Reinhold Messner (Knesebeck) | Comicleser

Reinhold Messner (Knesebeck)

März 28, 2018

Bergsteiger, Abenteurer, Buchautor, Umweltaktivist, Geschäftsmann. Reinhold Messner, Jahrgang 1944, ist eine schillernde wie vielseitige Persönlichkeit, die in ihrem Leben mehrere Karrieren erfolgreich eingeschlagen und gemeistert hat. Und die nun auch noch mit einer Comic-Biographie bedacht wird. Jene stammt vom dem renommierten und mehrfach ausgezeichneten Italiener Michele Petrucci, der in drei Kapiteln ebendiese Karrieren mit ihren Höhen (!) und Tiefen schlaglichtartig beleuchtet und illustriert.

Kapitel Eins, betitelt mit „Der Berg“, setzt mit der Jugend Messners im südtirolerischen Villnösstal ein. Hier startet er gemeinsam mit seinem Bruder Günther und gefördert durch seinen verbitterten Vater erste Klettertouren. Bald machen die Brüder die Dolomiten, dann den ganzen Alpenraum unsicher und Reinhold gelangt durch diverse Erstbegehungen und Alleingänge zu überregionaler Berühmtheit. Folglich erhält er 1970 eine Einladung zu einer Expedition zum Dach der Welt, die erste Reise in den Himalaya. Wieder gemeinsam mit Bruder Günther erreicht Messner den Gipfel des Nanga Parbat (8125 m). Beim Abstieg kommt der erschöpfte Günther ums Leben, Reinhold überlebt schwer angeschlagen und mit Erfrierungen – sieben Zehen müssen amputiert werden. Das Kapitel endet mit diesem persönlichen Drama (die Kontroverse um Günthers Tod, verbunden mit diversen Gerichtsprozessen, wird ausgeblendet, ebenso spätere Knochenfunde, die Messners Version des Dramas bestätigen sollten). Petrucci erzählt dabei nicht immer linear, er greift vor und blendet zurück, wobei natürlich auch Messers bekannte Rekorde (Everest ohne Sauerstoff, alle Achttausender usw.) behandelt werden.

Im zweiten Kapitel („Die Leere“) sind alle Berge bestiegen. Messner sucht andere Herausforderungen und findet sie: 1995 versucht er mit seinem jüngeren Bruder Hubert den Nordpol zu erreichen. Die Expedition muss abgebrochen werden, weil Hubert ins Eis einbricht. Vorher, 1989, hat er mehr Erfolg. Gemeinsam mit Arved Fuchs durchquert er die Antarktis und erreicht den Südpol. 2800 Kilometer in 90 Tagen. Ohne Schlittenhunde oder gar Fahrzeuge. Auch eine andere Ödnis, das klimatische Gegenteil zum ewigen Eis, fasziniert ihn. Einmal mehr im Alleingang durchquert er 2004 im Alter von 60 Jahren die mongolische Wüste Gobi. Eine weitere Grenzerfahrung und sein letztes Extrem-Abenteuer. Das abschließende Kapitel, „Der Phönix“, spielt dann in der Gegenwart. Das MMM, das „Messner Mountain Museum“ mit seinen diversen Standorten und thematischen Ausrichtungen entsteht. Und die vom Boulevard massiv ausgeschlachtete, vermeintliche Begegnung mit dem Yeti (den Messner als Tshemo, eine Mischung aus Bär und Mensch in tibetischen Mythen, identifiziert) wird über mehrere Seiten geschildert.

Dass Petrucci hier viel Bekanntes bringt, liegt in der Natur der Sache. Messner wurde legendär durch seine Rekorde, durch das Anwenden des Alpinstils auf die Giganten des Himalaya (schneller Auf- und Abstieg, alleine oder zu zweit, ohne das vorherige Anlegen von Versorgungsdepots), was ihm auch ermöglichte, zwei Achttausender in einem Rutsch zu bezwingen. Im zweiten Kapitel setzt Petrucci die Polarabenteuer Messners in den historischen Kontext – den gab es in Teil 1 (fast) noch nicht, da schrieb Messner die Historie selbst – indem er den Südpolwettlauf zwischen Amundsen und Scott aufgreift, welcher für Scott dramatisch verlief und tödlich endete. Die Worte, mit denen Petrucci seine Hauptfigur berichten und schildern lässt, sind beinahe wie ein innerer Monolog und muten bisweilen schon poetisch an, wenngleich dabei nichts wirklich Neues zu Tage gefördert werden mag. Petrucci zeichnet in Aquarelltechnik, mit direkter Kolorierung. Dabei kommen die Gesichter teilweise holzschnitt-artig rüber, wobei er bei dem Paneldesign (beim Berg-Kapitel dominieren hochformatige Panels, während bei Messners „Flachland-Abenteuern“ in Eis und Wüste die Bilder in die Breite gehen) und bei den Panoramen punktet. Und durch die kunstvollen Aquarellzeichnungen, die auch Metaphern und Vergleiche visualisieren (der Drache oder die beiden Berggottheiten), kommen die bekannten Fakten in einem ganz anderen Blickwinkel daher. Das kurze Vorwort steuert Reinhold Messner selbst bei – womöglich sein erster direkter Kontakt mit dem Medium Comic? Man lernt eben nie aus. (bw)

Reinhold Messner – Das Leben eines Extrembergsteigers
Text & Bilder: Michele Petrucci
88 Seiten in Farbe, Hardcover
Knesebeck Verlag
22 Euro

ISBN: 78-3-95728-166-1

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