Jhen, Integral 1 (Kult Comics) | Comicleser

Jhen, Integral 1 (Kult Comics)

Februar 16, 2021

Frankreich in der Zeit des 100-jährigen Krieges, genauer gesagt im Frühjahr 1431: das Land ist zerrissen, von Engländern besetzt und von Machtkämpfen der lokalen Landesfürsten im Norden geteilt. Als ob der Aufregung nicht schon genug wäre, taucht auch noch eine junge Dame auf, die sich als „Johanna von Frankreich“ bezeichnet und als Jeanne d’Arc anfangs durchaus erfolgreich für König Karl kämpft. Schnell allerdings fällt die Holde in Ungnade und wird in Rouen zum Tode verurteilt, wovor sie ein waghalsiger Trupp unter Führung des Baumeisters und Kriegers Jhen Roque vergeblich zu retten versucht. Jeanne endet auf dem Scheiterhaufen, Jhen flieht und schließt sich den Truppen einer schillernden Persönlichkeit an: niemand Geringerer als der Konnetabel und Marschall von Frankreich Gilles de Laval, Herr de Rais (Gilles de Rais – noch genauer brauchen wir’s nicht), der sich seinerseits um die Freilassung Johannas bemühte, nimmt ihn auf.

Alsbald trifft man auf einen angeblichen Bischof mit seinem Gefolge, der sich äußerst verdächtig benimmt. Der Tross gerät in einen Hinterhalt und wird überfallen, wobei eine Kiste mit Gold abhandenkommt, die – so entlockt man es einem der überlebenden Angreifer – den „Judaslohn“ enthält, den die Engländer einem französischen Kollaborateur für den Verrat an Johanna zukommen lassen wollen. Im Kloster St. Benoit de Montlur konfrontiert Jhen den offenkundig falschen Bischof mit diesen Vorwürfen, der sich flugs aus dem Staube macht, vorher Gilles aber noch ein Schuldeingeständnis unterschreibt. Man weiß ja nie, wofür man so etwas noch brauchen kann. Weiter zieht der Trupp in Richtung Tiffauges, eines der prächtigsten Schlösser von Gilles de Rais, der Jhen damit beauftragt, auf dem Schlossgelände eine Kapelle zu errichten. Jhen macht sich frisch ans Werk, wird aber den Verdacht nicht los, dass hier irgendetwas faul ist: immer wieder verschwinden Kinder aus den umliegenden Dörfern, und auch im Schloss geht so manches nicht mit rechten Dingen zu. Bald folgt Gilles einer Einladung an den Hof König Karls, wo er in Begleitung von Jhen den Auftrag entgegennimmt, die französischen Truppen gegen die englischen Besatzer zu führen, was die beiden ungleichen Gefährten mitten im Winter tief in den Norden des Landes führt…

Nach dem Feldzug gegen die Engländer: Jhen bereitet mit dem Pfarrer eines kleinen Dörfchens das Weihnachtsfest vor, als man plötzlich erstaunlichen Besuch erhält. Eine wilde Horde sprengt das Festmahl der Bauern, angeführt von einer Dame, die eine abenteuerliche Geschichte auftischt: sie gibt sich als Johanna von Frankreich aus, an deren Stelle eine andere arme Sünderin auf dem Scheiterhaufen gestorben sei. Jhen glaubt kein Wort, vor allem, als die Neuankömmlinge sich als niederträchtige Räuber herausstellen, die er geschickt in die Flucht schlägt, wobei die Hochstaplerin im eisigen Bach zu Tode kommt. Wieder trifft Jhen auf Gilles, der unterwegs zum Schloss de Croussy ist, da sich dort Hausbesetzer breitgemacht und den mit Gilles befreundeten eigentlichen Schlossherrn vor die Zugbrücke gesetzt haben. Man beginnt eine systematische Belagerung, bei der Jhens baumeisterliche und strategische Kenntnisse gleichermaßen gefragt sind. Gilles wird bei einem Ansturm verletzt und muss sich zurückziehen, was ihn nicht davon abhält, im nahegelegenen Dorf dem Knabenchor der Kirche zu lauschen – worauf erneut diverse Kinder unauffindbar bleiben. Alsbald geben sich die Besatzer des Schlosses geschlagen und ergeben sich, wobei eine weitere angebliche Johanna von Frankreich präsentiert wird…

