Detektei Hardy, Integral 1 (Kult Comics) | Comicleser

Detektei Hardy, Integral 1 (Kult Comics)

December 2, 2016

Detektei Hardy, Integral 1 (Kult Comics)

Paris im Jahr 1955. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes muss Edith Hardy ihre Brötchen selbst verdienen. Das tut die wohl situierte Dame, indem sie in ihrem Viertel eine Detektei eröffnet. Ihr zur Seite steht ihr Assistent Victor Maziero, ein junges aufgewecktes Kerlchen italienischer Abstammung, das sich unbedingt beweisen will. Eines Tages stellt sich ein neuer Kunde vor: der Industrielle Lecauchois, Besitzer eines in der Nähe ansässigen Pharmaunternehmens, vermisst einen seiner Chemiker. Antoine Dubreuil arbeitete an einem Parfum für eine Heilsalbe und ist nun spurlos verschwunden. Von heute auf morgen, und offenbar freiwillig, denn Hinweise auf einen Kampf oder eine Entführung sind nirgends zu finden. Bei ihren Recherchen merken Edith und Victor schnell, dass hinter dem Fall mehr steckt als es den Anschein hat. Denn sowohl der amerikanische als auch der russische Geheimdienst zeigen reges Interesse an der Person des brillanten Chemikers, wobei die Russen ganz offensichtlich die Nase vorn haben. Zumindest vorerst…

Altmeister Pierre Christin, dessen „Valerian und Veronique“ demnächst aufgrund der Verfilmung von Luc Besson wieder in aller Munde sein wird, beschränkt sich in „Detektei Hardy“ nicht nur darauf, Krimi-Geschichten zu konstruieren, er erweitert diese auch noch um eine politische Ebene, die bei fortschreitender Handlung ein immer größeres Gewicht verliehen bekommt. Dass Christin (Jahrgang 1938) nicht nur Science Fiction kann, sondern auch gerne politisiert, hat er bereits vor etlichen Jahren in seinen „Legenden der Gegenwart“ unter Beweis gestellt, die er gemeinsam mit Enki Bilal in Szene setze. Auch mit Annie Goetzinger arbeitete er bereits zusammen. Einige ihrer gemeinsamen Werke, „Das Fräulein von der Ehrenlegion“, „Die Diva“ und „Die Frau des Sultans“, erschienen seinerzeit im Carlsen Verlag. Ja genau, „seinerzeit“. Nämlich zuletzt 1996. Und während Pierre Christin in der deutschen Comic-Landschaft stets präsent war und ist, verschwand der Name Annie Goetzinger für lange Zeit von der hiesigen Comic-Bildfläche. Ein Zustand, dem Kult Comics nun Abhilfe schafft. Denn mit „Detektei Hardy“ veröffentlicht der Verlag die 7-teilige Serie, die Goetzinger und Christin zwischen 2001 und 2012 schufen, in zwei dicken Sammelbänden (Integrals).

Der Auftakt umfasst nun die ersten drei Alben („Das verschwundene Parfum“, „Die schwache Spur“, „Das rote Gift“, im Original von 2001 bis 2004 bei Dargaud erschienen), die in gewisser Weise zwar jeweils abgeschlossen sind, durch die sich aber die Affäre um den verschwundenen Chemiker wie ein roter Faden zieht. Und liest man die Geschichten in einem Ruck, erkennt man sehr schön, wie es Christin anstellt, vermeintliche Nebenhandlungen immer mehr in den Vordergrund zu rücken und deren Wichtigkeit hinsichtlich der Gänze der Handlung zu entwickeln und zu betonen. So spielt eine Galerie, die sich auf russische Gemälde spezialisiert hat, eine immer wichtigere Rolle, ebenso wie ein Kloster, das immer wieder aufgesucht wird. Auch das Figuren-Ensemble bleibt weitestgehend gleich. Personen wie Firmenchef Lecauchois oder Gewerkschafter Mornic tauchen regelmäßig auf und später wird auch klar, dass sie auch weiterführende, politisch motivierte Ziele verfolgen. Dazu gesellen sich die Werke eines verstorbenen russischen Malers, dessen Schwester Madame Malamud und die kuriose Baronin von Kusnacht, eine Adelige, die sich ganz dem Kommunismus verschrieben hat. Und natürlich Spione auf beiden Seiten.

Generell werden die Geschichten subtil entworfen. Edith Hardy strahlt stets eine mondäne Eleganz aus. Man ist höflich im Umgang miteinander, mit Freund und Feind, die sich nach und nach herauskristallisieren. Denn viele der handelnden Personen lassen sich einer politischen Richtung zuordnen. Trotzdem verzichtet die Handlung nicht auf Action – in jedem Abenteuer gibt es eine veritable Schießerei. Und jede Geschichte beginnt mit einem Alptraum Ediths, der in schwarz-weiß illustriert ist und der sich als dräuende Vorahnung jedesmal in gewisser Weise zumindest teilweise verwirklicht. Für die die Hauptakteurin Edith Hardy stand ganz offenbar die US-Schauspielerin Gena Rowlands („Gloria“) Pate – die Ähnlichkeit ist unübersehbar. Dazu zeichnen Christin und Goetzinger ein genaues Bild der Fünfziger Jahre und damit der Nachkriegszeit. Der Kalte Krieg bestimmt die Politik und damit einhergehend hat das Spionage-Handwerk Hochkonjunktur. Warum sich die Fronten zwischen Ost und West ausgerechnet bei einer eher unbedeutenden Privatdetektivin reiben, fragt sich diese dann auch selbst. Zwar hat Edith Verbindungen zu hochrangigen Persönlichkeiten und pflegt diese auch, aber ihr Alltag ist bestimmt von den Menschen, die sie in dem Mikrokosmos der Passage du Rendez-Vous umgeben: ein Bauer, der mitten in der Stadt Kühe hält, ein Maler, ein Kräuterhändler. „Detektei Hardy“ ist ein wunderbares Beispiel für anspruchsvolle, hohe franko-belgische Comic-Kunst. Ganz zweifellos. Der zweite abschließende Integral-Band ist für den Januar 2017 geplant. (bw)

Detektei Hardy Integral, Band 1
Text: Pierre Christin
Bilder: Annie Goetzinger
160 Seiten in Farbe, Hardcover
Kult Comics
29,95 Euro

ISBN: 978-3-946722-06-9

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