Sherlock Fox, Band 1 (Splitter) | Comicleser

Sherlock Fox, Band 1 (Splitter)

November 18, 2014

Sherlock Fox, Band 1 (Splitter)

Polizist ist er, der Ney Quitsou. Und ein verdammt guter obendrein. In einer sehr viktorianisch-englisch anmutenden Umgebung sprengt er Schmugglerbanden, entlarvt Hochstapler und schreckt dabei auch nicht davor zurück, Missetäter aus den Kreisen der Reichen und Schönen zu enttarnen. Dabei nimmt er seine Arbeit akribisch ernst, zieht hohen Genuss aus dem Abfassen von Polizeiberichten, speist alleine im Restaurant und widmet sich auch sonst ganz seinem Scharfsinn. Das hat ihm auch seinen Beinamen Sherlock eingebracht, genauer gesagt Sherlock Fox – und das ist, wie er selbst feststellt, wenig originell, da man ja Füchsen allgemein Schlauheit nachsagt. Denn Ney ist nicht nur Gesetzeshüter, sondern ein Fuchs.

Die Welt, die er auf seinem Hochrad artistisch durchrast, besteht in bester Fabel-Manier durchgehend aus Tieren, die menschenähnlich (anthropomorph, wie man in Niederbayern sagt) auftreten – aufrechter Gang, Kleidung, Sprache und die gleichen sozialen Defizite, die den Homo Sapiens auszeichnen. Durch diese menschenleere Welt jagt auf einmal ein Schock, der selbst Sherlock aus der Bahn wirft: ein Fall von Zoophagie erschüttert die Gemeinschaft – das Fressen von lebendigen Tieren, das man aus einem Skelett ableitet, das noch Messer- und Biss-Spuren aufweist. Kaum nimmt Sherlock die Ermittlungen auf, führen diese nicht nur in die höchsten Polizeizirkel selbst hinein, sondern zeitigen auch die Erkenntnis, dass das Skelett keiner bekannten Tierart angehört…

Jean-David Morvan (Sillage, Spirou) liefert wie auch schon bei Univerne (ebenfalls bei Splitter) einen faszinierenden Ausflug in eine alternative Realität, die mehr als nur deutliche Züge von George Orwells Anti-Utopie Animal Farm trägt. Wo aber bei Orwell noch das ursprüngliche sozialistische Ideal pervertiert wird („Alle Tiere sind gleich, aber einige sind gleicher“), zeigt Morvan, wo ein invertierter Darwinismus hinführt: die tierische Gesellschaft fußt auf der Abschaffung aller Instinkte, animalische Gewaltausbrüche wie Kratzen oder gar Beißen gelten als pervers, weshalb der Mordfall ganz besonders un..tierisch wirkt („welch ein Tabubruch!“, entfährt es Ney beim Anblick des Opfers). Sex ist vom Zwecke der Fortpflanzung entkoppelt und überlebt bestenfalls als halbseidenes Vergnügen, und der erste von Ney gestellte Schmuggler aus guter Familie entpuppt sich als masochistischer Büffel, der inständig bittet, geschlagen und bestraft zu werden.

Ganz entgegen dem Anspruch, eine gänzlich rationale, nicht triebhafte Sozialordnung zu leben, stellen sich die Tiere als korrupt, teilweise pervers und so ganz und gar nicht trieblos dar – die Unterdrückung der eigenen Natur, eine Ausschaltung jeglicher animalischer Triebe schlägt gleich mehrfach zurück. Die Erzählkonventionen der Fabel, die in Comics ja vor allem im Funny-Genre durchaus geläufig sind, werden dabei eingehalten, aber inhaltlich düster aufgeladen und vom chinesischen Newcomer Du Yu zeichnerisch stimmig umgesetzt, wobei vor allem die großflächigen Panels eine teilweise märchenhafte Atmosphäre erzeugen. Wir sind gespannt auf Band zwei! (hb)

Sherlock Fox, Band 1: Der Jäger
Text: Jean-David Morvan
Bilder: Du Yu
64 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
14,80 Euro

ISBN: 978-3-95839-037-9

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