Manara Werkausgabe, Band 16 (Panini) | Comicleser

Manara Werkausgabe, Band 16 (Panini)

März 13, 2016

Manara Werkausgabe, Band 16 (Panini)

Üblicherweise werden die Arbeiten Milo Manaras in seiner Werkausgabe thematisch oder nach Serien geordnet (wie zuletzt die Borgia-Alben zusammengefasst in einer Ausgabe). Beim aktuellen Band 16 ist das anders. Enthalten sind drei Einzelalben, drei Geschichten, vom Naturell und vom Genre völlig unterschiedlich und aus verschiedenen Schaffensperioden des italienischen Comic-Meisters.

Den Anfang macht „Mann aus Papier“, ein Western voller schrulliger Personen, von denen die meisten namenlos bleiben. Unser Titel-Held, der mit seiner Märe in Richtung Maine unterwegs ist, um dort seine Angebetete zu suchen, trifft auf einen alten französischen Haudegen, der nach Quebec will, um dort seinen Landsleuten beizustehen. Was beide dann weit weg in Arizona zu suchen haben, wird nur ansatzweise geklärt. Bald nimmt ihre Reise, noch ehe sie richtig begonnen hat, eine unvorhergesehene Wendung, denn das ungleiche Duo begegnet einer (warum auch immer) gefangenen, äußerst hübschen Sioux Squaw namens Weißer Hase, die sie nach Fort Laramie eskortieren sollen. Was natürlich gehörig schief geht. Unterwegs treffen sie auf einen irren Reverend, der bei Regen Amok läuft und einen Andersrum-Indianer, der alles verkehrt herum macht, wie rückwärts auf dem Gaul zu reiten. Zwischen diversen Abenteuern kommen sich der Titel-Held und Weißer Hase näher, ohne dass das einer von beiden zugeben mag. „Mann aus Papier“ entstand 1981 und erschien erstmals 1984 auf Deutsch im Volksverlag unter dem Titel „Vier Finger“. 1988 folgte eine Neuauflage im Verlag Schreiber & Leser. Ein ungewöhnlicher Western mit bisweilen irritierenden Episoden und skurrilen Charakteren, die sich so gar nicht in das gemeine Bild des Genres zwängen wollen.

Das zweite Album ist „Der Schneemensch“, das bereits 1978 entstand und in der Reihe „Ein Mann, ein Abenteuer“, die kurzzeitig anfang der Neunziger auch bei uns erschien, veröffenlicht wurde. Die Handlung spielt in den 1920er Jahren. Der Journalist Kenneth Tobey beschäftigt sich mit Berichten über den „abscheulichen Schneemenschen“, die immer wieder bei den Expeditionen im Himalaya auftauchen. Er entdeckt, dass die Berichte bis ins Altertum zurückgehen und bekommt schließlich die Gelegenheit, an einer dieser Expeditionen teilzunehmen, die den damals noch unbestiegenen Mount Everest zum Ziel hat. Nach einem verheerenden Lawinenabgang sieht sich Tobey einer ganzen Horde vermeintlicher Schneemenschen gegenüber und erwacht schließlich in einem abgelegenen Kloster, wo ihn die Mönche gesund pflegen. Bald streift er seine westliche Lebensweise ab und lernt das Dasein im Kloster zu schätzen. Und kommt nebenher dem Geheimnis um den Yeti auf die Spur. Beim Schneemenschen, der nach einem Skript von Alfredo Castelli entstand, pflegte Manara noch einen zeichnerischen Realismus, wobei sein charakteristischer Strich schon deutlich erkennbar ist. Es gibt viel zu lesen und die Panelaufteilung und -abfolge bedient sich bisweilen filmischer Mittel.

Die dritte und letzte Geschichte ist einer der seltenen Ausflüge Manaras in das Science Fiction Genre. Hier folgt auch der größte zeitliche Sprung, denn Manara gestaltete „Flucht von Piranesi“ im Jahre 2002, ein Jahr später folgte das Album auf Deutsch bei Schreiber & Leser. Auf dem Straflagerplaneten Piranesi wird eine junge Frau entdeckt, die keine biologische Prägung aufweist. Das bedeutet, ihr Genmaterial ist original und unverändert. Ein Unding, denn es ist normal, dass Menschen genetisch verändet werden, um negative Eigenschaften zu eliminieren. Auf Piranesi sind Elektrizität und Motoren streng verboten. Unsere namenlose Heldin freundet sich mit einem Mitgefangenen an, der als Agent für das Imperium arbeitet, und der eine antike Fahrzeug-Fabrik untersuchen soll. Schließlich schließt sich die Dame dem Wiederstand an, der gegen das Imperium und die (erzwungenen) Genmanipulationen kämpft. Piranesi wurde als Fortsetzungsgeschichte konzipiert, was das jähe Ende erklärt. Leider blieb es nur bei dem einen Band. Kurios: das Album sollte ursprünglich als Werbung für den Mini dienen, weshalb einige kuriose Anspielungen noch enthalten sind. Genau wie diverse Verbeugungen vor Moebius und einem Schuß Gesellschaftskritik. Der Werkausgaben-Band bringt die Story erstmals in Farbe.

Insgesamt bietet der Band einen ungewöhnlichen Querschnitt durch Manaras Schaffen mit Geschichten, die lange nicht mehr veröffentlicht wurden und bei denen die charakteristische Erotik-Komponente einmal im Hintergrund steht, gänzlich fehlt oder nur dezent vorhanden ist. Das Vorwort bietet zu den Geschichten viele wertvolle und erläuternde Informationen, die die Entstehung der Einzelalben in den entsprechenden Kontext setzen. Diverse ganzseitige Illustrationen, die wie immer ein Augenschmaus sind (jaja, diesmal inklusive Erotik), runden den Band gelungen ab. (bw)

Manara Werkausgabe, Band 16
Text: Milo Manara, Alfredo Castelli
Bilder: Milo Manara
172 Seiten in Farbe, Hardcover
Panini Comics
39,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-630-6

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