Colin Wilson gezeichnet und 2012 als ‚Shootout‘ verfilmt wurde, von – na – genau, Walter Hill!)) mit der Frage an ihn herantrat, ob er denn nicht auch Stoffe für eine Comicadaption auf Lager habe, erblickte diese Story das Licht der Welt. Nash erscheint dabei von Anfang als zwiegespalten – einerseits der knallharte Gangster und Killer, der nicht davor zurückschreckt, seine Widersacher ebenso kaltblütig wie wirkungsvoll ins Jenseits zu befördern, und andererseits der rettungslos Verliebte, der so gar nicht zu der Fassade des zynischen, abgebrühten Outlaws steht. Dass er am Ende genau das tötet, was er liebt, eröffnet eine schon fast klassische Dimension der Tragik und des Schicksals im altgriechischen Sinne, die fernab jeder Buddy-Film-Komik dem Geschehen einen anrührenden Tiefgang verleiht.

Auch optisch besticht Querschläger auf ganzer Linie: Jef (u.a. ‚Jim Morrison‘, ebenfalls bei Splitter) gestaltet das Geschehen nur leicht stilisiert, zeichnet die Panels ausladend, oft im Großformat, und erinnert dabei an Kamerafahrten und filmische Perspektivwechsel, die den Drehbuch-Charakter von Hills Vorlage an jeder Stelle durchscheinen lassen. Vor allem in den Passagen in der Wüste Arizonas dominieren die getragenen Pastelltöne, was wie auch die Szenen mit Feuergefechten immer wieder die Stimmung des letzten großen Hill-Gangster-Epos ‚Last Man Standing‘ evoziert, diesem in der Prohibitionszeit spielenden Remake von Kurosawa und Leone, in dem ein einzelner Kämpfer in einem verlassenen Nest zwischen die Fronten gerät. Großes Kino auf den Seiten eines Comicalbums also – und ein eindrucksvolles, tiefgründiges und gleichzeitig actiongeladenes Panorama, das Filmfreunde und Comicliebhaber gleichermaßen begeistern sollte. (hb)

Querschläger
Text: Walter Hill, Matz
Bilder: Jef
128 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
24,80 Euro

ISBN: 978-3-95839-056-0

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