Die vergriffene Vorzugsausgabe

Anstatt mit Gilles den Sieg zu feiern, folgt Jhen dem Hilferuf dreier Abgesandter der Stadt Gore, die von Wegelagerern und Halsabschneidern bedroht wird. Auf dem Weg liest man in den Ruinen eines Klosters den Eremiten Bruder Parfait auf, der sein Heil ebenfalls im Schutz der Stadtmauern suchen will. Die Lage spitzt sich schnell zu, als der schurkische Konrad Tierstein den Bewohnern der Stadt ein Ultimatum stellt: entweder man entrichtet ein stattliches Schutzgeld, oder die Halsabschneider werden die Stadt nach allen Regeln der Kunst plündern. Das kann Jhen natürlich nicht zulassen, und so rüstet man sich zum heroischen Widerstand gegen die Marodeure…

Wer auch noch den geringsten Zweifel hegt, dass das Mittelalter eine im wahrsten Wortsinne finstere Veranstaltung war, dem sei diese wunderbar eingerichtete Neuausgabe der Albenreihe ans Herz gelegt, die Altmeister Jacques Martin (u.a. Alix, L. Frank, Arno) und Jean Pleyers Anfang der 80er Jahre ersannen und umsetzten. Nur auf den ersten Blick leicht angelehnt an berühmte Vorbilder wie Hansrudi Wäschers strahlenden „ritterlichen Held“ Sigurd, entwerfen Martin und Pleyers ein ebenso akribisch recherchiertes wie realistisches Bild einer Epoche, in der Menschenleben nichts gelten, Macht und Geld sowohl die irdischen als auch kirchlichen Machthaber leiten und Ehrlichkeit Mangelware ist. Faszinierend und zutiefst erschreckend gleichzeitig gerät dabei die historisch verbürgte Figur des Gilles de Rais, der nach heutigen Maßstäben ein psychopathischer Serienmörder mit zutiefst abseitigen Neigungen war, der er aufgrund seines adligen Status lange Zeit ungestraft nachgehen konnte, bis er schließlich zum Tode verurteilt wurde – wegen anderer Vergehen, wohlgemerkt, nachdem die massenweise Entführung und Tötung hunderter von Knaben in der Gerichtsbarkeit nicht der Rede wert waren.

Die ganze Grauenhaftigkeit dieses Unwesens beschreibt Martin in dem 2008 erschienenen Sonderband „Gilles de Rais“ aus der Serie „Die Reisen des Jhen“, der dieser Ausgabe quasi als Vorwort vorangestellt ist und auf mehr als 60 von Pleyers reich bebilderten Seiten die aus heutiger Sicht unfassbare Geschichte dieses Mitkämpfers der Jeanne d’Arc, Kriegshauptmanns, Marschalls, Alchemisten und Kindermörders ausbreitet, komplett mit einem historischen Abriss der politischen Strömungen des hundertjährigen Krieges, inklusive der wiederholten Versuche diverserer Hochstaplerinnen, sich als Jeanne d’Arc auszugeben.

Umso erleichterter sind wir da, dass mit Jhen Roque ein aufrechter, moralisch einwandfreier Held zu konstatieren ist, der zwar nicht weniger handgreiflich vorgeht, aber dennoch auf der Seite von Recht und Ordnung steht und versucht, den Missetaten des Gilles – die hier allenfalls im Hintergrund angedeutet werden – Einhalt zu gebieten. Optisch gerät diese komplexe Mischung aus Fiktion und Realität zu einem absoluten Hochgenuss, in dem Pleyers historische Präzision mit Detailverliebtheit und Dynamik verbindet. Ein weiterer wunderbarer Integral aus dem Hause Kult Comics, dem schon im März Band 2 folgt, der nach den ersten drei Bänden, die auf Deutsch schon einmal im Feest Verlag zu haben waren, die weiteren Alben in deutscher Erstausgabe enthält. Für Sammler gab es übrigens wieder eine auf 99 Exemplare limitierte Ausgabe mit Exlibris, die allerdings bereits vergriffen ist. (hb)

Jhen, Integral Band 1
Text: Jacques Martin
Bilder: Jean Pleyers
216 Seiten in Farbe, Hardcover
Kult Comics
35 Euro

ISBN: 978-3-94430-101-7

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