Der Schatten des Golem (Knesebeck) | Comicleser

Der Schatten des Golem (Knesebeck)

February 7, 2018

Prag, irgendwann zwischen den Jahrhunderten: die jüdische Gemeinde, die nach der Vertreibung aus Polen in der Stadt an der Moldau Zuflucht gefunden hat, lebt mittlerweile im Ghetto. Anfeindungen, Antisemitismus, Verhaftungen und Schlimmeres sind an der Tagesordnung. Nicht viel besser läuft es bei den Alchemisten, die durch den radikalen Prediger Bruder Thaddäus diskreditiert und am Hofe des Herrschers Rudolf II. nicht mehr gut gelitten sind. Entsprechend hart ist das Leben für die Familie der kleinen Zelmira, deren Vater Dalibor vergeblich dem alten Alchemisten-Traum nacheifert, aus Blei Gold zu machen, und nebenbei noch jede Menge Geld verspielt. Eines Abends begleitet Zelmira ihren Vater ins jüdische Ghetto und wird dort Zeugin eines unglaublichen Schauspiels: der Maharal, der größte Rabbiner Prags mit Namen Judah Loew ben Bezalel, führt seine Anhänger auf einen Friedhof, wo er die Seelen einiger Kinder beschwört, die einem Pogrom zum Opfer gefallen sind.

Auch beim nächsten Besuch im Ghetto trägt sich Erstaunliches zu: ein wildgewordener Mob greift Loew an, an dem die Wurfgeschosse allerdings wirkungslos abprallen. Spätestens jetzt geht Bruder Thaddäus zu Sache zu weit: er will für Loews Tod sorgen und auch die restlichen jüdischen Bewohner ausmerzen. Als Loew spürt, dass sich die Schlinge enger zieht, geht er des Nachts mit einigen Gefährten zum Ufer der Moldau. Dort formt er aus Lehm eine menschliche Gestalt, der er mit Hilfe kabbalistischer Buchstaben-Magie Leben einhaucht: ein Golem, ein Kunstmensch, der Loew aufs Wort gehorcht und fortan jegliche Angriffe von seinem Herrn und seinen Anhängern abhält. Zelmira ist begeistert von diesem Wesen, zu dem sie sich in eigenartiger Weise hingezogen fühlt – und auch Prinz Rudolf hofft, dass ihn die Magie des Rabbis von seiner Melancholie heilen kann. Als der ihm aber eine Absage erteilt, ziehen über der jüdischen Gemeinde dunkle Wolken auf…

Die Legende des Golem, des aus Lehm geschaffenen Menschen, der die jüdische Gemeinde schützt, durchzieht in verschiedensten Ausprägungen die Literatur- und Filmgeschichte: von den Anfängen in der jüdischen Literatur und Mystik über Gustav Meyrinks Roman von 1915 schaffte es die Figur, deren Namen wörtlich so viel wie „unfertig“ oder „grober Mensch“ bedeutet, bald auch auf die Kinoleinwand: Paul Wegener beschäftigte sich gleich drei Mal mit dem Stoff und brachte mit „Der Golem, wie er in die Welt kam“ im Jahr 1920 einen Klassiker des deutschen expressionistischen Kinos hervor. Die Grundzüge des Golem-Mythos – vor allem die prometheische Hybris, wie Gott einen Menschen aus Lehm zu formen – kehren in der Schauerromantik, allen voran in Mary Shelleys „Frankenstein“, ebenso wieder wie im Maschinenmenschen Maria in „Metropolis“ (der Golem wird wiederholt auch als Maschine bezeichnet) und in ziemlich allen Mad Scientists des klassischen Horrorfilms.

Éliette Abècassis legt für ihre einfühlsame Nacherzählung des Stoffs den Fokus auf den Blickwinkel der kleinen Zelmira, die die Ereignisse zunächst nicht versteht, dann aber einen immer stärkeren Einfluss auf den Golem ausübt. Die historischen Figuren wie Prinz Rudolf II. geben sich dabei ebenso die Ehre wie Rabbi Loew und Bruder Thaddäus, während vor allem die Rahmenerzählung dem Geschehen einen bemerkenswerten Twist verleiht. Ganz im Stile der expressionistischen Bildsprache eines Paul Wegener illustriert Benjamin Lacombe die Erzählung mit insgesamt 40 farbigen und 10 in Schwarz-Weiß gehaltenen Zeichnungen, die abstrahiert aber stets detailreich Menschen, Objekte und Landschaften emotional umsetzen. Somit keine Graphic Novel und gar kein Comic im engeren Sinne, sondern eine illustrierte Erzählung, die einen neuen Blick auf eine faszinierende Figur der Kulturgeschichte eröffnet. (hb)

Der Schatten des Golem
Text: Eliette Abécassis
Bilder: Benjamin Lacombe
184 Seiten in Farbe, Hardcover
Knesebeck Verlag
24,95 Euro

ISBN: 978-3-95728-046-6

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