Reise zum Kerguelen-Archipel (Splitter) | Comicleser

Reise zum Kerguelen-Archipel (Splitter)

Juli 12, 2012

Reiseberichte in Comicform sind mittlerweile fast als eigenes Genre zu sehen. Etliche Zeichner haben in den vergangenen Jahren ihre Trips in Bildern und Geschichten gefaßt, wie beispielsweise Reinhard Kleist mit Havanna oder Craig Thompson mit Tagebuch einer Reise. Guy Delisle konzentriert sich sogar (fast) komplett auf diese Sparte und gewährt uns interessante wie exotische Einblicke, u.a. nach Nordkorea oder Birma. Jetzt legt Emmanuel Lepage beim Splitter-Verlag seinen Reisebericht vor. Der setzt dem Untergenre die Krone auf und macht doch alles anders. Und besser – ohne die gerade genannten Titel zu schmähen.

Dabei lernt Lepage gar keine fremden Völker und Kulturen kennen. Genau genommen verlässt er nicht einmal Frankreich. Und doch geht die Reise an Orte, die viele gemeinhin als den A… der Welt bezeichnen würden. Die so entlegen sind, dass es gleich gilt, die geographischen Fakten zu klären: Erdkunde Beflissene wissen, der Kerguelen-Archipel oder die Kerguelen sind Teil der Französischen Süd- und Antarktisgebiete und liegen tief im Süden des Indischen Ozeans. Für weitere geographische Studien freut sich Google Erde über Ihren Besuch. Genau genommen ist der Titel des Buches irreführend. Denn die Kerguelen sind nur eines der Reiseziele. Im Original heißt der Band dann auch Reise zu den Inseln der Trostlosigkeit. Aber passt das?

Im Frühjahr 2010 ergatterte Emmanuel Lepage zusammen mit seinem Bruder François, einem Fotografen, einen der begehrten Plätze auf der Marion Dufresne, dem einzigen Versorgungsschiff, das mehrmals pro Jahr die entlegenen französischen Südgebiete anfährt (Flugzeug geht mangels Landebahnen nicht). Mit an Bord neben der Besatzung: Eine Handvoll Touristen, einige Künstler, und sonst nur Wissenschaftler und Verwaltungsbeamte, die jene ersetzen, die lange Monate auf den Basen verbracht haben. Die Fahrt beginnt auf Réunion und geht zuerst nach Norden zur einsamen Tromelin Insel. Dort wird die Wetterstation versorgt. Anschließend beginnt die lange Reise in den sub-antarktischen Süden. Ziele sind die Crozetinseln, die Kerguelen und schließlich auf der Rückfahrt die Amsterdam-Insel. Jede dieser Insel(n) hat ihre eigene Forschungsstation. Zum Spaß leben dort keine Menschen. Nur Albatrosse, Pinguine, Seelöwen und dergleichen. Naturparadiese. Die Reise dauert 30 Tage und endet schließlich wieder auf Réunion.

Das sind die nüchternen Fakten. Was Lepage daraus macht, ist ein grandioses Fest für das Auge. Dass er zeichnen und Geschichten erzählen kann, wissen wir spätestens seit Nico (dt. bei Salleck) oder Oh, diese Mädchen, das ebenfalls bei Splitter erscheint. Bei seiner Reise zum Kerguelen-Archipel beweist er dieses Können erneut und garniert es mit spontanen Aquarellzeichnungen und Skizzen, die vor Ort entstanden. Oft sehr schnell und roh, Momentaufnahmen aufgrund von Zeitmangel oder weil es wegen Wind und Wetter einfach nicht anders ging. Wo es möglich und sinnvoll ist, werden historische Fakten und Informationen eingebaut (die Schiffbrüchigen auf Tromelin, die Entdeckung der Kerguelen durch den gleichnamigen Admiral). Obwohl die Handlung, bzw. der eigentliche Reiseverlauf in schwarz-weiß-grau geschildert wird, spielt Farbe eine wichtige Rolle. So beeindrucken als Kontrast um so mehr die teils doppelseitigen Farbpanoramen der urgewaltigen Insellandschaften, des Meeres und des Schiffes. Auch die Portraits der Menschen, ob Besatzungsmitglieder oder Forscher, sind oft farbig. Lepage ist sich immer ehrfürchtig bewußt, dass er nur auf Durchreise ist, dass er die einmalige Natur nur erahnen aber aufgrund der kurzen Verweildauer wenn überhaupt, dann nur ansatzweise erfassen kann. Die Versorgungsmission hat immer Vorrang, die Wetterbedingungen diktieren die Arbeit. Dem muss man sich unterordnen. Und so stehen neben der Natur auch die Menschen im Fokus, die hier ihren Forschungen nachgehen und den widrigen Bedingungen über (Winter)Monate hinweg trotzen.

Schön, dass der Verlag den Titel im großen Albumformat bringt und nicht in Buchform. Das würde Bilder und Zeichnungen doch arg einengen. So bleibt ein wunderbarer Bericht über eine Reise erhalten, die die wenigsten von uns jemals antreten werden. (bw)

Text & Zeichnungen: Emmanuel Lepage
158 Seiten in schwarz-weiß-grau und Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
29,80 Euro

ISBN: 978-3-86869-492-5

Reisefotos von François Lepage:
http://www.scribd.com/doc/47463470/REPORTAGE-PHOTO-EN-TERRES-AUSTRALES

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