Tschernobyl (Egmont) | Comicleser

Tschernobyl (Egmont)

Mai 4, 2016

Tschernobyl (Egmont)

Frühjahr 1986, irgendwo in der Ukraine. Der Bauer Leonid kehrt mit seiner Frau Galia in sein Haus zurück, das er vor einiger Zeit notgedrungen verlassen musste. Die Umgebung ist menschenleer, offenbar wurden die wenigen Bewohner evakuiert und die Behausungen dem Erdboden gleichgemacht. Aber Leonid macht sich unverdrossen daran, wieder die Felder zu bestellen, das wenige verbleibende Vieh zu ordnen und das Haus bewohnbar zu machen. Bald stellt sich heraus, dass man sich auf giftigem Boden bewegt: Galia wird krank, und auf ihr Bitten macht sich Leonid auf in die nahegelegene Kleinstadt Prypjat, um dort seine Kinder und Enkel aufzusuchen. Dort findet er allerdings nur Ödnis: Prypjat ist zur Geisterstadt geworden, in der offenbar fluchtartig verlassenen Wohnung sammelt Leonid ein paar Erinnerungsstücke ein und kehrt zurück. Bald muss er Galia begraben und mit ansehen, wie seine Stute ein missgebildetes Fohlen zur Welt bringt…

Szenenwechsel, einige Monate vorher, in der Kleinstadt Prypjat. Vladimir, der Sohn von Leonid, arbeitet im nahegelegenen Atomkraftwerk Tschernobyl, wie mehr oder weniger der gesamte aus dem Boden gestampfte Ort. Zu Besuch sind gerade Opa und Oma Leonid und Galia, die sich auf das zweite Enkelkind freuen, das demnächst zur Welt kommen wird. Nach der Abreise der Großeltern auf ihren Bauernhof geht das Leben in Prypjat seinen gewohnten Gang, bis am 26. April plötzlich eine Explosion den Reaktor Vier von Tschernobyl erschüttert. Vladimir tut zu der Zeit gerade Dienst und wird mit den anderen schwer verstrahlten Arbeitern heimlich nach Moskau geschafft, während die Behörden die Anwohner einen Tag lang im Glauben lassen, alles sei halb so wild, und die umher wabernden Wolken würden sich bald wieder verziehen. Als immer mehr Feuerwehrleute an den Ort des Unfalls eilen, mit Atemmasken und Schutzanzügen ausgestattete Sicherheitskräfte die Stadt übernehmen und die Bevölkerung schließlich hastig in Busse verfrachten, wird Vladimirs Frau Anna klar, dass die Lage wohl deutlich ernster ist als man sie glauben machen will.

In einem notdürftig eingerichteten Quartier untergebracht, lebt sie in Ungewissheit über das Schicksal ihres Mannes und steht Todesängste aus, ob ihr Kind denn wirklich gesund zur Welt kommen wird. Einstweilen sterben die unmittelbar der Strahlung ausgesetzten Mitarbeiter und die nachgeschickten Rettungskräfte, die so genannten Liquidatoren, reihenweise, darunter auch Vladimir, während Präsident Gorbatschow notgedrungen einräumen muss, dass sich in Tschernobyl eine unerhörte Katastrophe ereignet hat… 2006. Annas Kinder Yuri und Tatjana begeben sich auf der Suche nach Antworten zwanzig Jahre später an den Ort des Geschehens. Sie durchstreifen die Ruinen von Prypjat, machen vergessene Schauplätze ihrer Kindheit aus und finden sogar die Wohnung, in der der kleine Yuri Bilder von Tschernobyl malte. Erschüttert reisen sie weiter und machen sogar die Gräber der Großeltern Leonid und Galia aus. Ein Nachbar gibt ihnen noch einen Schuhkarton in die Hand: die Habseligkeiten, die Leonid vor 20 Jahren aus der verlassenen Wohnung rettete, sind alles, was von ihrem alten Leben geblieben ist…

Francisco Sanchez legte 2011 mit Tschernobyl sein Debüt als Graphic Novel Autor vor und packte damit gleich ein Thema von historischer Tiefe an. Jener April 1986 hat sich wohl jedem aus unserer Generation als der Tag eingeschrieben, als das Wort Super-GAU eine brisante Bedeutung bekam, als man plötzlich über die Gefahren der Atomkraft nachzudenken begann, frisches Gemüse und Wild kritisch beäugte und bei Regen lieber einmal zu Hause blieb. Lange Zeit versuchte die damalige UdSSR, das wahre Ausmaß der Katastrophe unter Verschluss zu halten, und im Gegensatz zu Fukushima, das die Welt mehr oder weniger live mit verfolgte, blieben die vielen Einzelschicksale in und um Tschernobyl oft im Mantel der Vergessenheit. Bis heute gilt das Areal um den Reaktor als verstrahlt, dennoch haben sich mehr als 300 Menschen aufgemacht, wieder ihre alten Häuser zu besiedeln – aber die Mehrzahl bleibt dem Sarkophag, der die Ruinen überdeckt, fern, und Prypjat ist die fast schon sprichwörtliche Geisterstadt geblieben, die sie 1986 auf einen Schlag wurde.

Sanchez nähert sich seinem Sujet bewusst nicht chronologisch, gibt keinen historisch oder gar technisch akkuraten Abriss, sondern schildert die Ereignisse in drei Kapiteln aus Sicht von drei Generationen einer Familie, deren Leben stellvertretend für alle durch die Katastrophe für immer betroffen wird. Dabei erleben wir durch die Augen der Figuren, wie die Liquidatoren unter Einsatz ihres Lebens Schlimmeres verhindern (und dabei unweigerlich selbst schwerste Schäden davontragen), wie die offiziellen Stellen zunächst alles herunterspielen und dann anonym und machtvoll die Evakuierung durchziehen. Natacha Bustos inszeniert das Geschehen dabei nach eigenen Aussagen ganz bewusst nicht spektakulär oder effekthaschend, sondern zurückhaltend, privat, und vor allem die zentrale Szene der Explosion erscheint als lautloser Schattenriss (entgegen der ursprünglichen Planung, dies als großformatiges Panel auszubreiten, wozu wir im Anhang noch einen entsprechenden Entwurf bestaunen können), was kongenial wiederspiegelt, wie abstrakt und zunächst harmlos alles auf die Einwohner wirkte. So entsteht ein zutiefst individuelles, aber gerade so über den Einzelfall hinausweisendes Bild einer Kette von Ereignissen, die die Welt für immer veränderten, letztendlich auch zum Sturz der UdSSR in ihrer damaligen Form beitrugen und auch nach 30 Jahren nichts von ihrer brennenden Aktualität verloren haben. Einziges Ärgernis ist das Vorwort, das anstelle einer Genre-Verortung einem parteipolitischen Statement Raum gibt, was in einem Comic nichts verloren hat, egal welcher Couleur es auch sein mag. (hb)

Tschernobyl: Rückkehr ins Niemandsland
Text: Francisco Sanchez
Bilder: Natacha Bustos
192 Seiten in schwarz-weiß, Softcover
Egmont Graphic Novel
19,99 Euro

ISBN: 978-3-7704-5525-6

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