Ein Frühling in Tschernobyl (Splitter) | Comicleser

Ein Frühling in Tschernobyl (Splitter)

August 13, 2013

Ein Frühling in Tschernobyl

Emmanuel Lepages neuer Reisebericht ist ganz anders als jener über seinen Trip zu den Französischen Süd- und Antarktisgebieten (Reise zum Kerguelen-Archipel, auch bei Splitter). Naturgemäß. Denn schließlich geht es an einen Ort, der nicht gerade als Touristen-Spot berühmt ist: nach Tschernobyl, wo sich am 26. April 1986 die größte Nuklearkatastrophe der Geschichte ereignete.

Aber warum um Himmels willen ausgerechnet nach Tschernobyl? Lepage entschließt sich für die Reise und das damit verbundene Risiko nach einer Begegnung mit einer Künstlerinitiative. Er soll als Zeichner „das befremdliche Leben dort einfangen und illustrieren.“ Der Band beginnt mit einem düsteren Rückblick, einem kurzen Abriss, was damals geschah, welche Auswirklungen und welche schrecklichen Folgen die Katastrophe für die Menschen hatte und nicht nur für die, die in der unmittelbaren Umgebung des Reaktors lebten. Das was eben allgemein hin bekannt ist. Im Frühjahr 2008 beginnt die Reise an den Rand und in die verbotene Zone. Die Gruppe um Lepage begegnet verschiedenen Menschen, deren Leben von der Katastrophe bestimmt ist, auch 22 Jahre später. Man sieht sich u.a. den Reaktor an, den Betonsarg (20 Minuten Aufenthalt – länger wäre zu gefährlich) und fährt nach Prypjat, die Geisterstadt mit Riesenrad und Schwimmbad, die Zocker aus Call of Duty: Modern Warfare kennen. Und man besucht verlassene Orte, die auch Google Erde nicht mehr weiß. Dazwischen immer Begegnungen mit Menschen, mit deren Geschichte oder Zukunft, stets von der Katastrophe beeinflusst.

Der Band ist hauptsächlich in schwarz-weiß gestaltet. Oder besser: in Schwarz-, Braun- und Grautönen. Aber nicht ganz. Farbe ist hier ein Stilmittel, das zuerst in Form von knalligem Rot auftaucht: Die Verbots- und Warnschilder am Eingang der verbotenen Zone. Später – als Zeichen der Vertrautheit mit dem Schrecken? – werden die Seiten bunter. Die Farben der Natur ziehen ein. Statt des Grauens, das Lepage eigentlich dokumentieren wollte, zeichnet er die vermeintlich unberührte, farbige Natur, oder: die Natur, die sich langsam Orte und Straßen zurück erobert. Und die trügerisch ist. Noch immer. Nur der Dosimeter, der zur Grundausstattung gehört, zeigt die Gefahr, zeigt, ob und wie die Erde verstrahlt ist. Ein unsichtbarer Schrecken, der sich hinter der Stille der Natur und der Pracht des Frühlings verbirgt. Natürlich bekommt Lepage Gewissensbisse: wie kann ich farbenfrohe Bilder malen, die bunte Natur festhalten inmitten des eigentlichen Schreckens? Schließlich fand hier eine Katastrophe statt, die zehntausende Menschenleben gefordert hat und dies noch tut. Die „strahlende Schönheit des Ortes“…

Prypjat: und immer klickt der Dosimeter

Prypjat: und immer klickt der Dosimeter

Der Bericht weist natürlich nicht die Dynamik von Reise zum Kerguelen-Archipel auf. Es geht nicht von Insel zu Insel. Man verweilt in einer Region. Und die ganz anders ist als gedacht. Auch die Menschen, die dort leben. Die dies wollen oder nicht fort können. Sie zeigen nicht die Geschichte, die hinter jedem Gesicht steckt. Auch hier bleibt der Schrecken unsichtbar. Oder wird er verdrängt? So legt Lepage die Verwirrung in seinem Gefühlsleben erstaunlich offen. Beginnend mit der offensichtlichen Angst vor der Reise, die unbewusst zu einer schmerzenden Zeichen-Hand führt. Die Diskussion mit seiner Familie. Dann die ständig auftauchenden Gewissensbisse, die allgegenwärtige Unsicherheit. Wohin kann ich gehen, was kann ich essen, was trinken, ohne Gefahr? Visualisiert werden diese Ängste durch das Maul eines Krokodils, das Lepage immer wieder zeichnet, in dem er sich bewegt. Wird es zuschnappen oder ihn verschonen? Eine treffliche Verbildlichung seines Gefühlslebens bei dieser Reise.

Dass er ein großer Zeichner ist, steht außer Frage. Fast jedes seiner Bilder ist einen zweiten Blick wert. Nicht nur die Darstellung der Natur, auch die Vielfalt seiner Portraits beeindruckt einmal mehr. Ein lehrreicher und faszinierend unterhaltsamer Band, der erstaunliche Einblicke gewährt, der die Natur und den Mensch in den Mittelpunkt der Katastrophe stellt. Den von außen und den mittendrin. (bw)

Ein Frühling in Tschernobyl
Text & Bilder: Emmanuel Lepage
168 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
29,80 Euro

ISBN: 978-3-86869-619-6

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